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Herrmann. Woher hat sie so schnell diese herrlichen blauen Adern bekommen?

Vignali. Sie kauft sie bei meiner Zwirnfrau: für einen Dreier kriegt sie Adern auf ein halbes Jahr, und jeden Tag hat sie neue. O die Frau ist sehr wohl daran: sie kauft ihre Reize in Büchsen und kann sich die Dosis so stark geben, wie sie es nötig hat. –

Endlich langte die schnellaufgeblühte Schönheit in dem letzten Punkte ihrer Reife mit schönen, funkelnden roten Backen an. "Sie fallen doch nicht in Ohnmacht?" sprach Vignali zu Herrmann. "So ein frisches sechzigjähriges Mädchen reisst hin. Der arme, galante Herrmann! verliebt sich in eine Schminkbüchse!"

Der arme Herrmann musste noch unendlich mehr dergleichen Höhnereien ausstehen, und die ausserordentliche Geduld, womit er sie ertrug, bewies, dass Vignali ein grosses Vorrecht in seinem herz haben musste; denn da Lairesse dazukam und sich ins Spiel mischte, brach seine Empfindlichkeit sogleich los. Aber wie er sich seiner Torheit schämte, als er mit sich allein war! Seit der Zeit war an keine Galanterie mehr bei ihm zu gedenken: weiter konnte seine Eitelkeit nichts von ihm erhalten, als dass er sich die Miene davon gab, sich vorsichtig nirgends einliess, aber doch beständig den Schein annahm, als wenn er sich mit einer Menge einlassen wollte oder gar schon eingelassen habe.

Sonach fehlte nicht viel, dass er in dieser Schule zum Gecken wurde: ein paar Gran weniger Verstand, so war der Tor fertig. Er lernte in den Abendgesellschaften und Vignalis Umgange meisterlich persiflieren, von jeder Sache im verächtlichen, spöttelnden Tone sprechen, feine Unverschämteit in Reden und Betragen, eine Dreistigkeit, die fast an die Keckheit grenzte: seine Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflügen zu grossen rühmlichen Handlungen empor: durch gesellschaftliche Artigkeiten, durch Gefälligkeiten und Achtsamkeiten zu gefallen war jetzt ihr Ziel. Die Sphäre seiner Ruhmsucht, die sonst die halbe, wo nicht die ganze Welt umfasste, war jetzt ein kleiner Kreis von Damen und Herren aus der schönen Welt, und ein gelungenes Kompliment, eine glückliche Lüge, eine beklatschte artige Bosheit, ein belachter Einfall gab ihm jetzt soviel Entzücken als sonst die edlen Taten der Antonine und aller grossen Männer, mit welchen ihn Schwinger bekannt machte. Gefühl des Grossen, Erhabnen, Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr: sie war nur dem Angenehmen, dem Reizenden, dem Ergötzenden offen: aus dem stolzen, hochfliegenden Adler war ein artiger, bunter Kolibri geworden. Freilich leuchtete immer, auch selbst wenn sich Betragen und Reden dem Geckenhaften näherten, sein grosser gesunder Verstand hervor, und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Würde, die zu erkennen gab, dass der Mensch sich bemühte, weniger zu sein, als er sollte und konnte. Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche, wenn er einen ehrlichen Einfältigen zum besten hatte; aber wie sollte er es unterlassen, da es ihm den Beifall aller einbrachte, die er belustigte? Seine Beurteilung lehrte ihn oft das Geschmacklose, das Unmoralische eines Einfalls, und doch sagte er ihn, weil er belacht wurde: seine Vernunft rief ihm unaufhörlich zu – 'Du tust Torheit!' – und doch tat er sie. Das sind alles warnende Lehren, die nicht eher gehört werden, als bis das Schicksal wie ein Schulmeister mit einem wohlgemeinten Hiebe die Ohren öffnet.

Und Ulrike? – Die arme Vergessne trauerte, härmte, verzehrte sich unterdessen und hoffte auf eine gelegenheit, um ihren verirrten Heinrich von ihrer Unschuld zu überzeugen.

Achter teil

Erstes Kapitel

Wie weit Vignali mit ihrer Operation in kurzer Zeit fortrückte und welch eine starke Dosis von Liebe sie ihm beigebracht haben musste, beweist nichts so deutlich als ihre Gewalt über seine tiefsten, festgewurzelten Neigungen und Gesinnungen. Keine Freundschaft war ihm so heilig als die seinige gegen Schwingern: sie gründete sich auf Dankbarkeit, und Dankbarkeit war seine erste Tugend. Er hatte wohl den guten Mann unter den unaufhörlichen Zerstreuungen, Vergnügungen und dem erschlaffenden Müssiggange seines itzigen Lebens vergessen: er dachte und empfand gegenwärtig ganz anders als sein Freund, bedurfte seiner nicht; was konnte ihn also an ihn erinnern? Unvermutet empfing er einen Brief von ihm, der im März geschrieben, im März von dem Kaufmanne, bei welchem er in der Lehre gestanden hatte, nach Berlin gebracht und jetzt, zu Anfange des Junius, erst abgegeben wurde: er hätte seine wohnung nicht eher auskundschaften können, liess er sagen. Das sanfteste Gefühl der Freude überströmte den Jüngling, als er eine so lange nicht gesehne Hand erblickte, und mit inniger Wehmut fühlte er den Abstand seines gegenwärtigen und vorigen Lebens: es war, als wenn ihm ein Freund aus fernen Landen nach langer Trennung wiederkäme und ihn jetzt umarmte: alle Vergnügen und Leiden seiner ersten Jugend, alle Verbindlichkeiten seines Freundes überlief er mit schneller Erinnerung und vergass vor Rührung über die sonderbare Leitung seines Schicksals, den Brief zu öffnen. Indem er so ganz wieder der vorige gutdenkende, starkempfindende, dankbare Herrmann war und sich in Empfindungen und Vorstellungen versetzt fühlte, die ihm sein bisheriges Leben fremd gemacht hatte, kam Vignali auf sein Zimmer. – "Sie haben, glaube ich, einen Brief bekommen?" fing sie an.

"Ja", antwortete Herrmann mit entzückter Freude, "von meinem einzigen besten Freunde, dem ich alles zu danken habe, was ich bin, die Bildung meines Verstandes und Herzens, mein Fortkommen. Vignali, das ist für mich der erste Mensch unter der