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"du bist mir ein Abscheu." – Er ging auf sein Zimmer.

Vignali wütete fast über diese unerwartete Katastrophe: sie tobte wie in einer Verirrung in dem Zimmer herum, riss sich den Kopfputz herunter und warf ihn an die Erde, das schöne Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht, das weisse Atlaskleid zerknittert und beschmutzt, vom leib gerissen und auf einen Stuhl geschleudert: der schöne Marmorbusen kochte vor Ärger und wollte zerspringen. In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu: ein reicher Tränenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenlidern, und kaum war ihre Hitze durch ihn ein wenig gemildert, so sann sie auf Entwürfe, den Unglücklichen auf das empfindlichste zu demütigen, der sie so empfindlich gedemütigt hatte.

Desto froher und entzückter triumphierte Herrmann über die errungnen Lorbeern, als wenn er den Euphrat und Ganges überwunden hätte: sein eigenes Verdienst stieg in seinen Augen desto höher, wenn er an die Gefahr zurückdachte, in welcher er schwebte, und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war, fast nur ein Haarbreit davon entfernt. Vignali war ihm durch die letzte Übereilung so verächtlich, so widrig, so ekelhaft geworden, dass er an ihre glühende, wollüstige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konnte, ohne den lebhaftesten Abscheu wider sie zu empfinden. Er dünkte sich ein unüberwindlicher Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht, nunmehr die gefährlichsten Angriffe überstehn zu können.

Voll Übermut ging er den Morgen darauf sehr zeitig zum Tee, um durch seinen Triumph die gedemütigte Überwundne noch mehr zu kränken. Vignali war sehr freundlich und höflich, aber äusserst niedergeschlagen: je mehr sie ihren Missmut merken liess, je mehr zwang er sich zur Aufgeräumteit und Lustigkeit: je weniger und einsilbiger sie sprach, je geschwätziger und lebhafter plauderte er: alle seine Gebärden und Mienen waren angestrengt munter, und man konnte im eigentlichen verstand von ihm sagen, dass er im Angesicht des überwundnen Feindes sein Te Deum anstimmte.

Vignali senkte den blick, nahm Verschämteit und Verwirrung an und sagte ganz abgebrochen mit unterdrückter stimme: "Lieber Herrmann, ich muss Sie wegen einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten, die mich in Ihren Augen notwendig erniedrigen muss." –

"Das ist alles längst vergeben und vergessen!" rief Herrmann mit freudigen Verbeugungen, ohne zu merken, dass Vignali ihn durch ihre Reue mehr hinterging als er sie durch seine Grossmut.

Vignali. Bei Ihnen vielleicht, aber nicht bei mir! Sie sind in der Tat ein gefährlicher Mensch: ich merke wohl, man muss auf seiner Hut bei Ihnen sein: Sie können so unvermerkt das Herz wegstehlenund Sie wissen, wie schwach ein weibliches ist!–, so unvermerkt hinreissen, dass man aus aller Fassung gerät und halb verwirrt handelt. sehen Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer Verrückten an: auch war ich's wirklich: die Liebe, womit Sie mich erfüllten, hatte meinen Verstand angegriffen: ich raste.

Herrmann. Denken Sie nicht mehr daran! Eine solche Kleinigkeit

Vignali. Nein, Herrmann, für mich ist's keine Kleinigkeit, wenn es gleich ein Mensch, der so edel und grossmütig denkt wie Sie, dafür hält. Welche weggeworfne, verächtliche Meinung muss ich Ihnen von mir eingeflösst haben? Man muss so erhaben denken wie Sie, um mich nur eines Anblicks zu würdigen. Aber nehmen Sie meine Reue zur Versöhnung und den Zustand der Verirrung, in welchen mich das Feuer der Liebe versetzte, zur Entschuldigung an! Wollen Sie mich hassen? – ich hab es verdient. Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe erhalten, den Ihre Güte in Ihrem herz für mich noch übriggelassen hat? – es ist ein Geschenk, das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste Gegenliebe erwidern werde.

Herrmann. geben Sie meiner Liebe keinen solchen Wert! Sie ist meine Pflicht. Ich tue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit, wenn ich Sie liebe.

Vignali. Spötter!

Herrmann. Ich versichre Sie auf mein Leben, ich spotte nicht. Kann man bei einer Venus wohnen und sie nicht anbeten?

Vignali. Ich vergebe diesen beissenden Schmerz Ihrem Übermute: ich dächte, meine Reue hätte mehr Schonung verdient als solche empfindliche Spötteleien.

Herrmann. Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele, ich spotte nicht.

Vignali. Schweigen Sie! ich kenne diese Sprache. Sie sollten aber nur bedenken, dass ich ein Weib und Sie ein Mann sind und dass ein Weib Mitleiden und keinen Spott verdient, wenn die Liebe ihre Überlegung zu Boden wirft: inzwischen muss ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass es nur wenige Männer gibt wie Sie. Sie sind ein wahres Muster von Tugend und Standhaftigkeit.

Herrmann. Madam, Sie beschämen mich.

Vignali. So ein heroischer Mut! so ein männlicher Widerstand gegen die Versuchung. Ohne mir schmeicheln zu wollen, unter tausend, vielleicht zehntausend Mannspersonen würde nicht einer so herzhaft der Liebe getrotzt haben. Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin.

Herrmann. Das, das ist Spott, Madam: aber sosehr Sie sich vielleicht innerlich darüber aufhalten werden, so muss ich Sie doch ernstaft versichern, dass ich über alle Verführungen der Liebe hinaus bin: das dank ich den grundsätzen der Ehre und des Gewissens, womit mich mein Lehrer wie mit einem doppelten Schilde bewaffnet hat: mich schrecken keine Gefahren, weil mich keine überwinden. Vignalis Schönheiten können mir Liebe einflössen, aber nie bewegt mich Schönheit noch Liebe zu einer Handlung,