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als der Fremde hereintrat, die Freude, die mitten aus seiner Verwirrung hervorleuchtete, und die beständige Unruhe, womit er von Zeit zu Zeit nach ihr hinsah, machten ihr die Vermutung ungemein wahrscheinlich, dass es sein Vater sei. Sie fragte ihn französisch, ob sie recht vermutet habe, und eine gewisse Scham hielt ihn zurück, einen Mann ohne Sitten für seinen Vater vor ihr zu erkennen: er liess ihre Frage unbeantwortet und suchte den Alten durch alle mögliche Vorstellungen auf sein Zimmer zu bringen: er war unbeweglich. Vignali setzte ihm auf der andern Seite mit gehäuften fragen zu, dass er ihr endlich ein gestammeltes, unruhiges "Oui" zur Antwort gab. Der Alte fuhr indessen ungehindert in seinen Reden fort, schlug auf den Tisch und machte tausend von seinen geräuschvollen Gebärden: besonders schalt er seinen Sohn aus, dass er sich wider seine Warnung mit dem vornehmen Leben eingelassen habe. "Was ist denn das für ein Mensch?" fragte er endlich und wies auf Vignali. – "Ich bitte um etwas mehr Anständigkeit in den Ausdrücken", antwortete Herrmann mit ärgerlichem Tone.

Der Vater. Was? du willst deinen Vater lehren, wie er reden soll? Wenn ich mich nicht zu sehr freute, dich wiederzusehn, ich drückte dir das Genicke ein wie einem Krammetsvogel. Ich will reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist; und daran soll mich so ein vornehmer Hundejunge wie du nicht hindern: kein Kaiser und kein König soll's, solang er mir nicht die Zunge ausschneiden lässt. Wenn ich nur erst meinen Gaum geletzt habe, dann soll's besser gehen. Aber sage mir nur, was du da stehst wie ein alter Kehrbesen? So rühr dich doch! In den schönen Zimmern geht's verzweifelt hungerleidig zu: denkst du, dass ich satt werde, wenn ich die bunten Wände ansehe? Schaff etwas Gutes zu essen und zu trinken! dann wollen wir etwas Rechtes zusammen schnaken. – Du Bube frissest hier wie ein Papagei im goldnen Käfig, lauter artige feine Leckerbissen, und dein armer Vater hat drei Monate hier gelebt wie ein Hundsfott: es fehlte nicht viel, so musst ich das Brot vor den Türen suchen. Ich habe meiner Nille alles Geld mitgenommen, was noch da war: sie mag sehen, wie sie sich etwas verdient. Sie ist ja unter Dach und Fach, und ich muss wie ein Storch in der Welt herumfliegen. – Das Leben bei dem Leinweber war ein verfluchtes Leben: ich musste Garn winden wie ein Waisenjunge, und meine Nille spann und betete laut dazu. Der Leinweber sang und akkompagnierte mit seinem Weberstuhle: ich fluchte und knurrte wie ein Bär: das war eine Teufelsmusik. – Hol mir Feuer! ich will mir mein Pfeifchen indessen anstecken, bis etwas zu trinken kommt. – Was lauerst du denn? Deinen Vater musst du bedienen, wenn du gleich eine ganze Goldfabrik auf dem Kleide hättest. –

Vignali, als sie ihn ein kleines beräuchertes Pfeifchen aus der tasche ziehen sah, erzürnte sich und sprach unwillig zu Herrmann: "Sie werden doch ein solches Schwein nicht für Ihren Vater erkennen? Ich will ihn fortjagen lassen." – Sie klingelte dem Bedienten. Herrmann, voll kochender Unruhe, lief ihr nach und beschwor sie, keine Gewalt zu gebrauchen. – "Wenn Sie sich unterstehen", sprach sie drohend, "gegen irgend jemanden zu bekennen, dass er Ihr Vater ist, so zittern Sie! Glauben Sie, dass Vignali sich mit der Gesellschaft eines Menschen entehren wird, der ein solcher Urang-utang angehört?" –

Der Bediente erschien, und Vignali gab ihm Befehl, diesen Wilden aus dem haus zu schaffen, in Güte oder Gewalt. Herrmann bat den Bedienten inständigst, ihm nicht unsanft zu begegnen, weil er betrunken sei.

Der Vater. Was? dein Vater wäre betrunken?

Herrmann. Ich kenne keinen Vater, der sich ungesittet aufführt.

Der Vater. Du vergold'ter Halunke willst deinen Vater verleugnen? – Die Hand wird dir aus dem grab wachsen.

Herrmann. Ein ungesitteter Mann kann mein Vater nicht sein. –

Vignali. Führt ihn fort, den Trunkenbold! –

Der Bediente fasste ihn an und zerrte ihn nicht mit der sanftesten Manier nach der Tür hin: der Alte fluchte und schimpfte unaufhörlich auf seinen gottlosen Sohn und die Hure, die ihn verleitete, ihn zu verleugnen, riss sich von dem Bedienten los und trat mitten ins Zimmer. "Sage mir", rief er geifernd, "bin ich nicht dein Vater?" – "Nein!" antwortete Herrmann hastig mit erstickender Beklemmung. – "O so schlage dich aller Welt Donnerwetter in die Erde zusammen, du Höllenbrut!" – das war sein Abschied; denn der Bediente schleuderte ihn unversehens zur Tür hinaus, und Vignali schob den Riegel vor.

Herrmann lief wie ein Halbrasender im Zimmer herum, schlug sich an die Stirn und rief aus: "O ich bin ein Ungeheuer, und Sie, Vignali, machen mich dazu."

Vignali. Ein Tor sind Sie! – Bedauern Sie es noch, dass Sie von der schönen Anverwandtschaft befreit sind?

Herrmann. Aber er ist mein Vater!

Vignali. Und sollt es nicht sein! Auch die Melone wächst aus Miste. Es ist unverschämt, dass Sie ihn in meiner Gegenwart für Ihren Vater erkannten. Überlegten Sie nicht, was ich empfinden musste, den Menschen, den ich mit meiner