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Sonne, mehr als Vater und Mutter, und ich bin so entzückt über sein freundschaftliches Andenken, dass ich weinen möchte. Ich bin in der äussersten Rührung und –"

Vignali. Doucement, Monsieur, doucement! – Ich will Ihnen den Brief vorlesen: da Sie bis zu Tränen gerührt sind, werden Sie vermutlich nicht gut sehen können. Soll ich?

Herrmann. Ja, Vignali, lesen Sie! lesen Sie! –

Sie setzten sich: Vignali wurde zu ihrem Leidwesen inne, dass der Brief deutsch war, und Herrmann musste ihn also Periode für Periode ins Französische übersetzen. Er las: "Unbesonnener Freund!"

"Der Mann ist wohl Schulmeister", fragte Vignali: Herrmann stutzte über den Anfang und fuhr fort:

"Muss ich abermals die Feder ergreifen, um Dich zu züchtigen?"

Vignali. Potztausend! der Mann wird böse: er greift nach der Rute.

"Hast Du allen Verstand, alle Überlegung in Deiner Vaterstadt zurückgelassen, dass Du so höchst unsinnig handelst?"

Vignali. Der Pedant ist verrückt; ihm mag wohl der Verstand fehlen, dass er so schreiben kann.

"Welche eiserne Stirn gehörte dazu, um dem Grafen statt seiner Schwestertochter eine verbuhlte, liederliche Dirne zuzuschicken?"

Vignali. Sie haben das getan? O Sie sind bewundernswert! Hurtig, erzählen Sie mir die geschichte! –

Herrmann erzählte ihr mit einiger Verlegenheit den Vorfall und entschuldigte sich mit seiner Liebe zu Ulriken, dass er den Kaufmann durch eine falsche Aussage verleitet habe, dem Grafen statt ihrer ein Bordellmädchen zu überbringen.

"Darüber entschuldigen Sie sich?" rief Vignali und brach in ein erschütterndes Gelächter aus. "Das ist ein Streich, der eine Ehrensäule verdient: Sie sind wert; dass man Sie anbetet. Die Bosheit ist nicht mit Gelde zu bezahlen. – Und was sagt Ihr Schulmeister dazu?"

"Den Zorn des Grafen, der unter seinen eignen drückenden Angelegenheiten vielleicht verdampft wäre, hast Du von neuem zur Flamme gebracht: er hat geschworen, dass er nicht ruhen will, bis Du für diese Bosheit bestraft bist; und gewiss! sie verdient Strafe."

Vignali. Der Mann ist ein Narr: sie verdient Altäre, sollte er sagen.

"Hat Dich ein kleines Glück, welches Du nach dem Berichte deines gewesenen Lehrherrn gefunden hast, schon so übermütig gemacht, dass Du keines Menschen mehr achtest, selbst derjenigen nicht, die Dir schaden können? O lieber Freund, ein Schreiber,9 selbst in einem angesehnen haus, hat keinen so hohen Posten, dass Dich ein Mann wie der Graf Ohlau nicht mit seiner Rache erreichen könnte; und wenn Du auf der höchsten Staffel der Ehre und des Wohlseins sässest, so sollte Dich's in der Seele schmerzen, dass Du ihn mit so kränkendem Mutwillen beleidigtest, ihn, der Dir Gutes tat."

Vignali. Das ist sehr erbaulich: der Mann predigt wie ein Pfarr auf der Kanzel.

"Ich weiss nicht, welche Einbildung mich noch immer beredet, alle Deine bisherigen Vergehungen für Übereilungen zu halten: mache, lieber Freund, dass meine Einbildungen mich nicht täuschen. Du wohnst jetzt an einem Orte, der freilich wohl nicht so schlimm ist, wie ihn viele übertriebene Sitteneiferer verschreien, aber zuversichtlich schlimmer als Dein Vaterstädtchen; unter einer so viel grösseren Menge Menschen müssen mehr Gute, aber auch mehr Böse als bei uns sein. Ich sagte mir also, da ich Deine Vergehung an dem Grafen erfuhr: vielleicht hat ihn der Ton des Leichtsinns und Mutwillens, der in solchen Städten herrscht, angesteckt: Bosheit war es gewiss nicht: nein, nichts als jugendlicher Übermut, vielleicht gar die Eingebung und Anstiftung eines leichtfertigen Jünglings, der sich für seinen Freund ausgibt: jetzt lege die Hand auf Dein Herz und frage Dich, ob ich recht gewähnt habe!"

Vignali. Ah! das ist ja so herzbrechend, dass man gähnt. Ein Muster von Busstagsrede!

"Dass ich richtig geurteilt habe, daran zweifle ich gar nicht mehr; und damit nicht die Verderbnis der grossen Stadt Dich ebenso leicht ergreife, als Dich bereits ihr Leichtsinn angesteckt hat, will ich Dir einen Vorschlag der Freundschaft tun. Der Oberpfarr in G., auf dessen Platz ich schon vor dem Jahre vertröstet wurde, ist gestorben, und ich werde im Mai seine Stelle antreten" – Vignali. Hab ich's nicht gesagt? Der Mann ist ein Pfarrer: dergleichen Vögel erkennt man bei dem ersten Tone, den sie singen.

"Komm zu mir! wohne bei mir! sei mein Freund, wie ich der Deinige sein will! Wir wollen uns die Zeit durch Lesen und gespräche, ökonomische Geschäfte und ländliche Vergnügungen vertreiben. Du bist freilich noch jung und könntest nach Deiner Kraft und Tätigkeit der Welt besser dienen, als dass Du mein Gesellschafter wirst; und wenn Du schon zuverlässige, nicht bloss eingebildete Aussichten dazu hast, will ich kein Wort mehr verlieren: hast Du diese nicht und Du willst bessere bei mir erwarten, wohl! so eile und sei meiner Liebe willkommen! Ich habe aus einer Ursache, die ich Dir hernach vertrauen will, das Gelübde getan, nie zu heiraten: ich habe mir von meiner bisherigen Einnahme jährlich hundert Taler zurückgelegt und also ein Kapital von tausend Talern zusammengebracht: diese sind Dein, wenn ich sterbe. Mein künftiger Platz wird auf sechshundert jährliches Einkommen gerechnet: was ich von ihnen erspare, sammle ich für Dich, damit Du mit der Zeit