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und sie aufhob. War es Verstellung oder wirkliche Kraftlosigkeit? – genug, sie sank wieder zurück und würde sich den Kopf an einem Stamme zerschmettert haben, wenn er sie nicht beizeiten aufgefangen hätte.

Der Mann. Wir müssen aufs Schloss: jetzt wird die Gräfin abgespeist haben. Willst du deine Präsente nicht holen?

Die Frau. Bringe mich doch lieber gleich um, du Barbar! Da! schlag mich vor den Kopf oder hänge mich hier an einen Baum! Weiter willst du doch nichts, als dass ich wegkommen soll, damit du wieder eine andre zu tod plagen kannst, du Weiberhenker!

Der Mann. Lass gut sein, Nillchen! Lass gut sein! – Marsch!

Die Frau. Nicht eher sollst du mich von der Stelle bringen, als wenn du mich in Stücken zerreissest.

Der Mann. Ach warum nicht gar? Da werde ich mir wohl so viele Wege machen und dich stückweise wegtragen. Lieber transportiere ich dich auf einmal im Ganzen.

Wie ein Blitz hatte er sie auf seine Schultern geladen, und sosehr sie mit Händen und Füssen kämpfte, so packte er sie doch so fest, dass sie sich nicht loszureissen vermochte; und nun fortan! wie ein Römer mit einer geraubten Sabinerin auf dem rücken eilte er über das Feld hin, nach dem Städtchen zu! Jedermann blieb vor Verwundrung stehen, jedermann liess Sichel und Sense ruhen, alle Weiber und Mädchen, so weit das blache Feld reichte, lehnten sich auf die Harken und gafften mit offnem mund dem sonderbaren Schauspiele nach. In der Länge ward ihm doch ihre Last zu schwer: er setzte sie also keuchend unter einem Weidenbaum ab und gebot, den übrigen Weg zu Fuss zu machen. Ergrimmt, dass sie seinen Steifsinn durch keins von ihren herzangreifenden Mitteln mürbe machen konnte, wollte sie ihn auf das Äusserste treiben und beschloss bei sich, schlechterdings nicht von der Stelle zu gehen. Nach einer dreifachen Ermunterung zum Aufbruche fragte er sie: "Willst du nicht mit, Nillchen?" – Hierauf bekam er nichts als ein trotziges, flüchtig hingeworfnes "Nein". – "So bleib hier! Ich will dir einen Wagen schicken", sprach er und verliess sie.

Hier sass nun die arme Betrübte unter einer grossen Weide mitten auf einem ungeheuren feld, wenigstens eine gute Stunde von der Stadt, und wusste nicht, ob sie gehen oder bleiben, sein Versprechen in Ansehung des Wagens für Spott oder Ernst annehmen sollte. Ihm nachzulaufen? – welche Erniedrigung für ihren ohnehin schon tief verwundeten Stolz! welcher Triumph für die Schadenfreude ihres Mannes! Dazubleiben und den Wagen zu erwarten? – wie misslich und zugleich wie gefährlich! Wenn er sie nun bis in die späte Nacht warten liesse? – denn einer solchen Tyrannei wäre er fähig–.Wenn sie nun nach langem Warten mit Spott und Schande für ihre abermalige Leichtgläubigkeit zurückkehren müsste?

Ihre Verlegenheit und ihr Kummer stieg wirklich so hoch, dass sie mit heissen Zähren den Kopf in die hände legte und im völligen Ernste den Himmel um ein schleuniges Ende anflehte: sehr leid tat es ihr, dass nicht gerade ein Gewitter über dem Horizonte stand, um sich einen hülfreichen Donnerschlag ausbitten zu können. Weder ihr körperlicher Zustand noch ihre weite Entfernung von dem Städtchen war so höchsttraurig: aber ihr überwältigter Trotz, ihre überlistete Feinheit, die kalte Grausamkeit ihres Mannes, die tükkische Schadenfreude, womit er sie so vielfältig hinterging, die Unmöglichkeit, ihm an irgendeiner schwachen Seite beizukommendas, das waren die Stacheln, die ihr Innerstes, wie der Geier Tityus' Leber, zerfleischten.

Ein tüchtiger, brausender Zank ist das beste Heilungsmittel wider zurückgehaltnen Ärger: die natur fing allmählich an, in ihr zu diesem Zwecke zu wirken. Da sie wohl merkte, dass mit dem tod nichts anzufangen war, setzte sich ihr Blut nach und nach in schnellere Bewegung: sie liess ihren Lebensgeistern den straffgezognen Zügel schiessen, und in weniger denn drei Minuten war die kleinste Nerve zu Streit und Hader gewaffnet. Sie machte sich sogleich auf, um ihrem mann nachzusetzen und ihren ganzen Grimm ins Gesicht zu schwatzen. Unterwegs bereitete sie sich zu diesem feierlichen Aktus vor und hatte schon den ganzen Dialog im kopf, als sie von hinten durch die Gartentüre ins Haus ging.

Aber wie an ihn zu kommen? – Eine gelegenheit musste sie doch haben, die den Zank auf eine natürliche Art einleitete: zudem sollte er, nach ihrem Wunsche, den Angriff tun, damit sie durch die Selbstverteidigung zu ihrer beschlossnen Rache berechtigt wäre. Sie wusste für ihren Plan keinen schicklichern Ausweg, als dass sie im haus herum aus einer stube, einer kammer in die andre wanderte und jede Tür mit einer Heftigkeit hinter sich zuschlug, dass sich alle Fenster unaufhörlich in einem erdbebenmässigen Zittern befanden. Dass nur der alte Fuchs ihre Absicht nicht gemerkt hätte! Anfangs hielt er das Bombardement ruhig aus und schrieb ungestört an seiner Rechnung fort: da es ihm in der Länge zu lästig wurde, ging er hinter ihr drein, und sobald sie aus einer kammer oder stube heraus war, schloss er die Tür ab und steckte den Schlüssel ein, ohne nur einen laut zu sagen. In kurzem war sie so sehr aus allem Vorteile herausgetrieben, dass ihr nichts als die Küchentür übrigblieb, und da sich diese wegen eines Gebrechens am schloss nicht verschliessen liess, hub er sie aus: das nämliche tat er mit der Stubentür und ging zu seiner Schreiberei zurück.

Dergleichen Bösewicht! nach so unendlichen Plagereien