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: sie beschloss, gleich alle Entschuldigungen zu verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue stärkere Liebe entgegenzurufen. So, mit gespannten Segeln der Erwartung, trat sie herein: sie bebte innerlich, als wenn sie das Fieber schüttelte.

Vignali tat, als wenn der Besuch ein Wunder für sie wäre, und schwatzte so viel in sie hinein, dass Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konnte, warum man sie habe rufen lassen. Die falsche Frau überhäufte sie mit Liebkosungen, berichtete ihr freudig, dass sie inskünftige ihre Besuche wieder wie zuvor fortsetzen könnte, weil die Ursache aufgehört habe, warum sie der Herr von Troppau untersagt hätte; und nötigte sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, wo Herrmann in Schrecken und Erstaunen über diese plötzliche Erscheinung wie angefesselt sitzengeblieben war. So gern sie diesen Platz im Herzen annahm, so rückte sie doch dicht an das äusserste Ende, um nicht den Anschein zu haben, als wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu tun wollte. Er stunde hastig auf, als sie sich setzte, wollte zur Tür hinaus und fand sie verschlossenVignali hatte bei Ulrikens Empfange verstohlnerweise das Schloss abgedrückter wollte sie öffnen, aber Vignali rief ihn zurück und bat, Ulriken unterdessen zu unterhalten, bis sie mit einem Briefe fertig wäre, den sie notwendig jetzt schreiben müsste. – "Sagen Sie ihr die Wahrheit!" zischelte sie ihm ins Ohr und ging ins Kabinett.

Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab, am ganzen leib kochend, wollte jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zurück. Ulrike sass auf dem Sofa, spielte an Vignalis Arbeit, die an einem Tischchen angeknüpft hing, und schielte darüberweg nach Herrmann hin, voller Erwartung, ob er nicht bald das Gespräch anfangen werde. Vor Ungeduld, dass es nicht geschah, hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloss ihn sogleich wieder: es entschlüpfte ihr sogar zweimal ein Wort, aber schnell verwandelte sie es künstlich in einen tiefgeholten Husten. Die Liebe wollte sich bei Ulrikens Gegenwart in Herrmanns herz wieder emporarbeiten: sie rang in ihm mit dem Zorne wie ein paar ergrimmte Riesen: Angstschweiss strömte ihm über das rotbraun geschwollne Gesicht; er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte ein: der Zorn tat einen gewaltsamen Stoss auf Seele und Zunge, und die Worte stürzten sich wie geflügelt heraus.

"Unverschämte!" stürmte er auf sie los, "wie kannst du die Frechheit begehn, dich vor meine Augen zu wagen? Ist es dir nicht genug, dass du eine Ehrlose bist, die Zucht und Tugend vergass? Willst du mich sogar zum Zeugen deiner Schande machen? Soll ich nicht bloss wissen, soll ich sogar sehen, wie tief du gesunken bist? – O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geöffnet hätte, als der letzte Funke deiner Tugend erlosch! – In der nämlichen Minute erlosch auch meine Liebe, und kein Mensch hat noch so fürchterlich gehasst als ich seitdem. Du bist seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes geschöpf geworden, das ich nicht zermalmen, das ich noch tiefer verachten möchte als den Staub, den meine Füsse treten. Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde, aber mein Hass ist stärker als der Tod." –

Ulrike wollte zitternd ein paar Worte einschieben, aber er rief ihr sogleich zu: "Schweig, Unwürdige! schweig, dass ich deinen Hauch nicht einatme! Hier, nimm diesen Brief!" – Todesangst überfiel ihn, als er ihn aus der tasche zog: alle seine Muskeln arbeiteten, wie bei einer gezwungenen Trennung von dem Liebsten, was er sich entreissen konnte: mit zitternden Händen warf er ihn auf den Tisch und setzte bebend hinzu: "Da! lies und weine!" –

Ulrike riss ihn auf, fuhr zusammen, als ihr der Ring entgegenfiel, und die Tränen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen, indem sie las. Stolz, Liebe, Dankbarkeit waren auf das äusserste beleidigt: sie war sich lebhaft bewusst, dass Herrmann zuerst mit Kaltsinnigkeit angefangen, zuerst den Briefwechsel unterbrochen hatte; und nun noch obendrein so eine schnöde Behandlung, die sie nach aller Überzeugung nicht verdiente! Sie schwieg lange und wusste nicht, was sie tun sollte: immer war es ihr, als wenn sie seinen bleiernen Ring vom Finger ziehen und ebenso verächtlich hinwerfen müsste: gleichwohl war es hart, sich zu scheiden, ohne sich vorher zu verständigen. Ihr Zorn verbrauste bald. "Aber sage mir, Heinrich!" fing sie an, "was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte?"

Herrmann. Wie sehr gerecht er ist, wird dir dein Gewissen sagen.

Ulrike. Wer hat mich bei dir verleumdet?

Herrmann. Diese meine Augen zeugen wider dich.

Ulrike. Worinne denn?

Herrmann. O du Schamlose! Also willst du noch wider dich selbst zeugen, dass du nicht bloss verführt, dass du verderbt bist? – Wehe, wehe über uns beide, dass wir in diese Stadt, in dies Grab der Unschuld kamen! Aus Engeln macht sie Teufel, die beharrlichsten, frechsten Teufel. Ulrike schwieg. Mit wehmütigem Tone fing sie wieder an: "Heinrich, ich bitte dich mit Tränen, reiss nicht wegen einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen!"

Herrmann. Wenn Tränen deine Seele wieder reinzuwaschen vermögen, dann bade dich darinne! – Aber wie sollen sie dies vermögen? Einmal verscheucht