der empfindlichsten Briefe dazu.
Sobald Ulrike mit ihrer Untergebenen in sicherer Verwahrung war – denn es musste beständig jemand auf der Treppe wachen, um sie zu hindern, wenn sie vielleicht entfliehen wollten –, so stürzte sich Vignali, wie unsinnig vor Freuden, in ihr Zimmer hinein. "Ich habe gewonnen", rief sie aus, "ich habe gewonnen. Alles geht, wie ich will. Nun sollen alle meine Zwekke erreicht werden, oder der Satan selbst müsste mich hindern. Der stolze, widerspenstige Junge, der meine Gütigkeit so lange gemissbraucht hat, soll gedemütigt werden: er muss sich zum Ziele legen, oder es ist sein Untergang. Das Mädchen will ich erniedrigen: dann werde Gemahlin eines Mannes, der mich liebt, du Elende! – Wie sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimnis abschwatzen liess! Es ist köstlich, wie ich ein Mann angeführt habe. Der Brief von dem Grafen Ohlau ist mir Goldes wert: das soll der letzte Pfeil sein, den ich verschiesse, wenn kein andrer trifft. – Triumph! ich habe gewonnen."
Viertes Kapitel
Herrmann und Ulrike spielten bei dieser unvermuteten Nähe eine sonderbare Rolle: keins sah das andre an, und die ersten zwo Mahlzeiten, die sie zusammen tun mussten, brachten sie beide ganz stumm hin; bei der dritten wurden schon verstohlne Blicke herüber und hinüber geworfen, wobei man aber die gelegenheit sorgfältig ausspähte, dass der angeblickte teil es nicht wahrnahm. Für Vignali war dieses Blickespiel eine herrliche Komödie; und wenn der Zufall einmal die beiden Blicke in einem Punkte zusammentreffen liess, wie dann hurtig ein jedes den seinigen zurückzog und viele Minuten den Kopf nicht wieder aufzuheben wagte! Der Zufall und Vignali veranlassten sie endlich, auch Worte zu wechseln, sosehr es beide anfangs vermieden: aus einzelnen Worten, mit gesenkten Augen gesprochen, wurden allmählich Reden, und nach sechs oder sieben Mahlzeiten war das Gespräch schon wieder leidlich in gang gebracht; allein beide sprachen mit essigsaurem Ernste zueinander, der desto drollichter gegen die Freundlichkeiten abstach, womit ein jedes zu Vignali redete. Der blick milderte sich, nahm bei Ulriken sogar Güte an, ihr Ton blieb nicht mehr gebrochen und scharf, sondern bekam seine natürliche Sanfteit: obgleich auch Herrmann Miene und stimme sehr herabstimmte, so erhielt er sich doch in einer beständigen ernsten Entfernung von ihr und suchte der Vertraulichkeit so sorgfältig zu entgehn, dass er eine übertriebne Politesse gegen sie annahm, die sie dann erwiderte. Dies eiskalte Betragen behielten sie bis zu dem grossen Sturme, den Vignali indessen veranstaltete: jedermann erkannte sie für sehr höfliche Freunde, die sich nie liebten und vermutlich auch nie lieben würden.
Was in ihren Herzen vorging? – Beide wünschten, sich mit Ehren wieder lieben zu können, beide wünschten, dass sie Zufall oder Zwang dahin führen möchte. Die Liebe schwang in beiden die glimmende Fackel, um sie wieder zur Flamme zu bringen. – 'Wenn sich nur Herrmann verzeihen lassen wollte!' dachte Ulrike. – 'Wenn du nur Ulriken unrecht getan hättest!' dachte Herrmann. Auch stellte sich bei ihr ein gutes Symptom wieder ein – eine ziemlich eifersüchtige Empfindung, wenn Herrmann und Vignali zu freundlich miteinander taten.
Die Sache war also wieder in dem besten Gleise; aber Vignali! Vignali! – Sie hat zwei zu mächtige Gründe – Rache und Selbstverteidigung –, warum sie jenen ruhigen gang der Sachen entweder anders leiten oder ganz stören muss. Auch hemmte ihre Unternehmung nichts als die Überlegung, welches von beiden ihr am zuträglichsten sein werde. Sie ersann endlich ein Projekt, das alle ihre Verlangen mit einem Male zu befriedigen versprach: der sklavonische Graf, der ohnehin noch einen alten Groll wider Ulriken wegen des unglücklich abgelaufnen Abendbesuchs hatte und bisher mit seiner Rache nicht an sie kommen konnte, wurde zum Werkzeug ihrer Erniedrigung bestimmt: Herrmann sollte durch Vignalis Veranstaltung Augenzeuge davon sein und also zu aller Versöhnung auf immer abgeneigt werden: auch er sollte zum Zeugen wider Ulriken bei dem Herrn von Troppau dienen, um ihm seine Liebe zu ihr und den Gedanken an die Verheiratung mit ihr zu benehmen. Herrmanns unbezwingliche Seele konnte alsdann durch neue Stürme überwunden werden; denn eine angefangene Eroberung unvollendet zu lassen, wäre für eine solche Herzensbändigerin ein ewiger Vorwurf gewesen. Welch ein trefflicher Plan, der mit einem Hiebe den Knoten zerschnitt! Vignali war nichts als jubel und Wonne.
Dass der Graf die aufgetragene Rolle mit Dank annahm, versteht sich von selbst. Vignali liess des Nachmittags die kleine Karoline zu sich herunterrufen und gab ihr mancherlei Spielzeug, womit sie sich jetzt stundenlang zu belustigen pflegte, weil ihr die Frau von Dirzau kein solches Vergnügen erlaubt hatte: sie spielte eifrig für sich in Vignalis Zimmer. Gegen die Dämmerung begab sich der Graf zu Ulriken, die über den Besuch nicht wenig erstaunte und Misshandlungen für ihre falsche Einladung fürchtete. Der Graf brannte von Wollust und Rache und schritt sehr bald zu verdächtigen Tätlichkeiten: Ulrike argwohnte böse Absichten, zitterte für den Ausgang, da sie im ganzen zweiten Stockwerk allein war, und fasste allen Mut und alle Kräfte zur Gegenwehr zusammen. Sie machte Vorwürfe, sie bat: nichts rührte den entflammten Grafen, der schon in Gedanken Rache und Begierde befriedigte. Die Gewalttätigkeiten wurden so unerhört, dass Ulrike zu Faustschlägen ihre Zuflucht nehmen musste.
Vignali eilte sogleich in Herrmanns Zimmer und schlug ihm einen Besuch bei Ulriken vor: der weigerte sich, allein ihre Autorität zwang ihn zum Gehorsam. Sie gingen leise die Treppe hinan, um