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, wenn uns der Tod trennen sollte, einen Handel oder ein andres Gewerbe anfangen kannst."

Vignali. Das ist sehr edel: nach einem so schlechten Eingange hätte ich nicht so etwas Gutes erwartet.

"Mein Herz wünscht sehnlich, dass Du meinen Vorschlag annehmen mögest. Da G. eine gute Meile von dem schloss des Grafen ist, so wird er Dich weder sehen noch erfahren, dass Du bei mir bist: erfährt er's ja, so will ich alles tun, um ihn für Dich auszusöhnen; und es wird mir hoffentlich gelingen, da die Baronesse nicht mehr auf dem schloss ist, noch jemals wieder da wohnen wird; denn ihr Schicksal ist beschlossen. Ich setze zum voraus, dass Du Deine törichte Neigung gegen sie bezwungen hast: ist es noch nicht ganz geschehen, so fliehe zu mir! Erfülle Dein Herz ganz mit den Empfindungen der Freundschaft, dass die Liebe keinen Platz darinne findet. Wir wollen uns lieben und leben wie Brüder: und meine stille Einsamkeit soll Dir mehr Freude gewähren als das Geräusch der grössten Stadt. Welche Glückseligkeit wird den Rest meines Lebens bekrönen, wenn ich ihn mit Dir zubringe! mit Dir, der in meinem herz wohnt, wie er von nun an in meinem haus wohnen soll!"

"Nun, mein kleiner Abgott?" unterbrach ihn Vignali und sah ihn mit einem durchdringenden Blicke voll Zärtlichkeit und Liebe an, "wirst du den Vorschlag annehmen?"

Herrmann. Fast möchte ich, Vignali! mein ganzes Herz hängt dahin: aber

Vignali. Aber ich habe zuviel Mitleiden für die arme Vignali und zuviel Dankbarkeit für ihre Liebe, um eine Trennung vorzunehmen, die sie ins Grab bringen würde: – dachten Sie nicht so?

Herrmann. Nicht mit so vielem Stolze, aber mit ebenso vieler Liebe! Mein Freund ist mir lieb: aber Sie, Vignali – – Ich will zu meinem Freunde.

Vignali. Das nenn ich plötzliche Entschliessung; denn das Gegenteil schwebte Ihnen schon auf der Zunge. Wir wollen sehen, ob Sie bei dem Entschlusse beharren. – Lassen Sie doch indessen Ihren bezaubernden Brief weiter hören!

"Du wirst um soviel freudiger in mein Verlangen willigen, wenn ich Dir die Nachricht gebe, dass Dein grösster Feind auf immer von uns entfernt ist. Ich meldete Dir in meinem letzten Briefe, dass Jakobs Vater durch seinen eignen Sohn in gerichtliche Untersuchung wegen seiner Spitzbübereien geraten sei und dass der Sohn sich bemühe, ihn wieder davon zu befreien, damit seine eignen Schelmenstücke nicht durch das Bekenntnis des Alten an den Tag kämen: er brachte auch wirklich den Grafen so weit, dass er die Inquisition einzustellen befahl. Plötzlich nahm die Sache eine unvermutete Wendung. Der Vater setzte sich durch die Verschaffung einiger Summen zur Schuldenbezahlung seines Herrn auf einmal wieder in völligen Kredit, und ehe man sich's versah, stunde er wieder in seinem vorigen Posten. Als nunmehriger Oberaufseher rächte er sich auf das empfindlichste an seinem Sohne: unter dem Scheine der Gerechtigkeit, als wenn er aus Liebe für den Grafen seines eignen Sohns nicht einmal schonte, brachte er es durch geheime Angebungen dahin, dass Jakob in der grössten Ungnade fortgejagt wurde, und der Himmel weiss, wohin ihn sein Schicksal getrieben hat. Nun ist also das ganze Vermögen des Grafen wieder in den Händen des Räubers, der zur Verringerung desselben das Seinige aus allen Kräften beigetragen hat. Dein gewesener Lehrherr hat sich fast zwei Monate hier aufgehalten und wollte nicht von der Stelle gehen, bis er sein Geld hätte: kaum war er befriedigt, so erschien schon andre Mahner. Man spricht sehr stark von Sequestration, weil die Gläubiger so häufig und so ungestüm fodern. Niemand dauert mich mehr als die arme Gräfin: sie hat sich ihres Schmuckes beraubt und die gelöste Summe dem Grafen durch Jakobs Vater als von einem Fremden vorgestrecktes Geld anbieten lassen: dadurch hat sie ihren Gemahl auf einige Zeit gerettet, ohne dass er es weiss, und doch ist sie die Lastträgerin seiner mürrischen Laune. Sie bemüht sich unaufhörlich, seine Verdriesslichkeit zu zerstreuen, und bekömmt nichts als üble Begegnung dafür zum Lohne: sie ist abgehärmt, bleich, entstellt, dass man sie kaum kennt; und doch ist sie gegen jedermann, der ihren Kummer nicht wissen soll, freundlich und nimmt sogar, wenn's nötig ist, eine Munterkeit an, die ihr sehr wohl glückt. Dein toller Streich hat sie sehr aufgebracht und ihren Hass gegen Dich vermehrt: doch hat sie mir, als ich letztin mich für die erhaltne Pfarrstelle bedankte, anvertraut, dass der Graf Ulrikens Schicksal sehr mildern werde, wenn sie um Gnade bittet. Wenn sie weise ist, so ergreift sie dieses einzige Mittel, um sich von dem Untergange zu retten. Man weiss, dass sie auf eine ehrliche Weise, obgleich unter ihrem stand, in Berlin lebt; man weiss das Haus, wo sie sich aufhält: ergreift sie das angebotne Rettungsmittel nicht, dann mag sie sich es selbst zuschreiben, wenn man sie durch härtre Massregeln zur Vernunft bringt.

Dein Vater hat, wie ich höre, den unsinnigen Streich begangen und schon in der Mitte des Februars den Leinweber, wo er sich aufhielt, und seine Frau heimlich verlassen: wo der tolle Mann herumschweift, weiss niemand.

Um Dir als einem Freunde, den ich in mein Herz geschlossen habe, kein Geheimnis zu verhehlen, habe ich Dir hier die Abschrift eines briefes von fräulein Hedwig beigelegt, der für mich ein Bewegungsgrund geworden