Freundschaft beehre, als den Sohn eines solchen Ungeheuers zu erblicken? Wenn Sie das nicht überlegten, so will ich Ihnen sagen, was ich empfand – ich schämte mich Ihrer. – Diese Anverwandtschaft bleibt ein Geheimnis unter uns beiden: wo Sie noch sonst jemanden Anteil daran haben lassen, dann veracht ich Sie.
Herrmann. Und wenn Sie mich auf der Stelle mit der empfindlichsten Verachtung straften, so kann ich kein Barbar sein und meinen Vater im Elende schmachten lassen.
Vignali. Wer verlangt denn das? – Er soll essen und trinken, soviel ihm beliebt: nur Ihr Vater darf er nicht sein. Ich will ihm einen Louisdor geben: dann mag er den Weg wieder nach haus suchen. –
Sie rief dem Bedienten, der mit der Nachricht zurückkam, dass der Mann verrückt sein müsste; er sei gar nicht aus dem haus zu bringen. Er überlieferte ihm auf Vignalis Befehl den Louisdor, allein der Alte warf ihn fluchend auf die Erde und ging mit den schrecklichsten Verwünschungen fort.
"O des empfindlichen Knabens!" fing Vignali spöttelnd an, als der Bediente dieses erzählt hatte. "Sie sollten sich schämen: wahrhaftig, die Tränen stehen Ihnen in den Augen."
Herrmann. Und mein Herz zerfliesst darinne.
Vignali. Sie haben ein lächerliches Herz: es weiss immer nicht, was es will. – Wer ist Ihnen mehr? Vignali oder dieser Irokese? – wenn Sie diesen vorziehn, begleiten Sie ihn!
Herrmann. Das will ich! Tausendmal besser, ein Bettler sein, als die ersten heiligsten Pflichten der natur verleugnen!
Vignali. Aber mein lieber Gewissenhafter! Du nimmst doch auch die arme Vignali mit, wenn du gehst? – Denn ich bilde mir ein, du liebst die Frau zu sehr, als dass du sie so allein lassen solltest. Ich kann mich irren: aber ich bilde mir fest ein, dass du nicht ohne mich sein kannst.
Herrmann. Ich möchte, dass Sie nicht wahr redeten!
Vignali. Aber ich dächte auch, die Frau hätt es um dich verdient: sie liebt dich so zärtlich und pflegt dich wie einen Prinzen: das verdient allerdings Erkenntlichkeit; und du bist gewissenhaft – o so gewissenhaft, dass man dich einmal kanonisieren wird! So ein dankbarer Mensch gäbe wohl einer solchen Frau zu Gefallen zwei Väter hin und Mutter und Grossmutter noch obendrein; und die Frau, die dies kleine Opfer fodert, ist gewiss eine gute Frau – die beste Frau, die ich kenne! Meinst du das nicht auch?
Herrmann. Ich wollte, dass ich Ihre Vortrefflichkeit weniger empfände. – Vignali, beherrschen Sie mich nicht so tyrannisch! Der Himmel weiss es, wie Sie mit einem Worte, einem Blicke meine Seele regieren: sind Sie allmächtig, dass Sie so meine besten Gesinnungen und Entschliessungen zu Boden stürzen? Immer fühl ich, dass ich anders handeln sollte: aber nein! ich muss handeln, wie Sie wollen. Selbst meine feurigsten Begierden und Wünsche stehen still, wenn Sie gebieten. Ich fürchte jede Minute, dass Sie mich zum hässlichsten Verbrecher machen werden.
Vignali. Also sind wir ja einig? – Sie tun, was Sie wollen, und Sie wollen, was ich will: es lässt sich keine bessere Harmonie denken. Bilde ich närrisches Weib mir nicht ein, wir hätten uns einmal wieder gezankt und ich wäre Ihnen Genugtuung schuldig? – Wie ist mir denn? Ich bin Ihnen wirklich noch eine schuldig: wissen Sie nicht, von unserm letzten grossen Zanke her, da ich Sie so gröblich beleidigte? – Du saumseliger Mahner! wirst du mir bald die Schuld abfodern? –
Sie führte ihn ins Kabinett und leitete ihn unter mancherlei Wendungen so weit, dass er nur noch um einen Gedanken von dem Entschluss entfernt war, seine Schuldfoderung zu befriedigen. Die unendlichen Reizungen, womit ihn Vignali bestürmte, schläferten wie ein Ammenlied sein Bewusstsein und Nachdenken ein: mit umwölkten Sinnen, in glühendem Traume, mit hinreissender Begierde stand er dicht am Abgrunde seines Falles: plötzlich rollte mit lautem Geräusch das schlecht befestigte Rouleau am Fenster herab: das Schrecken verscheuchte seinen Traum, seine Sinne öffneten sich, er sah um sich her, erblickte Vignali in entülltem Reize der Liebe, zitterte und taumelte, als wenn ihn ein Dämon hinwegpeitschte, zum Kabinett hinaus. Auch Vignali war durch das Getöse des Rouleaus so erschreckt worden, dass sie ihn gehen liess, ohne ihm nachzusetzen.
Dies war der höchste Sieg, den sie über ihn erlangte: vielfältig gelang es ihr, ihn dem entscheidenden Schritte so nahezuführen, und jedesmal rettete ihn, genau untersucht, der Zufall – ein herabrollendes Rouleau, ein Lichtstrahl, der plötzlich auf sein Auge fiel und ihn aus seiner Trunkenheit schreckte, ein ungefähr aufsteigendes Bild der Phantasie, eine idee, die durch den Kopf fuhr, der Himmel weiss woher, eine schnell dazwischenkommende Empfindung – ein solches Etwas, gleichsam wie vom Winde dahergeweht, weckte sein Gefühl für Würde und Ehre auf, riss plötzlich die Stärke seines Geistes aus dem Schlummer empor: die Schüchternheit der ersten Begierde und die Scham eines edlen Herzens, das nicht der empfundne Genuss, sondern bloss die Reize einer verführerischen Frucht locken, vollendeten seinen Sieg: er schmachtete nach dem einladenden Apfel und musste ihn fliehen, ärgerte sich, ihn nicht gepflückt zu haben, und dankte dem guten Schicksale, das seinen zulangenden Arm zurückzog. Jedesmal wurde er vorsichtiger, wünschte, es nicht zu sein, und war es nicht,