Furcht. Wie ein Geiziger, der ängstlich seinen Schatz gern bei sich tragen möchte, um ihn vor Diebstahl zu sichern, schloss er die eroberte Silhouette in die Kommode und beklagte sehr, dass er das Original nicht zugleich mit verschliessen konnte.
Den folgenden Morgen bekam er einen Brief von Ulriken, der den weiteren Erfolg von der Liebesgeschichte des Herrn Piquepoint entielt. Heute früh, Heinrich, habe ich ein grosses Schrecken und eine grosse Lust gehabt. Der Phantast, Monsieur de Piquepoint, den Du vermutlich nunmehr auch kennen wirst, trat ausserordentlich geputzt zu mir herein, machte eine unendliche Menge seiner zierlichen Verbeugungen und warf sich gerade vor mir hin auf die Knie: ich erschrak und dachte wahrhaftig, der Narr wäre verrückt geworden. Er zog unter dem Rocke einen grossen, mit Goldpapier eingefassten Bogen hervor, worauf ein abscheuliches Fratzengesicht von buntem Papier geklebt war, ein so possierlicher, rotgeschundner Kopf, dass ich mich vor lachen nicht halten konnte. – "Ist das Ihr Portrait?" fragte ich ihn. – "Qui, oui, ma charmante bête!" antwortete er voller Süssigkeit, hustete und sagte mir kniend vier französische Knittelverse her, die er diese Nacht gemacht haben will. Ich habe sie aufgeschrieben: hier sind sie:
Le portrait d'un Amant,
qui vous aime sans cesse,
Accordez-moi un rendez-vous,
Ou mon amour me rend très-fou.
Zuletzt, da ich nicht glauben wollte, dass es sein Produkt wäre, gestand er mir, dass es ein Billett sei, das einmal ein deutscher Baron an eine Französin geschrieben habe. "C'est un seigneur", setzte er hinzu, "qui crache des ver françois, tant il est françois, tout françois: c'est un Monsieur de qualité, comme il faut; il parle allemand comme un cochon, mais lé françois, il lé parle comme lé diable; et il ecrit françois comme un enfant en France" (französisches Landeskind). Die Possen, die er ausserdem noch sagte und tat, waren unzählig: er liess mir keine Ruhe, bis ich ihn wegen der gefoderten Zusammenkunft auf eine bessere Zeit vertröstete: wenn ich über sein unverschämtes Verlangen zürnte, besänftigte er mich mit so komischen Ausdrücken, dass ich meinen Zorn vergessen und lachen musste: um seiner loszuwerden, musste ich ihm die Hoffnung geben, dass er bei gelegenheit nähere Nachricht bekommen sollte.
Es ist mir höchst verdriesslich, dass der Phantast mit
mir seine Narrenrolle zu spielen anfängt: er berühmt sich immer mit so vielen unsinnigen Zeuge, dass ich sicher durch ihn in die Rede der Leute kommen werde. Ob ihm gleich niemand glaubt, weil man weiss, dass er ein Naar ist, so könnte doch sein Geschwätze mehr Menschen auf mich aufmerksam machen, als ich wünschte; denn ich vermeide mit Fleiss alle öffentliche Örter, wo viele Leute beisammen sind, seitdem man mein Portrait hergeschickt hat. Ich lebe seitdem so eingezogen wie eine Nonne; und so ist es der Frau von Dirzau recht, die mich schon deswegen gelobt hat, besonders weil ich jetzt weder zu Vignali noch in die Abendgesellschaften komme. Wenn sie wüsste, wie gern ich ihr Lob entbehrte! Aber ich begreife doch nicht, was dem Herrn von Troppau im kopf liegt, dass er der Vignali den Umgang mit mir untersagt. Ich mache mir tausend Grillen darüber und sinne, ob ich ihn oder Vignali beleidigt habe: es bleibt mir ein Rätsel. Mein Leben ist dadurch äusserst verdriesslich und traurig geworden: den ganzen Tag bin ich allein auf meinem Zimmer oder mit meiner Karoline, die vor Sittsamkeit und Vernünftigkeit unter den Händen ihrer Tante stumm wie ein Stockfisch geworden ist; man kann nicht ein muntres Wort aus ihr bringen. Bei Tische ist die Langeweile so gewöhnlich und unausbleiblich da wie das liebe Brot: sie ist unser Hauptgerichte. Also liegt mir der ganze lange Tag auf dem Nacken wie ein schweres Joch. Ich will lesen; aber es schmeckt mir kein Buch, ich kriege Kopfschmerzen, die Gedanken laufen mir im kopf herum, und dabei ist so eine Leere, so eine langweilige schmerzhafte Leere in meiner Seele, wie in einem Magen, der drei Tage gefastet hat. Ans arbeiten darf ich gar nicht denken; denn mir ekelt, wenn ich nur eine weibliche Arbeit liegen sehe. Schreiben? – das tu ich ja wohl, aber es gelingt mir nicht: alles klingt mir so steif, so hölzern, dass ich's zerreissen möchte: ich tu es auch oft genug; denn dies ist von vier Briefen der erste, den Du bekömmst; und noch möchte ich ihn lieber ins Feuer werfen, so elend ist er, so schleppend, so schläfrig, so langweilig wie ich selbst und alles um mich her. Fürwahr, man wird so eines abgeschmackten ungesalznen Lebens überdrüssig, und ich wäre jetzt aus Verdruss zu allem fähig, um mir nur die Last vom Halse zu schaffen. – So einen entsetzlichen Ekel vor allem, was ich denke, tue und empfinde, hab ich in meinem Leben nicht gespürt: meine eignen Gedanken machen mir Langeweile.
Was das für eine abscheuliche Schrift ist! Es wird kaum zu lesen sein: da liegt mir nun das Tintenfass so voller Federn, dass ich immer die unrechte fasse: ich will sie alle zerstampfen, die unseligen Federn!
Ich bin des einfältigen Schreibens müde: ich bringe doch nichts Gescheites zustande. Lebe wohl. Ich sah