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, kehrt die Unschuld nie in ihre enteiligte wohnung zurück. – Gott! wer hätte sich das im Schlafe träumen lassen? dass eine so frische Blume so bald verduften sollte? – Aber sie ist dahin! Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Mädchen wieder ins Leben bringen? – Lege dich und stirb! Was nützt dir dieser elende Odem? seit gestern bist du doch nur eine herumwandelnde, langsam modernde Leiche.–

Ulrike, die den Grund seines Grolls nunmehr erriet und argwohnte, dass man ihm eins von ihren gestrigen Billetten gezeigt und verleumderische Auslegungen davon gemacht habe, sprang auf, dass der Arbeitstisch, der vor ihr stand, umstürzte, und warf sich um Herrmanns Hals. "Ich bitte dich", sprach sie, "lass dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen!"

Herrmann liess sie nicht ausreden: er stiess sie von sich zurück. "Weg von mir!" rief er, "deine Umarmung ist mir jetzt ein Abscheu, deine Berührung ein Ekel. Mein Entschluss ist unerschütterlich, wie ich deine Tugend glaubte: ich mag nicht lieben, was ich verachten muss. Nimm deinen Ring und stecke ihn dem ersten, dem besten an den Finger, der deine Schande nicht weiss oder niedrig genug denkt, um sie nicht zu achten. – Sprich nicht ein Wort zu deiner Entschuldigung! Du konntest schwach sein: aber ich mag keine lieben, die nicht stärker war als die Schwächste, ob man sie gleich warnte!" –

Ulrike machte noch einen Versuch, ihn zu besänftigen, aber er gebot ihr, zu schweigen, wie vorhin. Ihre Empfindlichkeit über eine solche Unwürdigkeit schwoll in ihr von neuem auf: sie konnte sich unmöglich länger zurückhalten, sondern brach in einen harten, scheltenden Tone aus. Er stunde am Fenster, das Gesicht nach der Strasse gekehrt.

"Undankbarer!" hub sie an. "So lohnest du denen, die dich lieben? Erst lockst du die guterzige Schwäche, dass sie dir in den Morast folgt, und wenn sie mitten im Sumpfe steckt, dann reissest du deine Hand von ihr los, dass sie umstürzt und darinne erstickt? Weil dich grössre oder vielleicht listigere Schönheiten reizen, darum machst du Übereilung zum Verbrechen, um nur mit mir zanken und brechen zu können. Geh, Verblendeter! versuche, ob eine einzige von denen, die dich von mir abgezogen haben, sich den Finger deinetwegen ritzen wird! ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird! Gerate in Not und versuche dann die Liebe dieser schönen Gesichter! – Heinrich, lass dich nur überzeugen! Gern, gern will ich dir ja verzeihen –"

Henmann. Du mir verzeihen? Welche Unverschämteit! -Du mir? die Verbrecherin dem Beleidigten?

Ulrike. Wer beleidigte zuerst? du oder ich? Rede!

Herrmann. Wer zuerst Tugend, Unschuld und Scham beleidigte! Wer war das? du oder ich? Rede!

Ulrike. Blinder! merkst du nicht, in welchen Wahn dich meine Feinde gestürzt haben?

Herrmann. Deine grösste Feindin bist du selbst: du hast mir einen Wahn entrissen, den süssesten Wahn, dass du die Tugend selbst seist.

Ulrike. Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend?

Herrmann. Ha! eine feine Philosophie! Man hat nur eine Tugend und nur ein Leben.

Ulrike. möchte ich doch fast dieses nicht mehr haben, da ich die erste nicht mehr besitzen soll! Kann der grausamste Barbar härter sein als du? Zu verdammen, ohne den Beschuldigten anzuhören!

Herrmann. Solch alltägliches Gerede wird dich fürwahr von keiner Schuld lossprechen. Hier steht sie an deiner Stirn: sie spricht aus allen Zügen deines Gesichts. – Mein Schluss ist einmal gefasst: meinen Ring hast du: unsre Herzen bleiben getrennt, und wenn uns tausend Ringe zusammenbänden. Sei glücklich, sosehr du es verdienst! Wir sind in Zukunft zwei Menschen, die einander nur kennen. –

Er ging.

"O ich Elende!" rief Ulrike und war sich auf den Sofa. "Ich selbstbetrognes Mädchen! Da sitz ich nun in der Fremde unter Wölfen, die mich alle anheulen, und auch der einzige, der mich liebte, ist ein grimmiger Wolf geworden. Da sitz ich nun, von allen verlassen! verworfen von Mutter und Anverwandten!

verraten von Freunden! verleumdet, verfolgt! verstossen von dem einzigen, der mir alles dies ersetzen sollte! der mich zur Verräterin an meinem Glück, meiner Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte! – O hätt ich mir's nie einkommen lassen, jemanden zu lieben, den ich nicht lieben durfte! Nun ist das unbesonnene Mädchen gestraftGott weiss es, härter gestraft, als Onkel und Tante es können! – Ach, dass jemals ein Fünkchen Liebe gegen einen solchen Starrköpfigen, Mürrischen, Undankbaren in meinem herz glimmte! Nun hab ich's versucht, was Liebe istein blinkender, rotschimmernder, saurer Apfel, der die Zähne stumpft, lieblich anzusehn und herbe bis in die Seele, wenn man ihn kostet. – Es ist schrecklich! so vieles für einen Menschen zu leiden und zu tun, seine ganze Hoffnung auf einen Menschen zu bauen, und auf einmal mit dem ganzen festen Gebäude von Hoffnung einzusinken! in die tiefste Verachtung und Verworfenheit hinabzustürzen! – Was wird nun aus mir werden? – Ein herumirrendes scheues Täubchen, mitten in die weite grosse Welt hinausgejagt! – Freilich, wer verjagte es