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Lairesse. Aber damit bin ich nicht zufrieden. Gesellschaft ohne Liebe ist etwas kahl.

Herrmann. Auch daran soll es nicht fehlen: ich liebe Sie und habe Sie geliebt, solange wir einander kennen.

Lairesse. Und das ist deine ganze Liebe, wie sie bisher gewesen ist? – Die ist verzweifelt trocken und langweilig. Ich will dich eine bessere lehren. Aber du Heuchler! kennst sie lange.

Herrmann. Und wenn ich sie kennte?

Lairesse. So wärst du Schläge wert, dass du so unwissend tust und dich nicht gescheiter aufführst als ein kleines Kind. –

Stehst du nicht da wie eine Bildsäule? –

Sie sang ihm ein Liedchen vor, dessen Hauptgedanke war, dass Genuss der letzte Zweck der Liebe ist, und die letzte Strophe schloss sich:

Einladend winkt ein Sofa dir,

Gepolstert für die Liebe

"Schweigen Sie!" unterbrach sie Herrmann. "Enteiligen Sie nicht einen Namen, der nur auf Ihrer Zunge und nicht in Ihrem herz ist! Ich will Ihnen mit zwei Worten sagen, wie ich hierüber denke. Liebe und Buhlerei sind bei mir zwei verschiedene Dinge: merken Sie sich das!" Lairesse schlug ein Gelächter auf, als wenn sie springen wollte. – "O du hochweiser Stockfisch!" rief sie und stiess ihn von sich. "Ich will die Leute auf der Gasse zusammenrufen, dass sie dich auslachen helfen. Der Mensch redet wie ein Schulmeister. – Lieber Herr Schulmeister, sein Sie doch nicht so grämlich! – Die Buhlerei! wo hast du denn das Wort her?"

Herrmann. Das Wort ist alt: aber die Sache hab ich jetzt an Ihnen wahrgenommen.

Lairesse. Die Buhlerei? – Was der Mensch für ein Orakel ist! Ein lebendiges Buch der Weisheit bist du.

Herrmann. Und Sie ein verbuhltes Mädchen!

Lairesse. Ihre Dienerinwarum missfällt denn Euer Hochweisheiten das Buhlen so sehr?

Herrmann. Weil die stimme der Ehre in mir ruft, dass ich mich nicht wegwerfen soll.

Lairesse. Mit mir wirfst du dich weg? – O mein kleiner Herr, er muss sich's für eine Ehre rechnen, dass ich mich mit ihm abgebe. Prinzen, Lords, Grafen, Barone haben meine Gütigkeit mit Dank erkannt: man ist so verlegen nicht, wie Sie denken. Ihr kleines Persönchen mag in Ihren Augen sehr liebenswürdig sein: aber solche Schlaraffengesichter kann man alle Tage haufenweise bekommen, wenn man nur wollte.

Herrmann. Lairesse, Sie werden so beleidigend, dass ich zürnen muss.

Lairesse. Allons, zürnen Sie doch! Sie werfen doch nicht etwa die Leute mit Goldbörsen tot? – Der arme Schlucker! spricht so weise wie ein Buch! will sich nicht wegwerfen! Ich würfe mich weg: wissen Sie das?

Herrmann. Sie werden so unverschämt, dass ich gehen muss.

Lairesse. Geh! geh! Wer hat denn dich Polisson gerufen? – Aber noch eins! Du bist ein Narr. –

Dies sagte sie ihm in einem leisen vertraulichen Tone und wollte die Lobrede mit einer derben Ohrfeige begleiten: doch Herrmann fing ihre Hand auf, ergrimmte, hub den Stock in die Höhe und drohte: "Ich werde dich strafen, du niederträchtige Dirne!"

Lairesse. Strafe mich! hier steh ich. Siehst du hier zehn Finger? und an jedem einen Nagel? Alle zehn sollen sie dir auf den ersten Schlag in deinen Schelmenaugen liegen. –

Herrmann ging, um nicht zu einer Misshandlung hingerissen zu werden. In der Tür knipp sie ihn von hinten zu empfindlich in die arme. – "Wirf dich nicht weg!" schrie sie. Herrmann drehte sich, und der Zorn übernahm ihn so sehr, dass er den Stock, mit der völligen Absicht zu strafen, aufhub. – "Schlagen Sie zu!" rief Vignali hereintretend, "das geschöpf hat es verdient." – Sie glühte vor Ärger; und da Herrmann ihren Befehl nicht vollzog, gab sie Lairessen einen empfindlichen Stoss mit der Faust und sagte leise zu ihr: "Du bist ein dummes Vieh: nun kannst du noch heute dein Paket zusammenmachen."

"Kommen Sie! wir wollen gehen", sprach sie ausser Atem und nahm Herrmanns Arm. –

Vignali! Vignali! das war stark verraten: auch merkte Herrmann nunmehr das ganze Spiel, das er vorhin nur dunkel argwöhnte. Dem Herrn von Troppau wurde seit dieser Zeit von Vignali tägliche und stündliche Vorstellung getan, dass er Lairessen den Abschied geben sollte, und nach einigen Weigerungen willigte er, obgleich sehr ungern, darein: Lairesse kam, demütigte sich vor Vignali, bat um Verzeihung, und der Herr von Troppau musste sie behalten.

Sechstes Kapitel

Vignali sah nunmehr wohl ein, dass sie den unrechten Weg gewählt hatte: sie nahm sich also vor, dem Tugendhelde durch unaufhörliche Schmeicheleien und Gefälligkeiten unvermerkt vollends einzuflössen, was zur Liebe noch fehlte, ihm durch wollüstige gespräche seine Einbildung noch mehr aufzuregen, ihn bei der Eitelkeit anzugreifen und vielleicht durch dieses Mittel ihm eine so heftige leidenschaft beizubringen, dass ihn am Ende die Begierde selbst zu einem Schritt hinrisse, dem er jetzt so standhaft auswich. Ulrike war durch die unglückliche Wendung, die sein Widerstand Vignalis Plane gab, ihrer Aufmerksamkeit ganz verschwunden: obgleich Herrmann anfangs nur Mittel zur Demütigung der erstern sein sollte, so wurde er nunmehr das Ziel der Unternehmung, wenigstens musste Vignali sich erst an ihm gerochen haben, um wieder an die alte Rache gegen