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Herr von Troppau. Abholen? – Das soll er nicht, sondern ich will ihn vielmehr fragen, ob er mir die Erlaubnis gibt, eine anständige Partie für sie zu machen, mit einem mann von gutem haus, dessen Namen ich ihm melden will, sobald ich seine Gesinnungen hierüber weiss.
Vignali. Und dieser Mann sind Sie? – Also ist es wirklich Ihr Ernst? Ich hab es nur für halben Scherz gehalten. – Wie mich das freut! Ich kann Ihnen meine Freude nicht ausdrücken. Also zieht Ihre Tochter zu mir; und in kurzer Zeit sollen Sie über den streitigen Punkt Nachricht haben.
Herr von Troppau. Ich wünschte, dass es bald sein könnte.
Vignali. Freilich, die Liebe zaudert nicht gern. – Weiss es die Frau von Dirzau?
Herr von Troppau. Ich hab ihr etwas davon entdeckt.
Vignali. Vergeben Sie mir! das war ein grosser Fehler.
Herr von Troppau. Warum? Sie rät mir sehr dazu.
Vignali. Sie rät Ihnen dazu? – Wenn Sie nur recht gehört haben! Oder ist es Verstellung. Ich lasse dieser höhnischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm nicht, dass sie Ihnen ein so wesentliches Vergnügen angeraten haben soll: den Ruhm muss ich mir verdienen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so heiratete ich die Baronesse gleich nicht, weil die Frau von Dirzau dazu geraten hat. Soll ich mich ernstlich mit der Sache abgeben, so muss diese weise Dame ihre Hand aus dem Spiele ziehen; und ich hoffe doch, dass Sie einen so angenehmen Dienst lieber von mir annehmen werden als von einer solchen Betschwester, die alles tadelt, was Sie sagen und tun? – Versprechen Sie, dass Sie die Frau von Dirzau nicht weiter zu Rate ziehen wollen?
Herr von Troppau. Ja, Vignali, ich versprecht es. Niemandem als Ihnen will ich die grösste Verbindlichkeit schuldig sein.
Vignali. O wie mich das freut, dass Sie sich vermählen wollen! und dass Sie mich zur Mittelsperson wählen! Ich kann mich vor Vergnügen nicht halten. Wie mich das freut!
Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und ging geradeswegs zu Ulriken hinauf, um ihr die bevorstehende Veränderung ihrer wohnung zu melden. Ulrike wusste nicht, was sie von dieser unvermuteten Revolution fürchten oder hoffen sollte: sie entschuldigte sich, dass sie ohne der Frau von Dirzau Erlaubnis so etwas nicht unternehmen dürfte. – "Der Herr von Troppau befiehlt", sprach Vignali heftig, "und ich befehle Ihnen im Namen des Herrn von Troppau: brauchen Sie mehr? – Mein Kind", rede'te sie die kleine Karoline an, "Sie sollen inskünftige bei mir wohnen, hat Ihr Papa befohlen."
"Ach, bewahre mich Gott!" schrie die fräulein und floh von ihr. "Sie verführen mich."
Vignali. Närrchen! ich habe ein herrliches Gebetbuch für Sie angeschafft, in schwarzen Samt gebunden, vergoldet auf dem Schnitt, und bei dem Buchbinder sind noch drei schönere. Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten.
Karoline. Können Sie auch beten? – Sie sind ja eine Sünderin.
Vignali. Das hat Ihnen Ihre einfältige Tante überredet. Ich verstehe das Beten besser als Sie.
Karoline. Sie prahlen. Das versteht niemand so gut als ich. – Und nun betete sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten, Sprüchen und Liedern her; und da sie fertig war, fragte sie mit der äussersten Selbstgenügsamkeit: "Können Sie so beten?"
Vignali. Meine kleine Einfalt, hundertmal besser! Sie werden sehen: kommen Sie nur!
Karoline. Nein, mit Ihnen gehe ich nicht: Sie sind ein freches Kind des Satans.
Vignali. Du einfältigster Papagei der einfältigsten Tante! Komm! deine Gouvernante wird so gescheit sein und dir ungebeten nachfolgen. –
Mit diesen Worten nahm sie die achtjährige fräulein auf die arme, trug sie den Flur hindurch, die Treppe hinunter, die Strasse hinüber in ihr Haus hinein: das Kind faltete zitternd die hände und betete so inbrünstig, als wenn sie der Teufel in seinen Klauen davontrüge. Ulrike ging voller Verlegenheit in einer kleinen Entfernung hinterdrein. Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl, die Sachen der beiden Flüchtlinge herüberzuräumen; und das Zimmer war schon zur Hälfte leer, als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr. Ihre Bedienten, die das Ausräumen verhindern sollten, halfen dabei, weil Vignali ein gutes Trinkgeld versprochen hatte. Die Frau von Dirzau lief in eigner person zu ihrem Bruder und beschwerte sich, dass er ihre Möbeln wegschaffen liess. – "Ich will sie bezahlen", rief er. -"Und deine Tochter willst du in die hände eines so schändlichen Weibes geben?" – "Ich bekümmere mich um solche Sachen nicht", antwortete ihr Bruder. "Vignali hat mich gebeten, dass ich sie zu ihr in Pension tun soll: ich hab es ihr versprochen: nun misch ich mich weiter nicht drein. Schicke mir die Rechnung für die Möbeln! dann seht ihr, wie ihr auseinanderkommt. Ich will ausgehn. Adieu, Schwester." – So war er zur Tür hinaus. Was war also zu tun? Die Frau von Dirzau musste in ihr Zimmer zurück, musste geduldig leiden, dass man Ulrikens Zimmer ausleerte, und ihren Ärger in frommer Gelassenheit verbeissen. Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre Möbeln zurück, weil sie einen unmässigen Preis darauf setzte, und schrieb ihr einen