Witz zu haben, was sonst ihr Talent nicht war, da es ihr hingegen an boshaftem, auch wohl beissendem niemals fehlte: ihre Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten gegen Herrmann waren unzählbar. Wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und wartete sie ihm auf: als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hätte, benahm sie ihm allen Verdacht und blies ihm das Misstrauen wie rein gefegt aus dem herz weg. Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau.
Aber wie lange? – Eine Nacht! und der Verdacht war desto stärker wieder da. Überhaupt gab ihr jedermann das Zeugnis, dass man nicht klug in ihr werden könne: sie wechselte ihren Charakter wie ihre Handschuhe; und vermutlich wird auch Herrmann nicht eher in ihr klug werden, als bis er es werden soll.
Zweites Kapitel
Der weniger misstrauische Herrmann musste bei Vignali des Morgens darauf frühstücken. Sie sah ihm wieder so listig, so tückisch aus, dass er sich vor ihr scheute.
"Herrmann", hub sie nach einigen gleichgültigen Gesprächen mit ihrem Entdeckungstone an, "Sie sind in Ihre Muhme verliebt."
Ihr grösstes Vergnügen war, bei solchen Gelegenheiten den Leuten starr ins Gesicht zu sehen, um die Verlegenheit zu vermehren, in welche sie durch ihre überraschenden Worte gesetzt wurden: die heimtückische Freude lachte alsdann aus allen Zügen des Gesichts. Herrmann war zwar eine gute halbe Minute nach ihrer Anrede wie auf den Kopf geschlagen: allein sein beleidigter Ehrgeiz, dass ihn die Frau so aus der Fassung gebracht hatte, arbeitete sich bald durch, er fragte etwas hastig: "Woher wissen Sie das?" –
Vignali verdross die Frage: sie tat ihm, statt der Antwort, eine andre mit sehr spitzigem Tone: "Wollen Sie den Mann vor Gerichte verhören lassen, der mir's gesagt hat? Hier ist er!" – Sie wies auf ihn selbst.
Herrmann. Ich? Ich hätte Ihnen jemals so etwas nur mit einem Worte verraten?
Vignali. Pst! Verraten? das ist ein verräterischer Ausdruck.
Herrmann. Entdeckt, anvertraut, wollt ich sagen.
Vignali. Ja doch! Sie versprachen sich. – Aber bei aller Behutsamkeit sind und bleiben Sie doch Ihr eigner Verräter.
Herrmann. Oder Sie eine selbstbetrogne Erraterin!
Vignali sah ihn mit dem stolzesten Ernste an: – "Herrmann! wollen Sie mich Lügen strafen? Gleich gestehn Sie mir, dass Sie das Mädchen lieben! oder es wird Leute geben, die ihr schaden können."
Herrmann. Eine solche Drohung bewegte mich fürwahr zu keinem Geständnisse: aber was soll ich leugnen, was ich für mein grösstes Verdienst halte? – Ja, Madam, Sie haben's getroffen: ja, ich liebe sie.
Vignali. Und sind ihr wohl recht exemplarisch treu?
Herrmann. Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet.
Vignali. Sie werden's nicht lange mehr sein.
Herrmann. Ihr? Ulriken nicht lange mehr treu? – So müsste doch wahrhaftig die Sonne auslöschen und der Mond vom Himmel fallen –
Vignali. Was wetten Sie? Sie müssen ihr untreu werden.
Herrmann. Madam, Sie haben mich zum besten. Ausser ihr, das sag ich Ihnen dreist, ausser ihr ist kein Reiz für mich auf der Welt, keine Schönheit, die mir nur einen Pulsschlag Liebe abnötigen könnte.
Vignali. Daran ist gar kein Zweifel. – Aber eben darum, weil diese einzige Schönheit so unmenschlich schön ist, müssen Sie ihr untreu werden. Glauben Sie denn, dass Sie der einzige sind, der diese einzige Schönheit empfindet und anbetet?
Herrmann. Das nicht! aber zuverlässig der einzige, von dem sie angebetet sein will!
Vignali. Ah! das ist eine andre Sache. – Sie sind eifersüchtig.
Herrmann. Eifersüchtig? Ich habe gar keine Ursache dazu.
Vignali. Sie sind's! haben auch Ursache dazu! Sie kennen nur diese Ursachen noch nicht recht: aber rechnen Sie auf meinen Beistand! In wenigen Tagen sollen Sie ganz zuverlässig wissen, wieviel oder wie wenig Ursachen zur Eifersucht Sie haben.
Herrmann. Das wäre lustig. Sparen Sie Ihre Mühe, Madam! So gewiss Ulrike das einzige Mädchen ist, das ich lieben kann, so gewiss bin ich der einzige, der von ihr geliebt wird; und eher wollt ich mich überreden lassen, dass heute nachmittag das Ende der Welt kommt, als dass unsre Treue und Standhaftigkeit in unserm ganzen Leben nur eine Minute lang wanken wird. –
"Lieber Herrmann, wie glücklich ist Ihre Freundin, einen so ausserordentlichen Liebhaber zu besitzen!" sprach Vignali mit verstellter Süssigkeit. "Ziehen Sie sich an! wir wollen ausfahren: vielleicht kann ich meine abscheuliche Migräne loswerden. gehen Sie!"
Auf der Spazierfahrt wurde das Gespräch in dem nämlichen Tone fortgesetzt, und Vignali gab ihm Eifersucht und nahe Untreue mit so dreister Frechheit schuld, dass er fast zu zweifeln anfing, ob er es nicht ohne sein Wissen schon wirklich sei: wenigstens brachte sie ihn doch für diesmal so weit, dass er auf Ursachen zur Eifersucht aufmerksam wurde.
Nachmittags hielt sie mit Lairesse und Rosier eine Ratsversammlung bei verschlossnen Türen in dem innersten Kabinette, wovon freilich Herrmann sich nicht träumen liess, dass sie ihn betraf. Vignali, als Vorsitzerin, eröffnete die Versammlung mit einer patetischen Rede.
"Meine lieben Freundinnen", begann sie, "ich muss euch eine Entdeckung machen, die euch gewiss sehr interessieren wird. Der junge Mensch, den ich ins Haus