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musste noch denselben Abend der Lord seine Brautnacht mit ihr feiern, in einem paar Tagen von Berlin wegreisen und die Braut sich mit der Brautnacht begnügen. Den treuherzigen Lord drehe und wende ich wie ein Stückchen Papier: ich triumphierte schon über meine gelungene Rache und hätte dem Mädchen das Gesicht zerfleischen mögen, als sie mir so ein trotziges Nein zur Antwort gab. Dem Fratzengesichte steckt ihr Herrmann im kopf: auf diesen gesetzten, gewissenhaften, soliden Philosophen baut sie ihre Hoffnung wie auf einen Felsen: dieser nachdenkende, altkluge, übermässig weise Junge hat ihr ganzes Herz. Wisst ihr nun, was zu tun ist? – Wir müssen die Liebe zerreissen. Erstlich wollen wir den warmen Liebhaber eifersüchtig machen: ich will dem Mädchen Liebhaber über Liebhaber zuschicken: der Bube ist sehr heiss vor der Stirn, und ich wette mit euch, ehe eine Woche vergeht, sollen sich die beiden Leute nach Herzenslust zanken. Facht ihr nur in allen Abendgesellschaften seine Eifersucht recht an! weder Lügen noch Betrug müssen gespart werden. Sind sie erst veruneinigt, dann nehmen wir den Liebhaber vor und setzen ihm alle drei aus allen Kräften zu, dass wir ihn zu einer Untreue verleiten: aus Verdruss, Eifersucht und Rache gegen das Mädchen wird er schon von seines Herzens Härtigkeit nachlassen: die ihn unter euch gewinnt, soll diesen Ring zur Belohnung von mir empfangen. Erfährt das Mädchen seine Untreueund sie soll sie gewiss die Minute darauf erfahren, dafür will ich sorgen –, dann wird sie sich rächen wollen: man schickt ihr einen Liebhaber zu, der den Augenblick des Verdrusses zu nützen weiss; und fällt sie da noch nicht, dann muss sie ihr Liebhaber selbst zugrunde richten, selbst demütigen und unser aller Schande und Gefahr an ihr rächen.

Betragt euch klug und verschwiegen, das rate ich euch! bedenkt, dass ihr mir euer Glück zu verdanken habt, dass du, Lairesse, eine Tänzerin, und, Rosier, ein Waschmädchen warst! Um euch an mein Interesse zu knüpfen, hab ich euch erhoben: gehorcht ihr mir nicht in allem pünktlich, seid ihr nicht verschwiegen wie die Mauern, dann wisst, dass der Töpfer so gut den Topf zerschmeissen kann, als er ihn bildete. Troppau muss von nun an nicht eine Stunde zur Besonnenheit kommen: wir müssen ihm seinen Paroxysmus von Weisheit ganz vertreiben: er muss mit Vergnügen überfüllt werden, dass es ihm gar nicht einfällt, an seine Liebe zu dem Mädchen zu gedenken. Ich will schon sorgen, dass er sie wenig zu sehen bekömmt. Jetzt wisst ihr alles, was ihr zu tun habt: ich ermahne euch noch einmalseid klug und verschwiegen oderzittert!"

Sie sprach's, räusperte dreimal ihren rauhen Hals, und beide Zuhörerinnen klatschten ihr Beifall zu und gelobten ihr Gehorsam und Verschwiegenheit an. Lairesse wälzte sich vor Freuden auf dem Sofa, dass sie den jungen Menschen zum Narren haben sollte, und Rosier hüpfte wie eine Elster und lispelte mit Händeklatschen: "Das ist hübsch! das ist hübsch!" – Die Ratsversammlung erhub sich in das Zimmer, Vignali stimmte ihre Muskeln zur Freundlichkeit und Liebe um, und Herrmann wurde zur Gesellschaft gerufen.

Drittes Kapitel

Die listige Vignali lenkte sogleich das Gespräch auf die Untreue der Mädchen und führte bittre Klagen über die Wankelmütigkeit ihres eignen Geschlechts, erzählte Geschichten von hintergangenen Liebhabern, die ihr Leben gegen die Beständigkeit ihrer Geliebten verwettet hätten: die übrigen beiden Nymphen brachten auch einen Zuschuss von ähnlichen begebenheiten herbei. Hermann schwieg, seufzte und machte Betrachtungen bei sich.

Auf einmal sprachen die drei Schönen leise, als wenn er es nicht hören sollte, wiewohl sie eigentlich seine Aufmerksamkeit noch mehr dadurch zu reizen suchten, dass sie durch öftere Seitenblicke nach ihm, durch öftere halblaute Warnungen, dass man den armen Herrmann nicht kränken müsste, sich ein Stillschweigen auferlegten und immer lauter und öfterer Ulrikens und seinen Namen nannten: eine wollte es schlechterdings nicht glauben, die andere hielt eher des himmels Einsturz für möglich als so eine Treulosigkeit, und die dritte stritt mit aller Zuverlässigkeit dafür. Herrmann wurde rot, horchte mit allen Ohren auf das zischelnde Gespräch und kochte am ganzen leib, als er aus dem geheimnisvollen Geschwätze eine geschichte erriet, die er nur fürchten, aber nicht glauben konnte.

Endlich, als man ihn in Gärung geraten sah, fing man an, sich laut zu erzählen, wie glücklich Ulrike sei, dass kein Mädchen in Berlin so viele Anbeter habe als sie. – "Ich weiss keinen als den Leadwort", sprach Vignali. – "Und Monsieur Piquepoint!" rief Lairesse. – "Und der sklavonische Graf!" lispelte Rosier. – "Den Herrn von Troppau können wir auch dazu rechnen", hub Vignali wieder an. – "Und den Herrn Bassano bitte ich nicht zu vergessen!" sagte Lairesse. – "Und wie heisst denn der da?" lispelte Rosier. "Wisst ihr nicht? Monsieur Nattier." – "Das sind ihrer doch nicht mehr als sechse", rief Vignali laut und vernehmlich, als wenn sie zur Ausruferin darüber bestellt wäre. Lairesse konnte des Spasses nicht satt werden und nannte noch wenigstens drei oder vier Kastraten her, die Herrmann nicht kannte und von denen er also nicht wusste, wie wenig fürchterliche Nebenbuhler sie waren. "Das Mädchen kann sich nicht erhalten", versicherte Vignali. "Gebt acht! sie fällt, ehe man sich's versieht."

Lairesse. Ich