Ulriken zu denken.
Die neue Metode glückte besser: er war schon vorhin in Vignali verliebt, ohne dass er es vielleicht selbst wusste, und es wurde also unendlich leicht, einen Verliebten noch verliebter zu machen. Mit ebenso vielem Glücke gelang es ihr, Galanterie und Liebe für ihn zu einer Sache der Eitelkeit zu machen: sie sprach beständig davon, dass es eine von den ersten Eigenschaften eines Mannes von Lebensart und gutem stand sei, viele Liebeshändel zu haben: Menschen, die ohne Intrige lebten, wurden verächtlich als Dummköpfe oder schlechte niedrige Leute verschrien. Auch hierzu war er schon längst hinlänglich zubereitet; denn die gewöhnliche Unterhaltung in allen Gesellschaften, wozu er kam, betraf Liebesintrigen, und die Wichtigkeit, womit sich die Leute behandelten, die die meisten eignen Erfahrungen hierinne zu erzählen wussten, hatte schon mannigmal den Wunsch in ihm erregt, sich eine solche Wichtigkeit zu verschaffen. So mächtig ihn also die Ehrbegierde auf der einen Seite von der Ausschweifung abzog, sosehr trieb sie ihn auf der andern Seite zu ihr hin.
Am liebsten wäre es Vignali gewesen, wenn sie diese Eitelkeit hätte nützen können, um ihn in einen lächerlichen Liebeshandel zu verwickeln; und vielleicht hätte er es als ein Glück ansehen können, wenn er weniger vorsichtig und vernünftig gewesen wäre, um ihr nicht diese Freude zu machen: sie hätte auf seine Unkosten gelacht und mit dieser geringern Rache vorliebgenommen. Es bot sich ihr eine gelegenheit dazu dar. Ihm gegenüber wohnte eine alte Kokette, die jeden Nachmittag am Fenster die aufgetragnen Reize trocknete, womit sie des Abends in der Gesellschaft glänzen wollte. Ihr entblösster Busen schien in der Ferne eine helleuchtende Marmorfläche: auf ihren schneeweissen Wangen blühten die Rosen der Jugend, und blaue strotzende Adern liefen über die Schläfe hin. Herrmann sah mit Verlangen nach dieser einladenden Schönheit: sie bemerkte seine Aufmerksamkeit sehr bald und suchte sie durch ihre Koketterie noch mehr auf sich zu ziehen: aus Blicken wurden Gestikulationen: ein jedes verstand schon des andern Sprache. Herrmanns galante Eitelkeit hatte nunmehr ihr Ziel gefunden: wer war glücklicher? – Vignali, die die stumme Unterredung aus den Fenstern sehr bald auskundschaftete, zog ihn damit auf und machte ihn so treuherzig, dass er sich sein Geheimnis entwischen liess. Sie ermunterte ihn, eine so schöne Prise nicht fahrenzulassen, sondern sobald als möglich Besitz davon zu nehmen: sie entwarf ihm sogar einen Operationsplan und versprach ihren Beistand. Was die Wollust nicht vermocht hatte, vermochte beinahe der Ehrgeiz: ohne zu überlegen, wie empfindlich er abermals Vignali beleidigte, dass er die Liebe einer Unbekannten suchte, nachdem er die ihrige verschmäht hatte, liess er sich halb in die Unterhandlung ein: Vernunft und Eitelkeit stritten so gewaltig in ihm, dass er wankte und sich bald als einen Narren betrachtete, der Unsinn begehen wollte, bald als einen feinen Mann, der es in der Kunst zu leben bis zur Galanterie gebracht hatte. Während dieses Schwankens zwischen Vernunft und Torheit riss ihn sein gutes Schicksal auf einmal aus der Verblendung: er hatte sehr oft hinter dem Vorhange des nämlichen Fensters, an welchem nachmittags so eine glühende Schönheit prangte, vormittags einen runzlichten alten Totenkopf lauschen sehen, der sich sogleich zurückzog, wenn er ihn zu genau betrachtete. Eines Nachmittags führte das Schrecken, weil ein Feuergeschrei einen plötzlichen Auflauf in der Strasse verursachte, Herrmanns Geliebte vor der Zeit ans Fenster, ehe die Schöpfung ihrer Schönheit vollendet war: sie besann sich zwar bald und fuhr wieder zurück, aber der Galan hatte doch ein Gesicht erblickt, das halb Tag und halb Nacht war, vom Kinne bis zu den Augen glänzend weiss und an der Stirn schwarzgelb wie ein Mulatte, auf den Wangen blühten keine Rosen und über den Augen hingen statt der schön gewölbten schwarzen Bogen ein Paar struppichte Büschel graue Haare. In der ersten Überraschung tat er die Frage an Vignali, wer die Missgeburt sei: sie konnte sich das Vergnügen nicht versagen, ihn zu beschämen, und antwortete: "Ihre Liebe!" – "Ihre Liebe!" rief sie noch einmal und lachte seiner, als er erschrocken, verlegen, verwirrt vor ihr stand, sich gern durch Ausflüchte helfen wollte und nicht konnte, weil sie ihn nicht dazuliess.
"Nun sollen Sie Ihre Schönheit werden sehen", sprach Vignali." Des Morgens ist sie ein Ungeheuer, dass man die Kinder mit ihr zu fürchten machen könnte – ein abgestorbnes, gelbsüchtiges Affengesicht. Von zehn Uhr bis um eins wird ihr der ellenhohe Haarputz mit der Menge dicker Locken auf den kahlen Wirbel gebaut und an die dünnen grauen Borsten, die noch darauf stehen, angekleistert, angesteckt und angenäht. Wenn dieser chinesische Porzellanturm von Schafwolle und Ziegenhaaren aufgeführt ist, dann isst sie eilfertig ein paar Bissen, um hurtig wieder zur Toilette zu kommen. Vor Tische wurde das Dach aufgesetzt, nun wird das beräucherte, leinenfarbne Haus angestrichen. Der Busen, soweit er sichtbar ist, das ganze Gesicht und selbst hände und arme werden mit weisser Tünche überwerfen – da kommt sie! Jetzt trocknet sie die weisse Glasur an der Luft." – Über eine Weile ging die kalkweisse Schönheit vom Fenster weg. – "Ah", rief Vignali, "die Tünche hat Ritze bekommen: nun werden sie ausgefüllt und das Ganze mit der Kelle sehr zierlich geebnet; denn das ist wahre Mäurerarbeit, müssen Sie wissen." – Einige Zeit darauf fing Vignali wieder an: "Aufgeschaut! jetzt sind ihr an den eingesunknen Schläfen jugendliche blaue Adern gewachsen!