ist, nie zu heiraten, solange sie lebt."
"Wer ist das Tier?" fragte Vignali. Herrmann entwarf ihr kürzlich mit etwas komischen Farben ein Porträt der fräulein Hedwig; und Vignali wurde so begierig, ihren Brief an Schwingern zu hören, dass er ihn sogleich vorlesen musste.
Hochwohlehrwürdiger künftiger Herr Seelenhirte!
Trautester Herr Pastoris!
Gott, der Allmächtige, schuf ein Männlein und ein fräulein, dass sie beide würden ein Leib, und erweckte dem Stammvater unser aller aus seiner Rippe eine Gehülfin, die um ihn sei und so Freud als Leid mit ihm teile, und welches der liebe Gott heutiges Tages nicht mehr tut, weil die Hülle und die Fülle da sind, dass ein weiser Mann sich durch eine vorsichtige Wahl darunter auslesen mag, wenn er etwa benötigt sei, sich eine conjugam oder sociam tori durch eine mariage beizulegen. Da nun erfahren habe, dass Dieselben durch die hohe Vorsorge Eu. hochgräflichen Exzellenz eine Seelensorge und curam pastorum bekommen habe, so gratuliere Denenselben ergebenst, wünschend, dass er auch bald Dero inclination allväterlich leiten möge und Denenselben eine Gehilfin bescheren, die um Ihnen sei, damit Sie eine curam corporis erhalten, wie er Ihnen jetzt eine curam animorum mitgeteilt hat. Da nun Dieselben, mein liebwertester Herr Pastor, mir beständig als ein gottesfürchtiger, leutseliger und wohl conduisirter Mann bekannt gewesen sind, so kann nicht bergen, dass schon längst wahren estime und inclination für Dieselben gehabt habe, will auch nicht verhehlen, dass vermöge meiner inclination wohl wünschte, Dieselben mit einer tugendhaften und frommen Gattin, auch treuen, fleissigen Hausfrau versorgt zu sehen. Da nun Gott der Herr den Ehestand selbst eingesetzt und anbefohlen hat, und insonderheit die Herren Seelenhirten dazu gesetzt und verordnet sind, dass sie ihren anvertrauten Seelen mit gutem Beispiele vorgehen sollen und lebendige Lehren geben, so kann nicht unterlassen, Denenselben vorzustellen, dass mein Stand wohl verdient in consideration gezogen zu werden und dass meine übrigen Qualitaeten, ohne Flatterie von mir zu reden, mich zu einer Frau Pastorin wohl capable machen. Da nun eine fräulein bin und Dieselben vermutlich wegen meines Standes nicht gewagt haben, mir Ihre inclination zuerst anzutragen, so habe nicht ermangeln wollen, Ihnen zu avertieren, dass mir Dieselben mit einem solchen Antrage angenehm und willkommen sein werden, auch dass Dieselben sich keines refus oder repulses zu versehen haben.
Die ich in Erwartung einer baldigen Antwort mit wahrem estime und vollkommener inclination lebenslang verharre
Meines trauten Herrn Pastori,
zum Gebet verbundne Dienerin,
Hedwig Gottelieba Charitas von Starkow.
Vignali konnte nicht vom lachen zurückkommen, ob ihr gleich Herrmanns Übersetzung nur die Hälfte von den Schönheiten des Briefe zu geniessen gab.
"Und Ihr Herr Seelsorger", sprach sie, "ist so einfältig gewissenhaft, dass er einem solchen dummen Tiere zu Gefallen nicht heiraten will? Fürwahr, man weiss nicht, wer von beiden das dümmste ist. – Aber wir sind ja mit seinem Briefe noch nicht fertig: übersetzen Sie mir doch den Rest vollends!" –
"Spotte nicht über die Schwachheit einer alten dürftigen person! habe Mitleiden mit ihr! Sie befindet sich in kümmerlichen Umständen, weil ihr bei der itzigen Verwirrung ihre Pension nicht richtig ausgezahlt wird, die ohnehin klein genug ist. Zu welchen misslichen, lächerlichen Schritten verleitet nicht Hunger und Stolz?"
Vignali. O das ist ja das ewige Evangelium! ein unausstehlicher Prediger! Machen Sie, dass Sie fertig werden, oder ich schlafe ein.
"Und nun, liebster Freund meines Herzens! eile, komm in meine wartenden arme! Wenn Du kein Verlangen nach mir empfindest, sondern mein Anerbieten gar ausschlägst: dann fürchte ich für Dich, dann hat gewiss eine törichte leidenschaft wieder Wurzel bei Dir geschlagen. Noch ist Dir hülfe zu schaffen: hast Du vielleicht Ulriken in Berlin gefunden, und setzt Ihr beide Eure unsinnige Liebe fort, weil Euch niemand daran hindert, so fasse den mutigen Entschluss, Berlin zu verlassen, um Dich bei mir von Deiner Torheit zu heilen. Bist Du jetzt, da Du am Ende dieses Jahres bereits Dein neunzehntes erreichst, noch nicht vernünftig genug, um der stimme Deines Freundes zu gehorchen, dann gebe ich Dich für verloren: Du kannst alsUnglück weise werden. Nur vor einem einzigen bewahre Dich und Ulriken der Himmel: Ihr seid beide in dem Alter der brausenden Begierden, lebt ohne Hindernis, Zwang und Aufsicht an einem Orte, wo die Wollust laut spricht und ohne Scheu handelt, wo leicht Umgang, Gesellschaft, Beispiele die Phantasie aufregen und mit verführerischen Bildern erfüllen, die wie Schwefel in das brennende Jünglingsherz hinabsinken, dass es von tausend Wünschen und Trieben auflodert: Wenn in der Stunde der Schwachheit Dein feuriges Blut aufkocht und in hohen Wellen über Vorsichtigkeit und Klugheit zusammenschlüge – o Freund, die Feder sinkt mir, so erschüttert mich dieser Gedanke bis ins Innerste. Bleibst Du in so naher Gefahr – vielleicht sitzt sie Dir schon auf dem Nacken –, so erwarte nicht mehr die freundschaftliche Züchtigung eines Freundes: wie einen Unwürdigen will ich Dich züchtigen und selbst an Deiner Festsetzung und Bestrafung arbeiten: wer sich nicht zur Weisheit leiten lässt, muss von Elend und Schmerz mit Ruten zu ihr gepeitscht werden. Aber, bester Freund, noch immer hoffe ich, Du wirst eine so harte Besserung nicht brauchen, und unter dieser Voraussetzung bin ich Dein
Freund Schwinger."
Herrmann war durch den Schluss des Briefes tief gerührt: allein Vignali höhnte und belachte ihn so viel über seine Rührung, dass er