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setze nicht eine Stecknadel dagegen. Sie sind ohnehin alle schon ziemlich weit mit ihr gekommen.

Rosier. Und ich wette nicht um eine Seifenblase. Sie ist auch nicht wenig froh, so eine Herde Liebhaber zu haben.

Vignali. Aber ich beklage nur den armen Menschen. So viele Liebe gegen ihn vorzugeben, und doch so eine Menge anderer daneben zu haben! Wie nur jemand so falsch sein kann! –

Herrmann glühte, stunde mit einem Seufzer auf: – "Der arme Teufel ärgert sich", sprach Vignali zu ihren beiden Freundinnen, "finissons!" – "Er muss es doch einmal erfahren", setzte Lairesse hinzu, "besser zeitig als spät!" – Vignali gebot noch einmal Stillschweigen und holte buntes Papier: Herrmann musste sich niedersetzen und arbeiten helfen: man schnaubte nicht mehr von Ulrikens Untreue. Der arme Verliebte war äusserst zerstreut und im eigentlichen verstand auf der Folter: er konnte nichts glauben, und gleichwohl war doch alles so wahrscheinlich.

Sobald der Herr von Troppau anlangte, wurde er von Vignali auf die Seite genommen und empfing ohne sein Bewusstsein eine Rolle bei ihrem rachsüchtigen Plane. Sie berichtete ihm, dass Monsieur Piquepoint eingeladen sei, worüber er sich von Herzen freute, und dass er ihn überreden solle, Ulrike habe sich in ihn verliebt und sei zu bescheiden, ihm ihre Liebe anzutragen, weswegen sie sich bloss begnüge, ihm ihren Schattenriss zu überschicken; sie hoffe den seinigen zum Gegengeschenk zu erhalten. Herr von Troppau war entzückt über das Possenspiel und beförderte aus Liebe zum Vergnügen Vignalis Absichten wider Herrmanns Ruhe.

Dieser Monsieur Piquepointwie man ihn zum Scherz hiesswar ehemals Schneider gewesen, hatte unvermutet eine reiche Erbschaft von einem Vetter in Holland getan und sogleich Nadel und Bügeleisen zum Fenster hinausgeworfen. Weil er ehedem als Geselle in Paris gearbeitet hatte, war ihm ein wenig von der Sprache hängengeblieben, welches ihn verleitete, schon als Schneider seine kleine Wissenschaft bei jeder gelegenheit auszukramen: alles um und an ihm bekam französische Namen, und er hielt es für eine Beschimpfung, worüber er auf der Stelle Beschwerde führte, wenn man ihn deutsch anredete. Da er vollends soviel Vermögen bekam, wurde es zur Todsünde, wenn man nur mit einem Worte sich merken liess, dass man ihn für einen Deutschen hielt. Er wollte schlechterdings ein vornehmer Herr scheinen und glaubte es wirklich zu sein, wenn er die Laster und Torheiten der Vornehmen nachahmte: er überliess sich also den entsetzlichsten Ausschweifungen der Liebe, und da kein Mädchen anders als durch den Nutzen angelockt werden konnte, ihn nur Hoffnung zur Begünstigung zu machen, so kosteten ihm seine verliebten Abenteuer unmässiges Geld, und meistenteils endigten sie sich damit, dass er um den Genuss betrogen und ausgelacht wurde: indessen, das machte ihm wenig sorge: er beging seine Ausschweifungen aus Eitelkeit, und darum war es zu seiner Zufriedenheit genug, wenn nur die Leute wussten, dass er mit dieser Schönen, mit dieser Tänzerin, jener Aktrice in Verbindung stunde: er wollte nichts als die Miene der Ausschweifung haben, und sein ganzes Gesicht wurde mit Vergnügen wie mit einem Firnis überzogen, wenn man ihm einen verliebten Ritterzug mit dieser oder jener berühmten Schönheit schuld gab. Seine Narrheit und sein Geld lockten viele junge Leute herbei, die auf seine Unkosten teils schmarotzen, teils sich belustigen wollten: sie hatten ihn auf alle Weise zum besten, und wenn sie ihn ein ganzes Abendessen hindurch, das er bezahlen musste, herumgetummelt hatten, dann genoss oft einer von ihnen die Gunst, die der arme Narr durch sein Gastmahl und vorhergegangne Geschenke zu erkaufen suchte, während dass ihn die übrigen Gäste auf seine Rechnung zu Boden tranken. Eine zweite vornehme Torheit, die er bis zum Übermasse trieb, war seine Sucht, französisch zu reden und ein Franzose zu scheinen: er würdigte keinen Deutschen eines Blicks, wenn er ihn seine Muttersprache reden hörte, und seine Frau und Kinder liess er beinahe verhungern, weil sie Deutsche waren und kein Französisch sprachen. Er veränderte deswegen seinen Namen, und der Herr von Troppau, ein grosser Namenerfinder, schlug ihm zum Scherze die Benennung Piquepoint vor, die er mit Dank annahm und beständig beibehielt: wer ihm einen süssen Augenblick machen oder sich bei ihm einschmeicheln wollte, hiess ihn Monsieur de Piquepoint, und endlich adelte man ihn so allgemein, dass er sich selbst einbildete, ein Edelmann zu sein, und es übelnahm, wenn ihm jemand das Wörtchen 'de' entzog: auch hütete er sich sorgfältig, mit einem andern Menschen als mit seinesgleichen umzugehen, wie er den Adel nannte. Dieser ausgesuchte Narr hatte mit der Lairesse, als sie noch Tänzerin war, ein paar tausend Taler durchgebracht, doch ohne dass es ihr etwas half, weil ihre Unbesonnenheit mehr ans Verschwenden als ans Bereichern dachte: sie hatte ihn in Vignalis Bekanntschaft gebracht, die ihm um so lieber zum Abendessen lud, weil der Herr von Troppau nie aufgeräumter war, als wenn er den selbstgeadelten Schneider durchziehen konnte; und auch die übrige Gesellschaft fand ihre Rechnung dabei, weil schon sein Französisch allein hinreichend war, um einen Abend über ihn zu lachen.

Er kam diesmal sehr spät, in einem buntsamtnen Kleide, wie der vollkommenste Stutzer herausgeputzt und so entsetzlich parfumiert, dass er eine herumwandelnde Apoteke zu sein schien. Er war ein dickes, untersetztes Männchen mit einem rotkupfrichten gesicht und machte, zur Nachahmung der französischen Flüchtigkeit, jede Bewegung mit so komischer Behendigkeit und so steif wie die Kartenmänner, die