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? War es im Taubenschlage unter den Flügeln seiner Freunde geblieben, wie wohl wär ihm jetzt!" –

Sie weinte: eben trat Vignali herein, und ob sie gleich den ganzen Auftritt von einem Ende zum andern an der halb offnen Kabinettür gehört hatte, so erkundigte sie sich doch, warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine.

"Um meine Liebe!" brach Ulrike mit einem Tränenstrome aus, "und Sie, Vignali, Sie sind ihre Mörderin." –

Vignali. Ich? Wie denn das? – Ach! hier liegt ja ein Ring! hat etwa die eisenfeste Treue einen Riss bekommen? – Ich kondoliere.

Ulrike. Wehe der elenden Spötterin, die den Riss machte! die durch Verführungen, Aufhetzungen, Anschwärzungen meine Ruhe untergrub!

Vignali. Mädchen, von wem reden Sie denn? Wer wird sich denn die Mühe geben, Ihre Liebe zu stören? Wenn Herrmann Ursache findet, mit Ihnen zu brechen, wer kann sie ihm gegeben haben als Sie selbst?

Ulrike. Oder die Boshaften, die ihn durch falsche Eingebungen wider mich einnahmen!

Vignali. Sie schwärmen. Das sind Phantome, die Ihnen Verdruss und Langeweile machen. Sie sind des Menschen satt gewesen, und weil der Trank schal geworden ist, soll Ihnen jemand etwas Widriges hineingeworfen haben. Wer kann für verdorbnen Appetit?

Ulrike. Vignali, Sie sind die falscheste, heimtükkischste Frau, die es geben kann: das sag ich Ihnen dreist unter die Augen.

Vignali. Und ich nehm es nicht übel; denn Sie sind halb verrückt: aber ich begreife nur nicht, worüber Sie sich eigentlich beschweren. Wenn eine Schüssel nicht schmeckt, langt man nach der andern, und hat man sich überladen, so fastet man. Sie mögen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben. Sie machten es also recht klug, dass Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel gaben: was wollen Sie weiter? – Sie werden vielleicht ein paar Tage, auch wohl Wochen fasten: aber Geduld, liebes Kind! der Appetit kommt wieder; er kommt gewiss wieder.

Ulrike. Vignali, ich mag Ihre hämischen Verdrehungen nicht länger ertragen. Ich verlasse Sie.

Vignali. Das wird auch wirklich das beste sein. Alte Liebe und alte Eichen fallen freilich nicht ohne grosse Erschütterung: es geht durch Mark und Bein, wenn so eine tiefe Wurzel aus dem herz gerissen wird, das weiss ich wohl. Drum gehen Sie, schaffen Sie sich die Kleider vom leib, nehmen Sie eine Herzstärkung ein, stecken Sie sich in die Federn bis über den Kopf, und schlafen Sie bis an den späten Morgen. Der Appetit wird schon wieder kommen. –

Ulrike riss sich mit tränenden Augen und erstickendem Ärger von ihr hinweg: Vignali küsste, tröstete sie, trocknete ihre Zähren ab und beklagte mit vieler Politesse, dass sie um Herrmanns willen nunmehr, wenigstens auf einige Zeit, ihre Besuche wieder einstellen werde, begleitete die schluchzende Trostlose bis an die unterste Tür; und dann in einem Rennen die Treppe hinan, ins Zimmer hinein! und mit drei Händeklatschen und drei Sprüngen rief sie ein lautes Viktoria!

Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weissatlasnen Deshabillé, frischte ihre Wangen mit neuem Rosenrot auf, stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die Reize des Busens mehr als gewöhnlich zur Ansicht dar, gab ihnen Glanz und duftenden Wohlgeruch, den Augenbrauen ein tieferes Kolorit, und den Augen erteilte die Freude ohne ihr Zutun Feuer und Lebhaftigkeit: die blendende Hand schien mit dem Kleide von einem Stoffe zu sein, so einen täuschenden Übergang bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags. Selbst der Atem wurde schwach, aber lieblich parfümiert: alles strahlte von Schönheit an ihr, alles duftete Liebe und Wollust: mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch von ihr aus wie ein erquickendes Abendlüftchen, das den Blumen ihre Wohlgerüche geraubt hat.

Herrmann wurde durch ihr Mädchen befehligt, zu Madam Vignali zu kommen. Er ging ins gewöhnliche Zimmer und spazierte gedankenvoll auf und nieder, war lange allein, und niemand regte sich. Das Zimmer wurde von zwei dämmernden Wachslichtern nur halb erhellt: Düsternheit und Stille machten die Szene feierlich. Plötzlich erhub sich im Kabinett ein Gesang: es war Vignali selbst. Ihre stimme war mittelmässiger als ihre Kunst, aber durch die fingerbreite Öffnung einer Flügeltür schien sie vortrefflich. Sie sang ein französisches Liedchen, das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue Schöne entielt: die Melodie verlor sich bald in leise zärtliche Klagetöne und stürmte bald in brausenden Akzenten des Zorns; und das Adieu des Schlusses wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erlöschender Schwäche, als wenn es die Liebe selbst mit dem letzten Lebenshauche ausspräche. Herrmann stunde mitten in dem Zimmer, horchend: ihm war's, als wenn das letzte Adieu aus seinem herz herausdränge, als wenn der Ton in seiner Kehle stürbe: die plötzlich darauffolgende Stille machte den Abschied eindringender und die Empfindung wahrer und stärker: es schien das Verstummen der Scheidung zu sein. Dies stumme Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen: der geschiedene Liebhaber hatte eine andre gewählt, drückte voller Berauschung seine Freude über die neue Wahl aus, triumphierte, die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben, und lobte seine neue Schöne von allen Seiten: das Lied tanzte so munter und fröhlich dahin wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz übermütig froh. Unmittelbar darauf folgte eins der wollüstigsten: der begünstigte Liebhaber schilderte voller Trunkenheit die Szene des Genusses mit lichten Farben,