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wenn ihn neue Reizungen einluden: jedesmal zitterte er vor der Gefahr, wünschte sie sich wieder und eilte ihr entgegen, wenn sie sich zeigte. Nicht wollen und doch wollen, verwerfen und doch begehren, vermeiden und doch suchen, war der Lebenslauf seines Herzens.

Drittes Kapitel

Vignali, die über den zaghaften Liebhaber bis zum Zähneknirschen zürnte, hatte das Unglück, nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren besoldeten Aufpassern zu erfahren: sie meldeten ihr, dass der Herr von Troppau einen Brief, von unbekannter Hand geschrieben, erhalten habe und seitdem Ulriken mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse, dass er sich zu ganzen Stunden mit ihr unterrede und dass sie jedesmal sehr vergnügt und froh sich von ihm trenne. zwei Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener, dass er den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die Unterschrift 'Le Comte d'Ohlau' habe lesen können. Noch den nämlichen Tag erfuhr sie, dass der Herr von Troppau bei seiner Schwester gespeist habe, was er in zwei Jahren nicht getan hatte, und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinett gewesen sei. Mehr brauchte Vignali nicht, um sich diese sonderbaren begebenheiten zu erklären: sie erriet die ganze geschichte auf ein Haar und machte sogleich Anstalt, ihren Mutmassungen Gewissheit zu geben und den vermuteten Anschlag zu zernichten.

Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes gingen die Kuriere unaufhörlich herüber und hinüber und statteten ihr von der kleinsten Handlung des Herrn von Troppau Bericht ab, und eben jetzt, eine halbe Stunde nach jener Unterredung mit der Frau von Dirzau, lief die Zeitung ein, dass er schriebe: im Augenblick wanderte Vignali hinüber zu ihm und überraschte ihn so sehr, dass sie schon das überschriebene 'Monsieur' auf dem Blatte las, als er sich umdrehte und sie erblickte: er erschrak, dass er alle Fassung verlor, versteckte den Brief unter den Papieren und schloss sie ein. Vor Schrecken vergass er, sie zu bewillkommnen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen. Sie liess ihm zwar auch keine Zeit dazu, sondern fing sogleich an: "Ich beklage, dass ich Sie störe; und der Brief ist wohl notwendig?"

Herr von Troppau. Nein, er kann warten.

Vignali. Was wetten Sie, ich weiss, an wen Sie schreiben?

Herr von Troppau. Schwerlich.

Vignali. Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht ihrer künftigen Gemahlin. –

Der Herr von Troppau wurde feuerrot, stutzte und lächelte, seine Verlegenheit zu verbergen. – "Sie sind spasshaft", sprach er.

Vignali. Wozu denn lange Umwege? Sie schreiben an den Grafen Ohlau.

Das war ein Donnerschlag für den Herrn von Troppau: er hustete und brauchte lange Zeit, ehe ihn sein Erstaunen reden liess. – "Wie kommen Sie denn auf diesen Mann?" fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgültigkeit.

Vignali. Weil er an Sie geschrieben hat.

Herr von Troppau. An mich? – Sie träumen.

Vignali. Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breisach.

Herr von Troppau. Wer hat Ihnen das gesagt?

Vignali. Ich kenne die Baronesse sehr gut! sie hat unzähligemal bei mir gegessen. Ich weiss ihre ganze geschichte aus ihrem eignen mund: sie macht vor mir gar kein Geheimnis daraus. – Wird sich die Baronesse bald öffentlich dafür erklären? Man muss doch alsdann auf eine andre Gouvernante für Ihr fräulein denken. – Die Baronesse sollte heiraten, da ihre heimliche Liebe aus ist.

Herr von Troppau. Sie reden also von der Gouvernante meiner Tochter?

Vignali. Ja, ja, von der Baronesse von Breisach.

Herr von Troppau. Wer hat sie denn dazu gemacht?

Vignali. Vermutlich ihr hochseliger Herr Vater. Es ist mir eine eigne idee dabei eingekommen. Wissen Sie, wer die Baronesse heiraten sollte? – Sie!

Herr von Troppau. Ich? – Woher wissen Sie denn, dass ich heiraten will?

Vignali. Ein Einfall! ein blosser Einfall! – Es ist Ihnen ja wohl bekannt, dass die Weiber gern Heiraten machen. Da sie von Ihrem stand istso viele Liebenswürdigkeiten besitztnicht wahr, Sie sind meiner Meinung? – Die Baronesse ist liebenswürdig?

Herr von Troppau. Unleugbar liebenswürdig! – Das Geständnis, dass ich das Mädchen so finde, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen

Vignali. Mich im mindesten nicht! – Denken Sie, dass ich mich für die einzige liebenswürdige Frau auf der Welt halte? – Denn dass ich mir einige Liebenswürdigkeit zutraue, das ist mir zu vergeben, weil Sie mich mit Ihrer Liebe beehrt habenSie, ein so feiner Kenner der Schönheit! – Wenn Ihnen die Baronesse gefällt, so würde mich's beleidigen, wenn Sie sich meinetwegen die geringste Gewalt antäten.

Herr von Troppau. Sprechen Sie aufrichtig, Vignali? Vignali. Warum zweitem Sie denn an meiner Aufrichtigkeit? Haben Sie nicht Proben genug, dass ich nichts als Ihr Vergnügen, Ihre Zufriedenheit suche? Steht nicht mein ganzes Leben in Ihrer Hand? Hab ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert? Hab ich nicht alle Bande der Freundschaft und Liebe zerrissen, um nur für Sie zu leben? Und wie hab ich für Sie gelebt? – Mit einer Treue, Ergebenheit, mit einer so festen Vereinigung des Willens, mit einer Stärke der Liebe, die nur mein Herz ganz kenntkann man wohl nicht aufrichtig sprechen, wenn man