1780_Wezel_105_168.txt

folglich können Sie mich nicht daran hindern. Das Mädchen ist ihre bare hundert Dukaten unter Brüdern wert, und für Ihr Leben gebe ich nicht einen halben Gulden: folglich können Sie mich nicht daran hindern. Madam Vignali würde in meinem vaterland nicht mehr als neunzig Dukaten gelten, wenn man sie zu Markte brächte, und Lairesse kaum siebenzig: aber das Mädchen ist völlig so gebaut, wie wir sie bei uns zulande lieben. Wenn ich sie bewegen könnte, mir in mein Gebiet zu folgen, so würde ich ihr ein paar Städte schenken, wovon sie honett leben sollte. Sie müsste sich freilich gefallen lassen, meine Sklavin zu heissen, weil ich sie nach den Gesetzen des Landes nicht zur Gemahlin machen darf: und wenn Sie sich insgesamt entschlössen, mir zu folgen, so sollte es Ihr Schade nicht sein. Ihnen, Vignali, verspreche ich drei Dörfer: unter uns gesagt, ich danke Gott, dass ich sie loswerde; und Dir, Lairesse, gebe ich eine Stadt mit drei Toren: und Sie, sprach er zu Herrmann, mach ich zum Vizegouverneur meiner sämtlichen land, bis der itzige mit tod abgeht. –

Herrmann merkte nunmehr, dass auch dieses Subjekt mit Monsieur de Piquepoint in eine Klasse gehörte, und hielt ihn deswegen nicht für fürchterlich; er verliess ihn voller Verachtung. Allein der Aufschneider fuhr ungestört in seinem grosssprecherischen Tone fort. Der Herr von Troppau erzählte in der Folge, dass ihm ein Bedienter entlaufen sei: gleich erbot sich der Graf, ihm drei Sklaven zu schenken, wenn er sie von seinen Gütern aus der Walachei holen lassen wollte. Vignali beschwerte sich über einige Unbequemlichkeiten ihrer wohnung: der Graf versicherte sie, dass er zu haus über zwanzig Paläste leerstehen habe, die alle zu ihrem Befehle wären, wenn man sie nach Berlin schaffen könnte. Lairesse beklagte sich über Berlins Weitläuftigkeit und den gewaltigen Kot der Strassen: "Sie sollten in meinen Städten wohnen", fing der Graf an, "ich möchte, dass ich Ihnen eine zur probe herbringen lassen könnte: da würden Sie Gassen sehen, wie sie sein müssen! so rein, dass man sich auszuspucken scheut!" – Man sprach von der Schwierigkeit, mit welcher sich die Zimmer im haus heizen liessen, und Herrmann berichtete, dass das seinige ein Abgrund sei, der unendliches Holz verschlinge, ohne jemals warm zu werden: "Ich wünschte", unterbrach ihn der Graf, "dass ich Ihnen ein paar von meinen Wäldern kommen lassen könnte: sie verderben und verfaulen mir, weil der Überfluss nicht zu verbrauchen ist." – Man sprach von Öfen: der Graf hatte in seinen Palästen Sparöfen, die mit sechs Stücken trocknen Holzes eine stube von sieben Fenstern im stärksten Winter auf einen ganzen Tag heizten. Man machte ihm den Einwurf, wozu ihm bei so unverbrauchbarem Überflusse an Waldung Sparöfen nützten. – "Ja", antwortete er, "meine Waldungen liegen alle so viele Meilen weit von meinen Palästen, dass mich die Transportkosten zwanzigmal höher kommen als hier das teuerste Holz." – "So bauen Sie lieber Ihre Paläste näher an die Wälder!" riet ihm der Herr von Troppau. – "Ich räsoniere so", versetzte der Graf, "wer viel Sklaven hat, muss ihnen viel zu tun geben, und wer ihnen viel zu tun geben will, muss sein Holz weit holen lassen: folglich lasse ich alle meine Residenzen weit von meinen Wäldern anlegen." – "Sonach kann Ihnen ja der Transport nicht viel kosten, wenn er von Sklaven geschieht", warf ihm Vignali ein. – "Der Transport nicht", versetzte er, "aber die Lebensmittel für so viele Sklaven, die es auf den Schultern an Ort und Stelle tragen müssen!"

So war der Grosssprecher unerschöpflich an Aufschneidereien und unerschöpflich an Beschönigungen und Ausflüchten, wenn man ihm Zweifel und Einwürfe entgegenstellte. Es durfte kaum ein Möbel oder ein anderes Bedürfnis des menschlichen Lebens genannt werden, so hatte er eine äusserst sinnreiche Erfindung entweder selbst auf seinen Gütern oder auf seinen Reisen an irgendeinem Orte der Welt gesehen: er trieb den Unsinn so weit, dass er behauptete, er habe auf einem seiner Sommersitze ein Zimmer, das man, sowie die Gesellschaft zunähme, erweitern könnte. Er besass viele Geheimnisse in der Medizin, wovon er zwar nie eine probe ablegte, aber doch ungemein viel sprach.

Auch dieser prahlerische Abenteurer belagerte die arme Ulrike mit seinen Besuchen, und so unverschämt, dass er sie wiederholte, ob sie ihm gleich in einer mürrischen Laune das Zimmer verbot: die beiden ältern Lieberhaber, der Lord und Mr. de Piquepoint, setzten ihre Verfolgungenso nannte Ulrike ihre Besucheebenso unermüdlich fort. Die Frau von Dirzau ward ihr so gram deswegen, dass sie ihrem Bruder unaufhörlich anlag, sie aus dem haus zu tun, weil die Erziehung seiner Tochter darunter litte: allein er gab ihr seine gewöhnliche Antwort, dass er sich um solche Sachen nicht bekümmerte. – "Ich bezahle eine Gouvernante für meine Tochter", sagte er, "wenn sie nichts taugt, so ist es nicht meine Schuld: ich kann nicht jede Woche eine neue annehmen." – Über die häufigen männlichen Besuche, die seiner Schwester so anstössig waren, lachte er und versprach, den Lord und die übrigen zu bitten, dass sie künftig ganz eingestellt würden, versprach es in völligem Ernste und vergass die Minute darauf, dass er es versprochen hatte. Überhaupt besass