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unrecht getan; denn der Knabe war des Morgens noch vor sechs Uhr aufgestanden, hatte sich selbst angekleidet, hatte wie ein wahrer Inamorato das Bild der Gräfin um den Hals gehangen, sich leise aus dem haus hinausgeschlichen und langte, des Laufers Berichte gemäss, mit dem Schlage sechs auf dem schloss an. Der Graf trug anfangs Bedenken, ihn ohne Vorwissen der Eltern dazubehalten, allein da der Knabe sich weinend und flehend allen Vorstellungen widersetzte, liess ihn der Graf verbergen und beschloss, seiner Gemahlin den folgenden Tag auf eine eigene Art ein Geschenk mit ihm zu machen.

Es war bereits zu ihrem hohen Geburtsfeste ein herrlicher Aufsatz auf die Tafel verfertigt worden, der die Gärten der Alcina vorstellte: auf Brettern, die auf kupfernen Füssen ruhten, prangten Alleen und Hecken von grünem Wachs, Parterre, Boulingrins und breite Gänge zum Lustwandeln aus bunten Zuckerkörnern, klare Seen, Teiche, Bassins von Spiegelglas, Statuen von Meissner Porzellan, Nischen, Pavillons, Eremitagen, Monumente, in Wildnissen verstecktalles, was nur einen französischen Garten verschönern kann, auf das sauberste nach einem ziemlich grossen Massstabe nachgeahmt. In den beiden entferntesten Enden des Gartens hatte der Künstler zwei grosse Tempel aus Teig, statt des Marmors mit einem nachahmenden weissen Zuckergusse überzogen, auf zwei Bergen symmetrisch aufgebauet. Beide sollten im antiken Geschmack sein: ein majestätischer Säulengang umgab einen jeden, und durch die gläsernen Wände leuchtete die porzelläne Gotteit hindurch, welcher sie geweihet waren. Über den beiden entgegenstehenden Eingängen, zu welchen hohe breite Stufen hinanführten, kündigte eine goldene lateinische Inschrift den Namen der Gotteit an: der eine war der Treue, der andere der Glückseligkeit gewidmet. Die zwei Tempel gaben dem Grafen einen Einfall, der vermutlich der einzige war, solange die ganze Konditorwelt steht: es sollte mitten in dem Garten auf einem besonderen Brette ein grosser Tempel eingeschoben werden, der den kleinen Heinrich, als Amor gekleidet, anständigerweise in sich fasste; und der Graf erfand selbst auf der Stelle die Inschrift 'Amori' dazu. Der Künstler wandte demütig die Schwierigkeiten ein, stellte den Übelstand vor, den ein so ungeheures Gebäude unter den anderen, nach einem viel kleineren Massstabe verfertigten Gegenständen hervorbringen müsste, liess auch mitunter versteckterweise ein paar Wörtchen über das Lächerliche und Abenteuerliche der idee fallen, dass sich der Erfinder derselben entrüstete und mit einem gebieterischen "Ich will" alle Einwürfe wie mit einem Donnerkeile niederschlug. Bald darauf besann er sich aber, dass die Kürze der Zeit den Bau eines so grossen Tempels nicht wohl erlauben möchte, und befahl wegen dieser weisen Voraussehung, bloss eine grosse Nische von grünem Lattenwerke aufzuführen. Es geschah: man nahm dem kleinen Heinrich das Mass zu seiner Hütte und war schon im Begriffe, Hand an die Arbeit zu legen, als in des Grafens kopf eine viel sinnreichere idee aufstand. In dem Nachdenken über die Verschönerung und den wahrscheinlichen Effekt des grossen Tempels ging er in sein Kabinett, und siehe da! – bei dem ersten Aufschlagen der Augen traf sein blick auf einen Kupferstich, wo ein verliebter Schäfer den kleinen mutwilligen Amor in einem Vogelbauer seiner Geliebten überreichte. Das Bild war wie für ihn erfunden: die Vorstellung reizte ihn so mächtig, dass er sogleich den Konditor holen liess, um ihm zu befehlen, dass aus der grossen Nische ein grosser Vogelbauer werden sollte. Der Künstler war über diesen Antrag noch mehr betreten und zeigte ihm die Ungeschicklichkeit, einen ungeheuren Vogelbauer ohne allen Zusammenhang mitten in einen kleinen Garten hinzustellen, und zugleich die Missdeutung, der ein Amor im Käfig, seiner Gemahlin an ihrem Geburtstage geschenkt, unterworfen wäre: allein der Graf entrüstete sich zum zweiten Male und ward höchst ungehalten, dass man beständig der Ausführung seiner Einfälle so viele Schwierigkeiten mache, da sie doch grösser und sinnreicher wären als die elenden Pösschen, die der Konditor auf etliche Bretter hingeklebt hätte. Der Zuckerarchitekt wurde empfindlich über diesen verächtlichen Ausdruck, bat sich die Bezahlung für seine Arbeit aus, empfahl dem Grafen, sich seine Vogelbauer selbst zu bauen, und reiste wieder in die Stadt zurück, woher man ihn verschrieben hatte.

Unter seinen Bedienten hatte der Graf einen, Siegfried genannt, der die andern alle an Dummheit und Bosheit übertraf und wegen der erstern bei ihm in vorzüglicher Gunst stand: deswegen trug er auch eine auszeichnende, mit Gold fast bedeckte rote Liverei nebst einem roten Federbusch auf dem hut, welches einen witzigen Kopf unter seinen neidischen Kameraden auf den Einfall brachte, ihn des Grafen Maulesel zu nennen und diese Benennung bei dem Publikum des ganzen Städtchens gebräuchlich und beliebt zu machen. Er war der Ratgeber oder vielmehr Beherrscher des Grafen: denn weil er alles ohne das mindste Bedenken billigte und lobte, was seinem Herrn durch den Kopf und über die Zunge fuhr, wenn's gleich die grösste Abgeschmackteit war, so besass er dafür das Recht, mit ebensowenig Bedenken auch die grössten Abgeschmackteiten zu fodern und zu erlangen. Gemeiniglich leuchtete sein Verdienst am hellsten, wenn der Graf eine ähnliche Widerwärtigkeit, wie jetzt bei dem Konditor, erlitten hatte, dass klügre Leute eine von seinen rohen Ideen nicht billigen wollten: sogleich berief er alsdenn seinen Maulesel zu sich, stellte ihm die bestrittene Sache begreiflich vor Augen, und es fehlte ihm niemals, dass sein Ratgeber sie nicht so bewundernswürdig fand, als sie klügern Leuten verwerflich und ungereimt schien: oft war seine Billigung List, meistens aber Mangel an Einsicht. Er hatte sogar jederzeit die Unverschämteit, sich zur Ausführung zu erbieten, und das besondre Glück, dass