1780_Wezel_105_175.txt

als ich nicht verliebt bin

Vignali. Was wetten Sie? Sie sind's.

Herrmann. Wetten Sie, soviel Sie wollen!

Vignali. Sie sind verliebt, dabei bleib ich; und ich weiss auch in wen.

Herrmann. Lustig! – In wen denn?

Vignali. In mich. –

Herrmann sah sie starr und bestürzt an: er war so jämmerlich in die Enge getrieben, dass er weder ja noch nein sagen konnte. Sie füllte die Pause des Gesprächs mit einem Blicke, einer Miene aus, die ihn beinahe glaubend machten, dass sie die Wahrheit gesagt habe.

"Närrchen!" sagte sie mit einer kleinen Frechheit, "das hab ich dir lange schon angemerkt, dass du in mich verliebt bist. Dein schelmisches Auge hat mir's jeden Tag millionenmal gesagt. Du armes Kind! bist wahrhaftig ganz trunken von Liebe: wie dir die Bakken glühn; wie du so schmachtend nach mir blickst! wie dir das kleine Herz schlägt! – Und nun gar ein Seufzer? – Du brennst ja wahrhaftig so ganz lichterloh vor Liebe, dass dir die Funken aus den Augen sprühen: nur Geduld, mein Puppchen! Ich bin eine vernünftige Frau: ich weiss, was die Liebe eines solchen Amors heisst: wir wollen die Flamme schon löschen, ehe du in Asche zerfällst."

Herrmann. Madam, ich begreife nicht, was Sie mir heute noch überreden werden.

Vignali. Überreden? – Gar nichts! Ich erzähle dir ja nur, was du fühlst, was du bist. Ich sage dir, dass du der liebenswürdigste Mensch unter der Sonne bist, ein Adonis, mit allen Schönheiten des Geistes und des Körpers geschmücktein Kupido, der mit seinen Augenstrahlen tödlicher verwundet als mit Pfeilenein Gott, den Dichter und Maler nicht schöner erfinden können: ist denn das nicht wahr?

Herrmann. Vermutlich nicht! denn das Lob ist überspannt.

Vignali. Lobte die Liebe wohl jemals anders als überspannt? – Lass doch einmal sehen, ob dein Lob nicht ebenso überspannt ausfallen würde, wenn du mich schildertest! Lass einmal hören! – Du schielst nach meinem Busen? Ich merke wohl, damit mit fingst du dein Gemälde am liebsten an. – Wohlan! Fürs erste also, was sagst du von meinen Busen?

Herrmann. Madam, Sie setzen mich ausser mir: alle meine Sinne benebeln sich.

Vignali. Lass sie dich benebeln! Antworte mir nur auf meine Frage! – Wie findest du meinen Busen?

Herrmann. Ich finde, dass er ein Meisterstück der natur ist, zwei Marmorhügel, mit Rosen bekrönt.

Vignali. Wie der Mensch so gut treffen kann! – Und dann?

Herrmann. Ein Blumenpfad zwischen zwei Rosengärten, wo Wonne und Entzücken strömtzwei lieblich duftende Marmortempel der Liebe, wo man ihr täglich ein reichliches Opfer von Küssen bringen

möchte

Vignali. In der Tat, diese Beschreibung ist allein schon einer Erkenntlichkeit wert. Man muss dich lieben, man mag wollen oder nicht. Du bist einzig. –

Dabei erfolgte eine feurige Umarmung, die zu Opfern in dem Tempel der Liebe unausweichbare gelegenheit gab. "Und die Hand?" fragte Vignali.

Herrmann. Es ist Vignalis Hand, die man nicht schildern, nur küssen, nur drücken, nur liebkosen kann. Die Seele zittert, wenn man sie nur berührt: jedes Streicheln von ihr tut erquickender als ein kühles Lüftchen am schwülen Abend: ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne, dass das Herz flattert und davonfliegen möchte. Vignali. Das ist vermutlich eine Schmeichelei

Herrmann. Nein, Vignali, die selbständigste Wahrheit, gefühlte, tausendfach gefühlte Wahrheit!

Vignali. Aber das Lob ist doch überspannt.

Herrmann. Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen als ich? – O den tausendsten teil verschweig ich Ihnen, weil ich mich zu kraftlos fühle, es auszudrücken.

Vignali. Sie sind ein loser Schmeichler.

Herrmann. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich nicht schmeichle! So wahr ich lebe! ich schmeichle Ihnen nicht.

Vignali. Wer weiss, was Sie mir alles heute noch überreden werden?

Herrmann. Vignali, Sie ärgern mich mit Ihrem Widerspruche. Glauben Sie, dass ich ein elender, fader Schwätzer bin, der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt? Denken Sie, dass ich zu schwach, zu dummköpficht bin, um das Schöne und Vortreffliche zu empfinden? – Bei dem ersten Besuche, den ich Ihnen machte, überzeugten Sie mich, dass Sie die grösste, die hinreissendste Schönheit sind. Ich habe seit jener Stunde Ihren Wert täglich mehr empfunden: so misstrauisch ich gegen Ihre Freundschaft warich bekenne jetzt frei, dass ich dies war, und wohl mir, dass ich's nicht mehr zu sein brauche! –, aber alles Misstrauen hinderte mich nicht Ihre Liebenswürdigkeit zu erkennen, zu bewundern, anzubeten: Vignali ist falsch, sagte ich oft, aber schön: und wenn ich damals jemanden ausser Ulriken hätte lieben können

Vignali. So wäre ich's gewesen? – Wie glücklich, wenn ich's glauben dürfte!

Herrmann. Sagen Sie mir nur, was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so verdächtig gemacht hat! Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele, und doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit!

Vignali. Zürne nur nicht! Ich glaube dir ja. Du hättest mich also damals geliebt, wenn dich Ulrike nicht gehindert hätte? Ulrike hindert dich nicht mehr