er eine unaussprechliche Indolenz in allen seinen Angelegenheiten, wünschte sehr oft, etwas zu ändern, und kam niemals dazu: seine gesellschaftlichen Zerstreuungen rissen ihn davon hinweg, ehe er an die Ausführung seines Wunsches denken konnte: also blieb es in seinem haus beständig, wie es war, schlecht oder gut, und es gehörte ein gewaltsamer Stoss dazu, um eine Änderung hervorzubringen, wobei meistens Vignali die erste bewegende Kraft war.
Die bedrängte Ulrike wusste in ihrer ganzen Seele kein Mittel zu finden, wie sie den höhnischen Vorwürfen der Frau von Dirzau entgehen sollte, die um so viel stärker und häufiger wurden, je weniger ihr Bruder Anstalt zu der verlangten Abänderung machte. Alle Entschuldigungen halfen nichts bei dieser grausamen Moralistin, nichts mehr als das ausdrücklichste Verbot bei den hartnäckigen Liebhabern. In so einer kritischen Lage gab ihr an einem Nachmittage, wo sie von allen dreien den ungestümsten Sturm hatte ausstehen müssen, üble Laune und Ärger einen sonderbaren Einfall ein, den sie auf der Stelle ausführte. Sie versprach der Küchenmagd, einem hässlichen, triefäugichten alten weib, ein Geschenk, wenn sie diesen Abend eins von ihren Kleidern anziehn und sich in ihr Zimmer setzen wollte: die alte Melusine liess sich ihren Lohn zum voraus bezahlen und gab ihre Hand darauf, dass sie die Rolle übernehmen werde. Sogleich flog Ulrike auf ihr Zimmer zurück und schrieb an jeden ihrer drei Liebhaber ein Billett, mit dem blossen Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschrieben, worinne sie allen eine Stunde zu einem Abendbesuche bestimmte. Kaum hatte der Sklavonier das seinige empfangen, als er zu Vignali eilte und es triumphierend vorzeigte. Vignali triumphierte nicht weniger und glaubte, ihren rachsüchtigen Zweck nunmehr völlig erreicht zu haben. Herrmann erkannte Ulrikens Hand und war mit seinen eignen Augen von ihrer Untreue überzeugt: er überlas mit tiefsinniger Aufmerksamkeit unzählige Male das unglückliche Billett, legte es langsam auf den Tisch, und neben der Hand fielen zwei grosse Tränentropfen nieder, die ihm wider seinen Willen entschlüpften: sie wurden, tief aus dem herz, um Ulrikens Tugend geweint. Er drückte hurtig die übrigen, welche eben nachfolgen wollten, ins Schnupftuch, verbarg, so gut er konnte, seinen Schmerz und ging auf sein Zimmer. Vignali, die mit einem Seitenblicke die Tränen hatte abwandern sehen, hinderte ihn nicht, sondern empfand wirkliches Mitleid für ihn, da sie sich ohne seine Beihilfe der Vollendung ihrer Rache so nahe dünkte. Im Übermasse ihres Mitleids beschloss sie sogar, ihn für seine Betrübnis durch ihre eignen Reize wieder zu entschädigen: sie war so entzückt, so trunken von ihrem Siege, dass sie sich vor Freuden selbst nicht kannte: sie holte den niedergeschlagnen Herrmann in eigner person von seinem Zimmer und war äusserst geschäftig, seinen Schmerz durch alle Arten des Zeitvertreibs zu zerstreuen; allein das Vergnügen berührte nur die Oberfläche seiner Seele: es war keins mehr für ihn auf der Erde.
Unterdessen stellten sich die beschiedenen Liebhaber zur bestimmten Stunde ein; der Lord war der erste und stutzte nicht wenig, als er das ganze Zimmer mit einem unausstehlichen Brannteweinsgeruche durchräuchert fand, der immer stärker wurde, je mehr er sich der vermeinten Ulrike näherte. Die Alte hatte sich für den verdienten Lohn eine Güte getan, und zwar in so reichlichem Überflusse, dass sie auf keinem Bein stehen und kein Wort sprechen konnte. Der Lord erkannte in der schlecht erleuchteten stube ihr Gesicht nicht und redete sie sehr treuherzig an, als er noch einige Schritte von ihr war: wie fuhr er zurück, als ihm ein lautes grunzendes Gelächter und mit demselben eine ganze Atmosphäre voll Brannteweinsdünste entgegenkam! Mit seinem gewöhnlichen Phlegma ergriff er das Licht, um den übelriechenden Gegenstand zu beleuchten, und hatte es kaum in die Hand genommen, als der Sklavonier, in einen weissen Mantel gehüllt, hereintrat. Der Lord hielt ihm das Licht vor das Gesicht: er starrte den Sklavonier an, der Sklavonier ihn: jedem starb das Wort zwischen den Lippen. Eben wollte sich ihre Zunge lösen, als auch Mr. de Piquepoint, in dem funkelndsten Anzuge, den Degen an der Seite, gravitätisch durch die Tür hereinmarschierte. Wie versteinert blieb er mitten in seinem majestätischen Schritte stehen, als er die beiden übrigen erblickte: da stunden sie alle drei, gafften einander an, und jeder fragte den andern, was er hier wollte. Der Lord nahm den Sklavonier bei der Hand, um mit ihm gemeinschaftlich die vorhin unterbrochne Untersuchung anzustellen. "Mon Dieu!" schrien sie beide in einem Tempo, da ihnen die gläsernen Katzenaugen aus dem alten runzlichten gesicht entgegenblickten: die Alte nahm es in ihrer Trunkenheit übel, dass man ihr so nahe in die Augen leuchtete und fing mit stotternder Zunge aus allen Leibeskräften zu schimpfen an. Der Lord setzte kaltblütig das Licht nieder und sprach ebenso kaltblütig: "Wir sind betrogen." – "Wir sind betrogen", schrie der Sklavonier und schwur Tod und Rache. Die Alte, die indessen in einem, fort geschimpft hatte, stunde wankend auf und torkelte auf den erstaunten Mr. de Piquepoint hin, der sich mitten im Zimmer aufhielt und nicht wusste, wie ihm geschehn war. Kaum hatte sie ihn erwischt, so gab sie ihm mit tölpischer Hand eine so lautschallende Ohrfeige, dass er sich im Kreise herumdrehte. "Ah, mon joue, mon tête!" rief er winselnd und floh: die Alte torkelte ihm nach. In der Angst rennte er an den ergrimmten Sklavonier, der in seinem Zorne ihn bei der Brust packte und zurückstiess, dass