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gewonnenes Spiel selbst wieder verdarb. Auch ohne Trunk wurde er immer zunehmend schwach, je mehr sich die Sonne nach Westen neigte: wie ein Fieber überfiel ihn gegen Abend ein so heftiger Paroxysmus von Liebe und Zärtlichkeit, dass er ängstlich um seine Frau herumging und auf alle ersinnliche Weise sie wieder auszusöhnen suchte und oft wegen des Widerstandes, den er ihr den Tag über mit der überlegtesten Klugheit getan hatte, demütig und reuig um Vergebung bat. Führte ihn nun vollends das Schicksal ein begeisterndes Getränk in den Weg, so war es ganz um seine Standhaftigkeit geschehen: sein schwachnervichter Kopf war auf den ersten Schluck eingenommen, und er wurde bis zum Gecken in sein Nillchen verliebt. Gegen jeden andern beobachtete er in einem solchen Zustande die Regel genau, dass er sich mit ihm zankte, wenn er den Tag über sein Freund gewesen war, und sich mit ihm versöhnte, wenn er sich mit ihm gezankt hatte. Deswegen wartete auch seine Frau bei mittelmässigen Bedrückungen gelassen den Abend ab oder setzte ihm des Nachmittags ein Glas Branntewein in den Weg; denn zu keiner andern Zeit nahm er einen Tropfen starken Getränkes zu sich.

Bei der Ankunft des Laufers mit dem Weine freute sie sich von dem Wirbel bis zur Fusszehe herzinniglich auf die demütigende Rache, die sie auf seine eigne Veranlassung an ihm zu nehmen gedachte. Er ging nach dem Abschiede des Laufers wieder zu seiner Flasche zurück, doch ohne zu trinken: die vorigen drei Schlucke wirkten schon hinlänglich: er stunde vor dem Tische, die linke Hand auf die offne Bouteille gelegt.

"Nillchen", redete er vor sich hin, "so hab ich dir ja, hol mich der Teufel! unrecht getan! – Du armes Nillchen! habe dir deine Kontusche verdorben! – habe dich eingesperrt!"

Er lief die stube auf und nieder und rang die hände. – "Was mach ich nur?" klagte er mit wehmütigem Tone. "Was nur? dass sie sich nicht zu tod grämt? – Ich habe das Herzblättchen so lieb und martre sie so! Ich möchte mir gleich die Kehle abschneiden."

Er blieb mitten in der stube stehen, erblickte sich im Spiegel: – "O du alter gottloser Adam!" rief er und spie auf sein Bild im Spiegel. "Was du einmal gemacht hast! – hast deine Frau einmal geplagt! Ich möchte dich gleich zu tod prügeln" -(und dabei gab er seinen eignen Backen eine reiche Ladung kräftiger, lautschallender Ohrfeigen). – "Da! du abscheulicher Höllenbrand!" sagte er sich im Spiegel dazu. "Du eingefleischter Teufel! Wirst die arme Frau wohl noch unter die Erde bringen, du Katzenkopf! – Ich kann dich nicht mehr ansehn; pfui!"

Mit dem grössten Unwillen kehrte er sich von seinem Bilde hinweg und wurde bei der Wendung das Gesicht seiner gemisshandelten Ehegattin gewahr, die hinter einem Fenster, das neben dem Ofen aus der Küche in die stube ging, seine Reue mit kitzelnder Freude belauschte. – "Nillchen, liebes Engelskind!" rief er und lief mit ausgebreiteten Armen nach ihr hin, dass er wider die Wand taumelte. – "Komm! köpfe, hänge, rädre, erschiesse mich! Ich bin's wert. Ich bin ein rechter Teufelsbraten. Hab ich dich einmal gemartert? -Ach! es tut mir so leid! es frisst mir es Herz ab. – Sieh nur! wie ich dich wieder lieb habe! recht lieb, du scharmantes Cyperkätzchen!"

Diese Liebkosungen, die beständig mit den kläglichsten Ausdrücken der Reue abwechselten, wurden von einer höchst komischen Bewegung begleitet: sooft er ihr seine Liebe beteuerte, hub er das rechte Bein in die Höhe, um durch das Fenster zu ihr hinauszusteigen, ob es gleich gute zwei Ellen von dem Fussboden und so enge war, dass kaum eine grosse Katze durchkriechen konnte

Die Frau antwortete lange nicht: endlich sprach sie verdriesslich: – "Es liegt mir nichts an der Liebe eines solchen Weiberteufels: erst reissest du deiner armen Frau den Kopf ab, hernach willst du ihn wieder aufsetzen."

Der Mann. Will ihn nicht wieder abreissen! – Du sollst mich an den Spiess stecken und braten wie eine Schöpskeule, wenn ich dir ihn wieder abreisse. – Habe dir Unrecht getan; vergib mir's, mein Augäpfelchen! –

Nach langem Kapitulieren liess sich endlich die siegende Ehefrau bewegen und kam zu ihm in die stube: sie musste sich in den Lehnstuhl setzen, er warf sich zu ihren Füssen und bat sie in den reuvollsten Ausdrücken, bald mit weinerlichem, bald mit wütendem Tone, unter heftigen Schmähungen gegen sich selbst um Verzeihung und foderte zum Zeichen der Versöhnung die Erlaubnis, in ihrem Schosse zu schlafen. Um ihn zu besänftigen, musste sie ihm seine Bitten zugestehn: er warf sich aus der knienden Positur herum in eine sitzende Lage, legte den Kopf in ihren Schoss, und in einer halben Minute schnarchte er schon, wie der überwältigte Simson in Delilas Schosse. Die Frau, um sich für ihr erlittnes Kreuz zu entschädigen, langte nach einer von den nahe stehenden Weinflaschen, ersetzte den Abgang ihrer Kräfte durch einige starke Züge so reichlich, dass sehr bald die ganze stube vor ihrem Blicke schwamm und sich ihre Augenlider gleichfalls zu einem herzstärkenden kummerstillenden Schlafe zusammenschlossen.

Fünftes Kapitel

Die Reue des alten Herrmanns war wirklich Schuldigkeit: er hatte ihr durch seine Vermutung, dass sie dem kleinen Heinrich heimlich ihm zum Trotze fortgeholfen habe,