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sie nicht nur verbarg, sondern auch unterdrückte. Sie arbeitete mit allen Kräften ihres boshaften Witzes, ihn wider Schwingers strafende Sprache aufzubringen, und legte ihm unaufhörlich ans Herz, dass sie eine Beleidigung seiner Ehre sei. – "Mit einem Menschen wie Sie so im Tone des Präzeptors zu reden!" rief sie einmal über das andere aus. "Einen Menschen wie Sie züchtigen zu wollen! Es ist schon ein Verbrechen, dass der Schulmeister mit einem Menschen wie Sie in so vertrautem Tone spricht; und Sie leiden gar, dass so ein Pedant einen Menschen wie Sie züchtigen will? Züchtigen?" – Herrmann entschuldigte zwar seinen Freund, allein durch das ewige 'ein Mensch wie Sie!' schwoll doch sein Ehrgeiz so stark auf, dass er endlich Schwingers starke Sprache für beleidigend erkannte. In der Abendgesellschaft wurde seine unsterbliche Tat, wie Vignali den Betrug nannte, den er dem Grafen Ohlau mit einer falschen Ulrike gespielt hatte, belacht, beklatscht und bis zum Himmel erhoben: Vignali setzte ihm zum Scherz bei Tische eine dampfende Räucherpfanne vor, um ihm wie einem Halbgotte zu räuchern. Ebenso fand jedermann Schwingers Brief unverschämt, grob, beleidigend, weil ihn Vignali so fand: Jedermann schalt Schwingern einen Pedanten, einen Schulmeister, weil ihn Vignali so schalt: man spottete auf das unbarmherzigste über seinen Stand und machte den Brief durch boshafte Verdrehungen und mutwillige Glossen so lächerlich, dass er auch in Herrmanns Augen sehr viel von seinem Werte verlor.

Des Morgens darauf war der Brief Vignalis erstes Gespräch. – "Die Beleidigung, die Ihnen gestern widerfahren ist", fing sie an, "hat mir eine schlaflose Nacht verursacht: Sie wissen, wie stark mich alles interessiert, was Sie angeht, und ich muss Sie antreiben, Ihre Ehre zu rächen oder keine Ruhe haben. Selbst das Anerbieten, das Ihnen der Pedant tut, ist eine Beschimpfung. Wie? ein Mensch wie Sie sollte in einen einsamen Winkel zu einem Landgeistlichen kriechen und da mit allen seinen Talenten und Annehmlichkeiten im stillen vermodern? Ein Mensch wie Sie, der für die Welt gemacht ist, um zu gefallen, bewundert und angebetet zu werden? Was fehlt Ihnen denn, um in jeder Gesellschaft zu glänzen? Sie sind Ihres Beifalls und Ihres Glücks gewiss: Sie dürfen nur winken, so fliegen Ihnen die Herzen der Damen entgegen: wenn Sie mit Ihren angenehmen Talenten auf dem Rosenpfade der Liebe und des Vergnügens weiter fortgehn, was hindert Sie denn, vielleicht einmal eine der glänzendsten Rollen in Europa zu spielen? Damen können Minister und Subalternen machen: selbst wo ihr Einfluss so gering ist, dass sie gar nichts zu vermögen scheinen, vermögen sie doch immer genug, um einen Menschen von Ihren Verdiensten emporzuheben. Fi! ich muss mich in Ihre Seele schämen, dass Sie gestern nur anstehn konnten, einen so entehrenden Vorschlag abzuweisen."

Herrmann. Aber, Vignali, die Freuden der Freundschaft, ländliche Ruhe, einsames Vergnügen muss auf so ein tumultuarisches, zerstreutes Leben, wie ich hier geführt habe, unendlich wohltun: ich sehne mich nach der stillen Einsamkeit.

Vignali. So hätte ich Ihnen doch fürwahr mehr Verstand zugetraut. Was wollen Sie denn dort? – Busspsalmen mit Ihrem Herrn Pastor beten? oder über die Sündlichkeit und Bosheit der argen Welt erbauliche Betrachtungen anstellen? – Freilich, Sie haben doch wohl gottlob! nunmehr fast neunzehn Jahre auf der Welt zugebracht und sind dieses Jammertals voll tumultuarischer Zerstreuungen so satt und überdrüssig, dass Sie den Rest Ihres mühseligen Lebens in Ruhe hinzubringen wünschen. So ein lebenssatter Geist von neunzehn Jahren ist freilich wohl ein lächerliches Ding: Sie stehen freilich wohl erst an der Tür des Vergnügens und der Ehre: Sie durften nur noch einen Schritt tun, um zu dem innersten Heiligtum dieser beiden Götter eingelassen zu werden: allein das bekümmert Sie nicht: das viele Glück, das viele Vergnügen schmeckt Ihnen nun einmal bitter, und Sie wünschen gar sehnlich, dass Ihnen der Tod endlich einmal Ihre neunzehnjährige Kehle abschneiden möge. – Fühlen sie nicht, wie lächerlich Sie sind? – Fort! ich will Sie vor der Lächerlichkeit bewahren: schreiben Sie! ich will Ihnen die Antwort an Ihren Schulmeister diktieren.

Herrmann. Ich bitte Sie, Vignali, lassen Sie mich keinen Undank begehn

Vignali. Keine Einwendungen! Gehorchen Sie! – Versteht der Herr Pastor Französisch?

Herrmann. Ja.

Vignali. So schreiben Sie! 'Mein lieber Herr Präzeptor! Ich bin neunzehn Jahr alt und brauche keinen Schulmeister mehr, der mich mit Ruten züchtigt, wenn ich nach seiner einfältigen Meinung nicht Gutes tue.'

Herrmann. Vignali, mein ganzes Herz widersetzt sich einem so trotzigen Briefe.

Vignali. Ihr Herz ist ein Narr. Schreiben Sie! 'Ich bin zu alt, um mich mit so pedantischem Tone ausschelten zu lassen, aber auch zu jung, um schon mit Ihnen im Sack und in der Asche Busse zu tun. Ich habe die Ehre, Sie zu versichern, dass ich hier so viel Vergnügen geniesse, als ich bei Ihnen Langeweile haben würde. Eine Frau wie Vignali, bei welcher ich lebe, die mich liebt, schätzt und fast anbetet, vertauscht man nicht gern mit einem mürrischen, moralisierenden Landpastor. – Sie können leicht daraus schliessen, dass auch meinerseits Liebe und Dankbarkeit sich einer Trennung von ihr widersetzen würden, wenngleich Ihr lächerliches Anerbieten weniger beleidigend wäre.'

Herrmann. Vignali, unmöglich kann ich solchen Unsinn schreiben.

Vignali. Unsinn, mein kleines