bei Lairessen den Auftrag, sich zu erkundigen, ob ihr Wagen da sei: er ging hinunter, fand ihn, setzte sich hinein und fuhr nach haus, und Vignali musste über eine Stunde verziehen, bis die Kutsche zurückkam. Zuweilen belustigten seine Zerstreuungen die übrigen, oft veranlassten sie ihm auch Bitterkeiten und empfindliche Spöttereien: aber sein Gefühl war halb stumpf, wenigstens empfand er das Gesagte nie in gehörigem Masse: oft konnte er die stechendsten Reden gelassen anhören, und oft erzürnte er sich bei Kleinigkeiten, worüber er lachen sollte. Oft mitten unter den fröhlichsten Auftritten bei Tische stiegen ihm Tränen in die Augen, und in der Gruppe lachender Gesichter stach das seinige mit betrübter Wehmut und weinerlicher Traurigkeit hervor: mitten im gleichgültigsten gespräche verzogen sich seine Muskeln plötzlich in Wut, er sprang knirschend auf und murmelte verbissne Flüche vor sich hin. Die schlimmsten Verfolgungen musste er von Lairessens Mutwillen ausstehn. In jeder Gesellschaft, wo er sich befand, wusste sie eine Menge Gefälligkeiten zu erzählen, die bald der Lord, bald der sklavonische Graf von Ulriken genossen haben sollte: ihren Nachrichten und Schilderungen zufolge war sie ganz gesunken, ein freches, liederliches, wollüstiges Weibsbild geworden; und wenn ihr Herrmann widersprach, dann lachte ihn die Boshafte als einen leichtgläubigen, empfindsamen, einfältigen Duns mit den angreifendsten Spöttereien aus. Er tat Ulriken in einem Briefe sehr lebhafte Vorhaltung darüber, allein er wurde nicht beantwortet, weil ihn Vignali sowenig als die vorhergehenden übergeben liess. Was war nunmehr gewisser zu vermuten, als dass sie sich scheute, auf Vorstellungen zu antworten, die sie nicht befolgen wollte? oder dass sie vielleicht aus Leichtsinn ihrer gar nicht achtete?
Lairesse ging in ihrem boshaften Mutwillen so weit, dass sie den sogenannten sklavonischen Grafen, der bisher verreist gewesen war, ohne dass es Herrmann wusste, unmittelbar nach seiner Rückkunft in eine Abendgesellschaft zog. Er gehörte unter die Zahl ihrer heimlich begünstigten Liebhaber und war ein Abenteurer, dessen eigentliches Vaterland niemand wusste, weil er in jeder Stadt, wo er sich aufhielt, ein anderes angab: bald war er ein Italiener, bald ein Türke, bald aus Albanien, bald aus der Walachei, und in dieser Gesellschaft wurde er der sklavonische Graf genennt. Er hatte im vorjährigen Karneval zu Venedig grosses Glück im Spiel gehabt und hielt sich jetzt in Berlin auf, um seinen Gewinnst wieder zu vertun. Der Mann war das drolligste Gemische von affektierter Philosophie, natürlichem verstand und aufschneidendem Aberwitze, er räsonierte über alles, und oft übernahm ihn mitten in dem Laufe seiner kalten Dissertationen der Zorn so gewaltig, dass er die Leute um sich mit den Zähnen hätte zerreissen mögen. Lairesse, der es nur um seine Geschenke zu tun war, hatte schon sehr oft die Stelle einer Kupplerin für ihn vertreten und erbot sich auch jetzt, es bei Ulriken zu sein. Er hatte dies gute Mädchen, wie er sie nannte, einigemal in den Abendgesellschaften gesehen und nur darum, seiner Lüsternheit widerstanden, weil es ihm eine Beleidigung alles Rechts zu sein schien, wenn er nach einem gegenstand strebte, in dessen rechtskräftigem Besitze, nach seiner Meinung, der Herr von Troppau sich schon befand: doch jetzt, da ihn Lairesse von dem Gegenteil seiner Mutmassung überzeugte, ward seine Begierde desto entflammter, besonders weil man ihm dabei die Lorbeeren der ersten Eroberung versprach. Vignali und Lairesse erboten sich, unterdessen für ihn wirksam zu sein, bis eine günstige gelegenheit herannahte, wo er den Kranz eines so schönen Siegs verdienen könnte.
In der ersten Abendgesellschaft, wo er nach seiner Reise erschien, sprach er von Ulriken mit so vieler Entzückung, als nur ein feuriger Liebhaber von einem Mädchen sprechen kann: Herrmann schlich während seiner berauschten Lobrede an den Wänden herum, biss sich an den Lippen, nagte an den Nägeln, zog jede Viertelstunde das Schnupftuch aus der tasche, nahm Tobak, rückte an der Weste oder Halsbinde, ob sie gleich beide vortrefflich sassen – machte mit einem Worte alle Handgriffe eines Schauspielers, der nicht weiss, was er mit seiner person anfangen soll. Endlich ging der Sklavonier so weit, dass er gegen Lairesse und Vignali, die ihm verstellterweise widersprachen, trotzig behauptete, er brauche nur die Karten aufzulegen, so gewiss sei ihm sein Spiel mit Ulriken. Das war in Herrmanns Ohren eine Blasphemie wider sie: Zurückhaltung wurde ihm nur zu schwer, er fasste den Grafen von hinten zu bei dem arme und drehte ihn hastig herum. – "Legen Sie Ihre Karten auf!" rief er mit bitterm lachen, "Sie sollen doch bete werden."
Der Graf antwortete mit philosophischer Kälte: "Ich habe hundert hinreichende Gründe, warum ich meine Eroberung als gemacht betrachte: aber ich will Ihnen nur einen angeben, der stärker ist als alle Gründe in der Welt: – Weil ich es bin!"
Herrmann. Der Grund beweist weiter nichts, als dass Sie sehr viele Einbildung haben.
Der Graf. Ich räsoniere so: Wer viel Einbildung hat, muss Ursache dazu haben, und wer Ursache dazu hat, muss viel Einbildung haben; und da meine Einbildungen gross sind, müssen auch meine Ursachen gross sein: folglich muss ich zu meinem Zweck gelangen.
Herrmann. Und Sie werden nicht zu Ihrem Zweck gelangen, sage ich. Wissen Sie warum? – Weil ich mein Leben daran wage, um Sie zu hindern.
Der Graf. Ich räsoniere so: Ihr Leben ist weniger wert als das Mädchen, und das Mädchen mehr als Ihr Leben: