die meine Ehre brandmalte; die mich in meinen Augen verfluchenswert machte; die mich zeitlebens wie eine Hölle peinigte: – nie, nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung, das beteure ich Ihnen zuversichtlich.
Vignali. Wahrhaftig, man möchte vor Ihnen auf die Knie fallen: Sie sind ein Gott. – Aber mich deucht, auch Jupiter liess sich oft von Nymphen fangen?
Herrmann. Ihres Jupiters lach ich: der verdiente fürwahr kaum, Aufwärter in einem Bordelle zu sein – der schwach-köpfichte Jupiter!
Vignali. Aber er hatte eine Tugend – er bildete sich nicht mehr Stärke ein, als er besass –
Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste: aber Herrmann, ob er den Verweis gleich verstund, lachte insgeheim desselben. Er ward so stolz auf Vignalis Demütigung, dass er sich mehr solche Versuchungen wünschte, um sie, wie Herkules die Ungeheuer, zu bekämpfen und zu besiegen; so sicher ward er durch sein gestriges gutes Glück, dass er sich von Herzen freute, als ihm Vignali nachmittags einen Besuch bei Lairessen vorschlug. – 'Aha?' dachte er, 'da blüht ein zweiter Lorbeer für dich!'
Fünftes Kapitel
Kaum waren sie bei Lairessen fünf oder sechs Minuten gewesen, als sich Vignali eines nötigen Besuchs erinnerte und Herrmann bis zu ihrer Rückkunft zu verziehen bat: sie ging und begab sich heimlich in die Nebenstube.
Lairesse war neben der Tänzerin auch einige Zeit Schauspielerin gewesen, in beiden zwar gleich mittelmässig, aber sie hatte doch zuweilen im Notfall auch zweite Liebhaberinnen gespielt. Ohne Zweifel mochte sie dies auf den Einfall bringen, ihren Unternehmungsplan ganz teatralisch einzurichten.
Sie sprachen einige Zeit von lieben und geliebt werden, und Herrmann, der erst während seines Aufentalts bei Vignali so hochgelehrt in diesem Fache geworden war, redete darüber mit zufriedner Selbstgenügsamkeit; Lairesse wusste nicht mit dem zehnten Teile seiner Erfahrung und Beredsamkeit davon zu sprechen, ob sie gleich seit ihrem siebzehnten Jahre im Tempel der Liebe diente. Plötzlich sank sie in Ohnmacht – aber nur in eine künstliche Ohnmacht, versteht sich! Man sagte ihr als Schauspielerin nach, dass sie nur zwo Aktionen meisterhaft zu machen verstünde – sich wie ein Klotz auf das Teater hinzuwerfen und in Ohnmacht zu fallen: man versicherte deswegen, dass sie die grösste Aktrice des Erdbodens sein würde, sobald jemand ein Stück von lauter Ohnmachten schriebe. Auch gelang ihr die gegenwärtige so täuschend, dass ihr Herrmann mit ängstlicher Besorgnis sein vergoldetes Riechfläschchen in die Nase goss: das war ein unsel'ger Streich, der dies Meisterstück von Ohnmacht durchaus verdarb; denn die Menge der hinabströmenden, starkriechenden Essenzen verursachte ihr einen erstickenden Husten: doch zog sie sich sehr gut aus dem widrigen Zufalle: sie schlug mit richtiger Steigerung des wiederkommenden Lebens und mit einem zärtlichen Blicke nach Herrmannen die Augen auf und blieb liegen, wie sie die Ohnmacht auf das Kanapee hingeworfen hatte.
"Was haben Sie denn?" fragte Herrmann.
"O du Ungeheuer!" antwortete Lairesse mit kraftlosem Zorne, "du wirst mich wohl noch umbringen."
Herrmann. Ich?
Lairesse. Ja, du, du!
Herrmann. Ich erstaune. Wie das?
Lairesse. Dass du so schön und doch so unempfindlich bist! Ich armes Mädchen bin in dich verliebt, solang ich dich kenne: sooft ich dich nur sehe, wandelt mir eine Ohnmacht an: und du, kieselhartes Herz, tust gar nicht, als wenn du meine Not wüsstest. Ich werde gewiss noch vor Liebe sterben, wenn du mir nicht beizeiten zu hülfe kömmst. Komm, du Pavian! gib mir einen Kuss! –
Sie zog mit diesen Worten den neben ihr stehenden Herrmann nach sich hin und nahm sich den Kuss mit einer so zweideutigen Umarmung, dass sich der Tugendheld nach einer flüchtigen Anwandlung von süsser Schwachheit losriss und mit stolzem Mute wie ein tapfrer Ritter, der abermals ein Abenteuer glücklich bestanden hat, auf sie herabsah.
"Ach, der vermaledeite Kuss!" fing Lairesse wieder, halb ohnmächtig, an, "da wird mir schon wieder schlimm. Komm mir zu hülfe, du Unmensch! Ich ersticke: mache mir Luft!"
"Lairesse!" sagte Herrmann mit trocknem Lächeln, "geben Sie sich nicht so viele Mühe! Ich errate Ihr Spiel: so fängt man mich nicht."
"Seht mir einmal das Affengesicht!" rief Lairesse lachend und sprang auf. "O lacht ihn doch aus! Da wird man dich lange fragen: willst du mich gleich im guten lieben? oder ich drücke dir die Kehle zu."
Wirklich fasste sie ihn auch so fest bei dem Halse, dass er zu ersticken glaubte und sich mit Mühe von ihren Armen losmachte. "Lairesse, das ist Beleidigung, aber nicht Scherz", sprach er unwillig.
Lairesse. Denkst du, dass ich scherze? – Hab ich dir's denn nicht deutlich gesagt, dass ich dich liebe? Aber ich weiss schon, ich bin nicht die erste, die du hast verschmachten lassen.
Herrmann. Desto besser! So können Sie sich um soviel leichter beruhigen.
Lairesse. Desto schlimmer! willst du sagen. – Fürwahr, ich schämte mich: so ein hübscher Mensch und tut so steif und hölzern, wenn sich ein Mädchen die Mühe gibt, sich in dich zu verlieben! Bin ich dir denn nicht hübsch genug? – Über den Delikaten!
Herrmann. Zur Gesellschafterin sind Sie mir hübsch genug: und mehr verlang ich nicht.