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wenn du dich an dem Undankbaren rächtest? Was nützt Tugend und Beständigkeit, wenn nur Herzeleid und Kummer ihr Lohn ist? Haben Vignali und andre ihresgleichen nicht unendlich grössere Freuden als ich? Ohne Liebe des Herzens schwimmen sie im Vergnügen: ein Liebhaber, der sie verlässt, ist ihnen nicht mehr als eine Stecknadel, die sie verlieren: es gibt ihrer mehr. Weg mit allen den Grillen von Tugend und Liebe! Einbildungen sind's! Vignali hat mir's oft genug gesagt, dass ich an die Grillen nur glaube, weil ich die Welt nicht kenne. Sie hat recht: ich will dem Anerbieten des Lords Gehör geben, will dem Vergnügen nachgehn und alle die Zierereien von Delikatesse und Ehre vergessen. Die Liebe hat mich einmal zu einer Entlaufnen, zu einem übelberüchtigten Flüchtlinge gemacht: meine Ehre vor der Welt ist dahin: was hab ich weiter zu fürchten? – Vignalis Zustand ist ein Himmel, der meinige eine Hölle; und doch bildete ich mir so viel über sie ein, weil ich tugendhaft liebte, und hielt Tugend und Glückseligkeit für zwo Schwestern: nein, es können wohl weitläuftige Verwandten sein, aber sie vertragen sich auch so schlecht wie Verwandte.'

Auf einem andern Blatte, worauf sie Zwirn gewunden hatte, ist etwas unleserlich geschrieben: 'Wenn nur ein Engel vom Himmel käme und mir sagte, ob Vignalis Leben ein Verbrechen ist! Liebe macht unglücklich: das hab ich leider erfahren: sie hat mich zu Unbesonnenheiten verleitet, um Stand und Ehre gebracht. – Herrmann ist zeitiger zur Erfahrung gelangt als ich. Er hat das Schimärische der Liebe eingesehn. Er hat ihr entsagt. Warum sollte ich nicht dem Beispiele folgen? So viele tausend, die der Liebe höhnen und für das Vergnügen leben, werden doch klüger sein als ich phantastisches Mädchen? – Ich träume noch in der Welt herum: ich kenne sie noch nicht: Vignali hat recht darinne. Jetzt sind mir die Augen geöffnet worden: alles hab ich erfahren, was sie mir von der Liebe prophezeite. Drum warnte sie mich wohl vor der schimärischen Herzensliebe. Nicht anders! ich will dem Lordbin ich nicht erschrocken! War mir's doch, als wenn ein Teufel vor mir stünde und mir die Hand führte: ich fühle noch, wie ich mich losriss. – Was das für tolle Einbildungen sind!'

Den Inhalt eines dritten übergebliebnen Zettelchen, das sehr zerstochen ist, kann man nur durch mühsames Raten herausfinden. Es fängt abgebrochen an: 'Nein! ich will nicht! meine ganze Seele widersetzt sich dem Gedanken, eine Buhlerin zu sein oder das Weib eines Mannes, der nicht liebt, der wollüstig seine vorgegebene Liebe auf den Kauf herumträgt und noch Geld bietet, damit man sie nur annimmt! Ich willnicht lieben? – Nein, mich grämen!'

Auf der umgewandten Seite steht: 'Wie schrecklich ist es, Liebe zu fühlen und niemanden lieben zu können! Wie traurig, Liebe zu fühlen und den einzigen, den man lieben möchte, seiner Liebe unwert zu finden! – O wie glücklich machte mich heute mein Unwille! er machte mich hart, mürrisch, gefühllos: doch jetzt wacht meine ganze Seele wieder zur Empfindung auf: das Feuer ergreift mich, und ich elendes Mädchenmuss verbrennen. – Heinrich! gern will ich dir vergeben! gern! Kehre nur wieder! mache mir's nur nicht zu schwer, dich zu lieben. Entsage Vignali, und meine arme sollen dir so offen entgegeneilen wie jetzt mein Herz!' –

In solchen Stunden der Liebe war sie mehr als einmal im Begriffe, zu ihm zu gehen und ihm Vergebung für seine Untreue anzubieten, ihn durch Tränen zu bewegen, dass er Berlin mit ihr verlassen möchte: allein teils fürchtete sie Vignalis Übermut, wenn ihr der Versuch nicht gelänge, teils ihre heimtückische List, die die wirkung ihrer Bemühungen vereiteln würde, sobald sie Gefahr von ihnen besorgte. Also jammerte und trauerte die arme Einsame über eine nicht begangene Untreue, während dass derjenige, der sie begangen zu haben schien, nicht weniger über die ihrige sich beschwerte: beide hatten das grösste Recht; denn da Vignali ihre Briefe unterdrückte, musste ein jedes unter ihnen glauben, von dem andern zuerst beleidigt zu sein.

Herrmann klagte und wimmerte zwar nicht über die erlittne Kränkung, aber er zürnte, er raste. Er knirschte mit den Zähnen, sooft er den Lord an Ulrikens Fenster erblickte: jede Speise schmeckte ihm widrig, wie jedes Vergnügen. Die Abendgesellschaft konnte um ihn herum schäkern und lachen, dass ihm die Ohren zitterten: er bewegte keine Lippe: er hörte kaum, so zerstreut, verwildert und vertieft war er in seinen Schmerz. Reichte ihm der Bediente ein Glas, dann hielt er es in seiner Verwirrung für Brot und griff gerade hinein: oft trank er in der Selbstvergessenheit so hastig und so übermässig viel, als wenn sein Magen ein Feuerofen wäre, den er löschen müsste, und einmal goss er seiner Nachbarin ein ganzes Glas wasser in die Suppe, als sie ihn um das Salzfass bat. Wenn ihm Vignali sagte, dass er mit ihr ausfahren oder ausgehn sollte, dann wanderte er gedankenvoll auf sein Zimmer, um den Hut zu holen, vergass unterwegs seine Absicht, stellte sich ans Fenster oder setzte sich trübsinnig auf den Stuhl und liess die wartende Vignali vor Ungeduld vergehen, bis sie nach ihm schickte. Einmal gab sie ihm in einer Gesellschaft