der armen Frau nicht einmal die Freude zu gönnen, dass sie sich zanken kann! – Dieser neue Streich erhöhte den vorigen Groll: sie wollte mit aller Gewalt durchbrechen und stellte sich zu dem Ende an die hinterste Haustür mit dem wohlgemeinten Vorsatze, sie unaufhörlich auf- und zuzuschlagen: allein bei dem ersten Öffnen lehrte sie der Zufall ein andres Mittel, das ihren Zweck mit millionenmal sichererm Erfolge beförderte. Die Türangel war bei der grossen Hitze ganz trocken von Öle und so durstig geworden, dass sie bei jeder Umdrehung in einem hellen schneidenden Tone schrie: unter allen Unannehmlichkeiten, die sterbliche Ohren martern können, war dieses für ihren Mann die angreifendste, das wusste sie. Was sie tat, kann man nunmehr leicht raten: das war so ein durchdringendes, Mark und Nerven zerreissendes Quieken in einer Leier fort, als wenn sich alle Türen im haus verschworen hätten, den Mann musikalisch zu tod zu martern. In der ersten Überraschung schwoll sein Zorn wohl ein wenig auf, allein sogleich fasste er sich wieder, holte einen Strick aus der kammer, und da sie ihn mit diesem Instrumente kommen sah und vermutete, dass vielleicht gar ihr rücken damit gemeint sei, verliess sie bestürzt ihren Posten und flüchtete in die Küche. Ohne etwas mehr im Sinne gehabt zu haben, band er die Hoftür, die auch kein zuverlässiges Schloss hatte, so fest an einen inwendigen Haken, dass mehr als Weiberstärke dazu gehörte, sie wieder musikalisch zu machen. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zurück an seine Arbeit.
Die Frau wollte in Verzweiflung geraten, dass ihr alle Anschläge misslungen. Indessen, dass sie auf neue Ränke sann, kam der Laufer des Grafen, überbrachte einen gnädigen Gruss von seinem Herrn und drei Bouteillen Wein, mit der Bitte, sie morgen an dem Geburtstage der Gräfin auf ihre Gesundheit auszuleeren.
"Ich mag keinen Wein vom Grafen", sagte Herrmann trotzig und schrieb, ohne aufzublicken, brummend fort. – "Was für Wein ist es denn?" fragte er in der nämlichen Positur nach einer kleinen Pause.
"Ungarwein", antwortete der Laufer.
Herrmann stunde von seinem stuhl langsam auf, steckte die Feder hinter das rechte Ohr, zog den Kork von der Flasche, setzte an und tat einen herzhaften Schluck.- "Er ist gut", sprach er, indem er sie wieder auf den Tisch stellte; "ich will ihn behalten."
"Zugleich", fuhr der Laufer fort, "soll ich Ihnen auch die Nachricht von Ihrem Heinrich bringen –"
Herrmann. Ist der verfluchte Junge auf dem schloss?
Der Laufer. Ja, schon seit heute früh um sechs Uhr. Er ist heimlich aus dem Bette fortgeschlichen und war schon lange da, ehe Sie zum Grafen kamen: aber er bat inständig, dass wir ihn vor Ihnen verstekken sollten. So ist er in unsrer stube geblieben, bis es der Graf erfuhr und ihn zu sich aufs Zimmer kommen liess. Er hat ihn dem Kammerdiener übergeben, bei dem er wohnen und schlafen soll. Man könnt ihn gar nicht bereden, wieder wegzugehen, und er lässt Ihnen sagen, dass Sie sich weiter nicht um ihn bekümmern sollten, er wäre versorgt.
Herrmann. Darum braucht er nicht zu bitten, dass ich mich nicht weiter um ihn bekümmern soll. – Nicht einen Fuss darf er mir wieder über die Schwelle setzen, der Tagedieb! –
Er tat zu gleicher Zeit einen zweiten Schluck aus der Flasche, die er beständig während des Sprechens in der Hand behielt. -"Der Wein ist recht gut", sagte er freundlich, als er absetzte.
Der Laufer. Morgen werde ich Ihnen mehr bringen, wenn der Herr Graf weiss, dass er Ihnen so gut schmeckt.
Herrmann hatte während dieses Versprechens den dritten Schluck getan und antwortete mit beinahe stammelnder Zunge: "Es soll mir lieb sein."
"Sagen Sie nur dem Grafen", setzte er hinzu, als der Laufer Abschied nahm, "er möchte meinen Heinrich bei sich behalten, so lang er wollte – er darf sich gar nicht fürchten, dass ich mich deswegen wieder mit ihm zanken werde – ich hab ihm auch heute früh nichts übelgenommen, das kann er versichert sein – nur soll er mir nicht so einen Tagedieb aus ihm machen, wie es die Laffen alle um ihn herum sind! Oder ich schmeisse den Jungen mit dem kopf an den ersten Stein, wo ich ihn finde."
Während dieser halbtrunknen Rede hatte er den Laufer an die Haustür begleitet und nahm jetzt Abschied mit einem Händedrucke und dem nochmaligen Auftrage, dass er den Grafen ja versichern sollte, er habe ihm heute früh gar nichts übelgenommen; er wüsste wohl, dass es des Grafen Art einmal sei, etwas frei zu reden. – Eine solche Verwechslung der Personen begegnete ihm gewöhnlich auch bei dem kleinsten Rausche: immer glaubte er alsdann, dass die Leute ihm die Grobheiten gesagt hätten, wodurch sie von ihm kurz vorher waren beleidigt worden: widerfuhr es ihm – welches auch nicht selten geschah –, dass er in der Trunkenheit jemanden recht derb ausschalt, so beging er, wenn er wieder nüchtern war, die nämliche Verwechslung und versicherte ihn herzlich, dass er ihm alles vergeben habe. Beständig schien er sich der beleidigte teil, und nur seine Frau machte hierinne eine Ausnahme.
Überhaupt hatte er das Unglück, dass er bei aller Stärke und Klugheit, womit er ihrem Eigensinn und Trotze widerstand, gemeiniglich sein