er der nachsetzenden Alten in die arme stürzte und in ihrer Umarmung auf den Sofa sank. Sie hielt den kraftlosen Schneider mit angestrengter Stärke fest, streichelte ihm die Bakken, lehnte sich mit ihrem gesicht auf das seinige, und wenn er vor Brannteweinsdampf beinahe erstickte und sich losmachen wollte, strafte sie ihn mit Ohrfeigen und überströmte ihn mit ihrer ganzen Fischmarktberedsamkeit. Der Lord sah dem Scharmützel zu und sagte frostig zu dem Sklavonier: "Der Mann könnte leicht Schaden leiden." – "Sie bringt ihn um!" rief der Sklavonier, machte die Tür auf, riss die Alte los, trug sie hinaus und legte sie auf dem saal hin. Unterdessen hatte Mr. de Piquepoint bei dem Lord seine Beschwerden angebracht, dass er ihn beinahe hätte umbringen lassen, ohne ihm beizustehen. – "Aber warum?" fragte der Lord. "Sie hätten sollen zu haus bleiben." – Das nahm Piquepoint übel und belferte ihm eine Menge von seinem rotwelschen Französisch ins Gesicht, um ihn zu belehren, dass er gleiches Recht mit ihm gehabt habe, hier zu erscheinen. Er war mitten im Flusse der Rede, als der Sklavonier zurückkam: weil er sehr heftig sprach, gebot ihm dieser zu schweigen. Piquepoint versicherte ihn, dass er kein Recht habe, ihm ein solches Gebot zu tun: hurtig lud ihn der Sklavonier auf seine Schultern, trug ihn hinaus und setzte ihn an dem nämlichen Orte ab, wo die betrunkne Alte lag: kaum merkte Piquepoint, dass er sich in einer so übeln Nachbarschaft befand, als er aufsprang und brüllend wie ein Besessner die Treppe hinunterlief.
"Was wollen wir tun, Lord?" fragte der Sklavonier voller Zorn, als er zurückkam.
"Nach haus gehen!" antwortete der Lord äusserst gelassen.
Der Sklavonier. Aber wir müssen uns rächen: ich sprühe Feuer und Flammen.
Lord. Aber warum?
Der Sklavonier. Lord, Sie können noch fragen, warum? Ist es nicht die grausamste Beleidigung, uns beide so zum besten zu haben? uns mit so einem Narren in eine Klasse zu setzen? – Raten Sie, Lord, was wollen wir tun. Lord. Eine Schale Punsch zusammen trinken und dann zu Bette gehen.
Der Sklavonier. Ich nehme die Partie an, Lord. Bei dem Punsch beschliessen wir Rache. –
Sie gingen und taten, wie der Sklavonier wollte, beschlossen Rache über Ulriken, die fürchterlichste Rache, die ein beleidigter Wollüstling über ein unbesonnenes Mädchen beschliessen kann. Vignali war um so empfindlicher, als sie den Morgen darauf den unglücklichen Verlauf von dem Sklavonier erfuhr, je sichrer sie schon auf den guten Erfolg gerechnet hatte. Dies unerwartete Misslingen setzte sie so sehr aus ihrer Fassung, dass sie auf den Tisch schlug und schwur, das naseweise Mädchen in seine hände zu liefern oder nicht zu leben.
Viertes Kapitel
Herrmann wusste von allen diesen begebenheiten nichts, und weil er Ulrikens eigenhändiges Billett gesehen hatte, hielt er den traurigen Abend, wo sie vorgingen, für die Sterbestunde ihrer Tugend. Er siegelte noch denselben Abend, als er von Tische kam, den goldnen Ring, den er von Ulriken zum Unterpfande ihrer Liebe unter dem Baume empfing, in ein Blatt, welches nichts als diese Worte entielt:
'Ulrike, dieser Ring werde das Monument Deiner Tugend, da er nicht länger das Band unsrer Liebe sein darf. Weine bei ihm wie bei dem Grabsteine einer Freundin, die plötzlich in der Blüte ihres Lebens dahinstarb! Blutige Zären sind für eine Tugend wie die Deine nicht zuviel. Ich feire heute Deinen Sterbetag; denn seit gestern bist Du für mich tot.' –
Er konnte sich nicht entschliessen, das Briefchen abzuschicken, weil ihm Ulrikens Fall so unglaublich vorkam, dass er beinahe seinen eignen Augen nicht traute. Nach langem Bedenken und Ängstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz auf, Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen: sie hatte bisher so vielen verstellten Anteil daran genommen, dass ihm sein Misstrauen gegen sie gereute. Sie hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der Leichtgläubigkeit gegen sie gewarnt; und der Erfolg gab ihrer Prophezeiung so völlig recht, dass er sich über sich selbst wunderte, wie er ihr jemals unrecht geben konnte. Er tadelte sich, dass er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte, und wie die meisten Menschen, wenn sie recht entsetzlich betrogen sind, fasste er jetzt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr: er war so arg hintergangen worden, dass es ihm nicht auf die Gefahr ankam, noch einmal hintergangen zu werden.
Leicht zu erachten, dass ihn Vignali nicht allein bei seiner Überredung von Ulrikens Falle liess, sondern auch aus allen Kräften darinne bestätigte! Die schadenfrohe Frau war wegen des Streiches, wodurch Ulrike den Abend vorher ihre gewiss geglaubte Rache vereitelt hatte, in völligem Ernste so herzlich auf sie erbittert, dass sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach. Herrmann war überhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stunde daher sehr bald in hellen Flammen; als er durchaus loderte, liess die hinterlistige Vignali heimlich Ulriken rufen: unterdessen, bis sie kam, fachte sie seinen Zorn vollends bis zur gänzlichen Feuersbrunst an. Das gute Mädchen wurde durch die unerwartete Botschaft in solche Freude versetzt, dass sie zitterte: sie vermutete Wiederkehr, Versöhnung, Reue, Verbindung auf ewig -alles, was nur guterzige Liebe vermuten kann. Sie eilte, schauernd vor Vergnügen und Erwartung, hinüber, und Vergebung schwebte ihr schon auf der Zunge