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Dich eben jetzt am Fenster mit Vignali lachen. Sage mir, wie Du das kannst! Stellest Du Dir nicht vor, dass ich vor Verdruss vergehen möchte, und unsre Trennung, die ewige Störung unsrer Liebe liegt Dir so wenig am herz, dass Du noch lachen kannst? – O Heinrich! Leichtsinn ist sonst nicht Dein Fehler: es ist also Unbeständigkeit, überlegte Unbeständigkeit, dass Dich Vignalis Vergnügen stärker rührt als mein Kummer. Hat sie Dich etwa schon so fest mit ihren Fesseln umschlungen, dass Dir das Mitleid gegen die arme vergessne Ulrike Mühe kostet? Bist Du schon so sehr mit Vignali einverstanden, dass Du ihren Triumph über mich durch Deine Freude empfindlicher machen willst? Ich versichre Dich, Dein lachen ging mir durch Mark und Bein. O ich Törin! dass ich Dich in die hände eines so listigen Weibes brachte! Du kannst, Du kannst mir nicht treu bleiben, wenn Du gleich wolltest: es ist um mich geschehn! Aber wisse! Untreue kann nur durch Untreue gerächt werden; und gewiss ein schwerer Schritt, wenn ein Mädchen aus Rache Untreue begehen muss! der Schritt in den Sarg kann nicht schwerer sein.

Heinrich, wenn es noch Zeit ist, erbarme Dich Deiner Ulrike! Ich wohnte in einem Rosengarten, ehe Du kamst: seitdem Du hier bist, wohne ich im Kloster, schlafe auf Dornen, der Fussboden wird mir zum zakkichten Felsen und die ganze Welt eine Wüste. 'Nun willst du Freuden des Paradieses voll, rein, unerschöpflich geniessen', hoffte ich, als Du zu Vignali zogst; und ach! – ich durfte kaum hineinblicken in das Paradies. – Keine Liebe, keine sorge.

U.

Dies war der letzte Brief, den Herrmann empfing: seine Antwort darauf, die Ulriken wegen ihrer Besorgnis beruhigen sollte, wurde nebst den folgenden, so viel sie ihrer beiderseits schrieben, von Vignali zurückbehalten: also war ihnen auch diese Art der Mitteilung benommen, doch ohne dass eines das Stillschweigen des andern der wahren Ursache zuschrieb. Herrmann wurde nunmehr gar nicht auf sein Zimmer gelassen als des Nachts und zur Zeit des Anziehens und Auskleidens: die ganze übrige Zeit musste er bei Vignali zubringen, mit ihr ausfahren, sie bald dahin, bald dortin führen. Das heimliche Gezischel zwischen ihr und ihren Mitverschwornen nahm täglich zu, und jeden Tag erzählten sie sich, wie weit der Lord Leadwort, wie weit der sklavonische Graf, dieser und jener mit Ulriken gekommen sei: dabei äusserte man das grausamste Mitleiden gegen den betrognen Herrmann und liess ihm nichts als den elenden Trost, dass er Gleiches mit Gleichem vergelten könnte. Er wagte nicht, jemandem seinen geheimen Kummer über dies halblaute Reden mitzuteilen, sondern litt geduldig wie ein Märtyrer: was ihn jeden Tag vermehrte, war die Wahrscheinlichkeit des Verdachtes, der mit jedem Tage wuchs. Einige Morgen hintereinander führte ihn die tückische Vignali ans Fenster, damit er den Lord Leadwort erblicken sollte, der Ulriken auf ihr Anstiften so früh besuchen musste und ihr jedesmal aus Ulrikens Fenster einen guten Morgen bot. Sie hatte den verliebten Lord überredet, dass sich die spröde Ulrike durch anhaltende Zudringlichkeit gewiss gewinnen lasse; und er war so gut und folgte ihrem Rate. Das arme geängstigte Mädchen klagte zwar ihr Herzeleid in ihren aufgefangnen Briefen, weinte, kümmerte und härmte sich doppelt über das Zusetzen und Zudringen des Lords und über Herrmanns vermeinte Untreue; denn was konnte sie aus einem so langen Stillschweigen anders argwohnen, als dass Vignali ihn überwunden habe? Sie war wider die himmelschreiende Treulosigkeit beider zu sehr aufgebracht, um ihnen mündliche Vorhaltung darüber zu tun: sie schien sich der beleidigte teil und konnte also unmöglich den Anfang zur Wiederkehr machen. Wenn sie des Nachts zu einem Schlummer erwachte, stunde ihr Vignali und Herrmann mit umschlungnen Armen, lachend, froh, küssend und scherzend vor ihren Augen: die stolze Siegerin warf einen verachtenden triumphierenden blick auf sie, welcher der schlummernden Verlassnen wie ein schneidendes Schwert durch das Herz fuhr: beide flohen in verliebter Vertraulichkeit und mit spottendem Gelächter über die leichtgläubige, hintergangne Ulrike hinweg: die Träumende wollte ihnen nach, sie sprang aus dem Bette, erwachte und sah sich allein, bebte vor dem melancholischen Scheine der Nachtlampe und dem stillen Grausen des dämmernden Zimmers. Hurtig warf sie sich wieder in die Betten, wickelte sich tief ein, ächzte und weinte. Selbst wachend fuhr ihre aufgeregte Einbildung fort, sie mit Kummerbildern zu quälen: aus jedem Schatten, den die düstre Lampe in einem Winkel malte, aus jedem schmalen Scheine, den sie auf die Wand warf, schuf ihre Phantasie eine Vignali und einen Herrmann: die Täuschung ging so weit, dass sie ihr Zischeln, ihr halblautes lachen hörte; sie verbarg Augen und Ohren tief in den Betten und schluckte mit neuen Tränen ihren Ärger hinab.

Sie schrieb in diesem Zustande zuweilen einige Hauptszenen desselben auf Zettelchen, wovon sie die meisten verbrannte und nur einige aufbehielt, weil sie sich in ihrem Arbeitsbeutel verkrochen hatten. Auf einem steht: 'Das war ein harter Kampf heute früh. Warum muss nun der verwünschte Lord jedesmal zu mir kommen, wenn ich am meisten vom Kummer entkräftet bin und über die Treulosigkeit des Undankbaren, der mich so schnell vergass, geweint und gewehklagt habe? Als wenn er mit meiner Betrübnis in geheimer Verbindung stünde, kommt er nur dann! – Wahrhaftig, fast sollte ich glauben, dass böse Geister Gedanken eingeben können; denn wohl tausendmal fährt mir die idee durch den Kopf: Wie?