1780_Wezel_105_174.txt

und was dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriosität fehlte, ersetzte Vignali durch gewisse täuschende Akzente, durch wohlangebrachte Pianos und besonders durch die angemessne Veränderung des Tempo: die stimme ersank, wie von der Stärke der Wonne überwältigt, und verstummte mit zitternden abgebrochnen Lauten. Herrmann stand mit offnen Ohren und verwirrten Gedanken noch auf dem nämlichen Flecke des Zimmers da, als sich die Kabinettüre öffnete: ein labender Duft von lieblichen Wohlgerüchen atmete durch sie daher: die Göttin erschien und leuchtete durch die dämmernde Atmosphäre des Zimmers wie ein neuaufgehender Stern: noch nie war in Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend, nie ihre Figur so majestätisch gewesen: der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreissend. – Ein gewaltiger erschütternder Schlag.

"Sind Sie schon da?" fragte Vignali, als wenn sie nichts um seine Gegenwart wüsste. "O Sie sind ein Mensch, des Küssens wert!" – und so flog sie mit offnen Armen zu ihm hin, drückte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden entzückten Kuss. Herrmann konnte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht erkundigen, wodurch er einen so schönen Lohn verdient hatte: sie fasste seine Hand, streichelte, drückte und schloss sie in die ihrigen.

"Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben?" fing sie an, "Sie haben sich bei der Szene so meisterhaft betragen, dass ich Sie krönen muss." – Sie nahm aus der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer grossen Haarnadel auf seinem kopf fest, führte ihn zum Spiegel, umschlag ihn mit einem arme und liess ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken: dabei stimmte sie ein Siegesliedchen an, worinne er mit Lorbeern gekrönt und unter die Sterne versetzt wurde, und sie konnte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen; denn Herrmann dachte nicht daran, vom Spiegel wegzusehn, so sehr hatte er sich in die Gruppe vertieft, die darinne stand. Sie beschloss den Gesang mit einem Kusse, den er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah, wie er ihn auf seinen Lippen fühlte: er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden.

"So gefallen Sie mir!" fuhr Vignali fort und ging, umfasst mit ihm, das Zimmer hinab. "So sind Sie ganz der liebenswürdige Mensch, wofür ich Sie gehalten habe. Ein Mensch wie Sie konnte sich unmöglich mit einer so närrischen Liebe lange abgeben: hab ich's nicht vorausgesagt? – Ein Mensch wie Sie kann lieben, wo er will" –

Hierbei trat sie vor ihn hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen blick.

"Wo er will!" fuhr sie fort. "Er darf nur anklopfen, nur winken, nur gebieten. Nur ein Wort dürfen Sie sprechen, und jedermann wird Ihnen mit der Liebe zuvorkommen. O Sie haben schon manche Eroberung gemacht!" –

Dabei schoss sie einen zweiten verliebten blick auf ihn und klopfte ihm die Backen. Bewegung und Rede wurde immer belebter, immer auf die Empfindung eindringender, und Herrmann blieb immer stumm: in einem so überspannten Tone war Vignali noch nie mit ihm umgegangen. Er war aus aller Fassung, so hatte sie ihn überrascht, und in seinem kopf und herz drehte sich alles wie in einem grossen Wirbel herum. Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes: Vignali trank zu Ehren des grossen Herzensbezwingers Herrmann, zu Ehren seiner gemachten, nahen und künftigen Eroberungen: er musste dem Anstande zu Gefallen ihrem Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine gänzliche Revolution in sich: die trüben Schatten, die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem kopf zurückliessen, verschwanden, sein ganzer Horizont wurde lichter, und lebhaftere, hellere Bilder tanzten mit muntern Gestalten rings in ihm herum.

"Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden, wenn ich fragen darf?" hub Vignali an. "Nirgends!" antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen Seufzer. "Einmal getäuscht, mag ich's nicht zum zweiten Male werden."

Vignali. Nirgends? – Wissen Sie, dass Sie da eine Lüge der ersten Grösse sagten?

Herrmann. Keine, Madam! So gewiss dieser Wein vor meinen Augen steht, so gewiss ist dies mein fester unveränderlicher Entschluss.

Vignali. Und ich wette mit Ihnen, der feste Entschluss soll schon heute nach dem Essen sehr wandelbar sein.

Herrmann. Ich schwöre Ihnen, Madam

Vignali. Fi! fi! schwören Sie nicht! Wissen Sie nicht, dass man grüne Augen und schwarze Nägel bekömmt, wenn man falsch schwört? Und Sie wollten sich mutwillig Ihre schönen verliebten Augen und Ihre schönen fleischfarbenen Nägel verderben? – Nein, um alles in der Welt geb ich nicht zu, dass Sie schwören.

Herrmann. Sie scherzen, Madam; und ich rede sehr ernstaft.

Vignali. Auch ich! In völligem Ernste versichere ich Sie, dass Sie einen Meineid begingen, wenn Sie die Liebe verschwüren.

Herrmann. Und ich beteure Ihnen nochmals, dass ich nie wieder lieben werde. Soll ich nicht wissen, was ich will und empfinde?

Vignali. O wenn Sie das wüssten! dann redeten Sie ganz anders mit mir.

Herrmann. Sie sind ungemein drollicht. Warum sollt ich's denn nicht wissen?

Vignali. Weil Sie nicht verliebt sein wollen und es doch schon sind.

Herrmann. Ich? verliebt? – Fürwahr, das kommt mir jetzt nach einer so widrigen Erfahrung am wenigsten ein. Wenn Ulrike so gewiss tugendhaft wäre,