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: Sie sind von mir auf das empfindlichste beleidigt worden: ich muss Ihnen Genugtuung geben. Was für eine foderst du denn, du kleiner Zauberer? Herrmann. Keine! denn ich habe sie nicht verdient. Aber um eine Wohltat fleh ich, die ich nie genug schätzen kannIhre Liebe.

Vignali. Du verführerischer Schwätzer! Du könntest mich mit deinen Reden in die Hölle locken. Wer mag dir denn etwas versagen, und wenn du noch so unverschämt bätest? – Und wenn ich dir nun meine Liebe verspräche, was tätest du dann? Verliessest du mich und gingest zu deinem andächtigen Herrn Pastor?

Herrmann. Ich wünschte, zu ihm gehen zu können, undblieb bei Ihnen.

Vignali. Gut! das wollen wir ihm schreiben. 'Ich wünschte, zu Ihnen kommen zu können, allein Vignali hat mich eben jetzt ihrer Liebe von neuem so lebhaft versichert, dass ich nur für sie zu leben verlange. Unter der Voraussetzung, dass Sie dieses sehr vernünftig finden werden, bin ich Ihr

Freund, Herrmann.'

Sogleich wurde Licht bestellt, der Brief zugesiegelt und fortgeschickt. Herrmann ging unruhig aus dem Zimmer, in der Tür rief ihm Vignali nach: "Sie vergessen doch nicht, dass Sie eine Genugtuung bei mir zu fodern haben!" – Herrmann sah sich mit einem tiefen Seufzer nach ihr um, schwieg und ging. Der Brief quälte ihn mit unbeschreiblicher Angst: er hätte ihn gern zurückgewünscht. Schwingern mit Undank zu begegnen war ihm empfindlich: aber Vignalis Willen zu widerstehen eine platte Unmöglichkeit.

Zweites Kapitel

So überzeugend dieses alles Vignalis Macht und Herrmanns Schwäche bewies, so trieb sie doch ihre Überlegenheit bei einem andern Vorfalle ein paar Wochen darauf viel weiter. Nach Schwingers Berichte hatte Herrmanns Vater schon in der Mitte des Februars den christlichen Leinweber verlassen: nach langem Herumschweifen war er im Mai, seinem Vorsatze gemäss, zu Berlin angekommen: allein wie sollte er ohne Adresse in dem weiten Berlin seinen Sohn finden? Er lief bei allen Kaufleuten herum, ihn auszufragen, und lief so lange, bis er zu dem gewesenen Lehrherrn seines Sohnes kam, der ihn anweisen liess: er erzählte ihm aber zugleich in der Kürze so viel von Herrmanns itzigen Umständen, dass dem Alten der Zorn aufschwoll: er nahm sich fest vor, den ungeratenen Jungen tüchtig auszuhunzen, dass er sich zu dem vornehmen Leben hätte verführen lassen.

Als er in Vignalis Haus anlangte und auf seine Anfrage erfuhr, dass Herrmann hier wohne und sich in diesem Zimmer bei Vignali befinde, wollte er geradezugehn: der Bediente hielt ihn zurück und erbot sich, seinen Sohn herauszurufen. – "Was?" rief der Alte, "der Hans Lump, mein Sohn, soll mich vor der Tür sprechen?" – "Aber es ist Madam Vignalis Zimmer", erwiderte der Bediente. – "Was geht mich deine Madam Maulaffe an?" schrie der Alte und stiess ihn von sich. "Ich will hinein, und wenn hundert Madams drinne steckten." – Auch ging er wirklich, ohne nur anzuklopfen, ins Zimmer. Herrmann erkannte sogleich seinen Vater und erschrak bis zum Zittern: der Alte hingegen lief mit aufgehobnem Stocke auf ihn zu. "Du Halunke!" war sein Gruss. "Bist du schon so hochmütig geworden, dass du deinen Vater vor der Tür sprechen willst? Sag mir einmal, Schurke! wie wärest du denn auf die Welt gekommen, wenn ich nicht getan hätte? Und nun soll sich dein Vater bei dir, Hans Lump, erst melden lassen? Dass du's weisst, ich habe deine Mutter bei dem Leinweber sitzenlassen und bleibe bei dir. Nille hat den Durchbruch so gewaltig gekriegt, dass kein ehrlicher Mann bei ihr aushalten kann; und der Leinweber ist auch so ein verflucht frommer Kerl, dass sie mich beide so lange gepeinigt haben, bis ich davonlief. Der Narr meinte, ich wäre so ein roher Heide, dass die Gnade gar nicht bei mir durchschlagen könnte: für den rohen Heiden gab ich ihm eine derbe Ohrfeige und ging meinen Weg.– Ihr habt verdammt schlechten Branntewein in eurer schönen Stadt: ich habe noch keinen gescheiten Tropfen hier getrunken. – Ja, mein lieber Sohn, da hab ich etwas Rechtes ausgestanden. Im Fieber konnte ich mich meiner Haut nicht wehren, da musst ich beten, dass mir hören und sehen verging. Da ich wieder bei Kräften war, liess ich mich nicht länger plagen: ich sagte ihnen geradezu, dass sie ein paar Narren wären, die man ins Tollhaus bringen sollte, und dass ich beten wollte, wenn ich Lust hätte: aber in der Krankheit musst ich alle Stunden ein Gebetbuch durchlesen: das war ein elendes Leben! – Aber sage mir, Heinrich! lässt du mich denn so trocken dasitzen? Ich dächte, du könntest deinem Vater wohl etwas vorsetzen."

Herrmann bat, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, um Madam Vignali nicht zu belästigen, allein der Alte versicherte ihn, dass es hier sehr hübsch wäre. Er hatte während seiner Erzählung bereits einen Stuhl in Besitz genommen und sass mit voller Bequemlichkeit da, den Hut auf dem kopf und den rücken nach Vignali gekehrt, die er in der ersten Berauschung seines väterlichen Grusses ganz übersah. Sie erschnappte aus seiner Anrede gerade die wenigen deutschen Worte, die sie verstund: sie hörte ihn sehr oft 'Vater' wiederholen und sogar die Benennung 'mein lieber Sohn': Herrmanns Bestürzung,