, ich weinte vor Ärger und kann nicht zu Tische gehen, bis ich Dir den Text recht derb gelesen habe.
Aber sage mir! denkst Du wirklich so weggeworfen von mir, wie Du schreibst? – Heinrich! ich beschwöre Dich bei Deiner Glückseligkeit! haftet noch ein Gedanke von Deinem Briefe in Deiner Seele, so lösch ihn aus! rein aus, als wenn er nie dagewesen wäre: oder wenn Du es nicht vermagst, so lass ihn meine Tränen austilgen! mein Blut soll ihn tilgen, wenn Tränen zu schwach sind. Könnten sie so in Deine Seele fliessen, wie sie auf dies Blatt tröpfeln! Es sind bittre Tränen, wie die beleidigte Liebe sie weint: sie würden Dich heisser brennen als Deine heisseste Reue. – O Du Grausamer! dass ich sie so zeitig um Dich vergiessen muss! Oder hat Dich vielleicht Vignalis Schönheit schon geblendet? Diese edle, schöne englische Figur, wie man sie nennt! Wolltest Du mir's etwa nicht zuleide tun, dass Du so kalt von ihr sprichst? Guter Heinrich! man kann auch raten, was kluge Leute verschweigen. Die Frau ist mir seit heute und gestern, da Du bei ihr wohnst und immer um sie bist, so verdächtig, so widrig geworden, dass ich mich wundre, wie ich sie jemals so sehr habe lieben können. Sie hat ganz ein ander Gesicht, ganz andres Tun und Wesen, seitdem Du bei ihr wohnst: wenn ich sie am Fenster mit Dir stehen sehe, schielt sie so tückisch, so schlau, so tiegermässig grinsend durch die Scheibe! Und wie sie heute mit Dir in den Wagen stieg, kam mir's nicht anders vor, als wenn sie Hörner hätte wie der Teufel. Ich trau ihr keinen Schritt weiter; und doch hab ich dem falschen weib mein Einziges, mein Liebstes anvertraut! – O ich Tolle! ich Unbesonnene! wenn ich Dich nur wieder mit Ehren aus dem haus bringen könnte! Die Vignali kommt mir nun Tag und Nacht nicht aus den Gedanken: wo ich gehe und stehe, ist sie neben mir und grinst mich mit ihrer stolzen tückischen Miene an wie ein Beutelschneider, der die gelegenheit ablauert, um mir meinen einzigen Reichtum zu rauben. – Jetzt war mir's doch wahrhaftig, als wenn sie zur stube hereinkäme, um mir meinen Brief wegzureissen: ich versteckte ihn hurtig unter die Schnürbrust: du wirst's dem armen Briefe anmerken, dass er sich vor einem Räuber hat verkriechen müssen: er ist jämmerlich zerknittert.
Heinrich, wenn Du mich betrügst, Dich durch Vignalis List und Schönheit von mir abziehen und untreu machen lässt; wenn Du vielleicht schon wirklich auf dem Wege bist, Dich von ihr einnehmen zu lassen, vielleicht schon gar für sie eingenommen bist: welche Strafe kann für einen solchen Meineid empfindlich genug sein? Alle zeitliche und ewige Strafen wären zu schwach für eine Untreue, die Du an der schwachen Guterzigkeit begingst, an mir unschuldigem Geschöpfe, mir jammernder Taube, die aus einfältiger Güte den Geier liebkoste, der ihr ihren geliebten Tauber würgen will.
Meine Ruhe ist vorbei, solange Du bei der Vignali bist. Dass ihr der Herr von Troppau untersagt hat, mich zu sich zu bitten, ist eine der schändlichsten Lügen, darauf wette ich. – O wie ich mir so süsse, so himmlische Freuden versprach, wenn Du mir so nahe wärst! Wo sind sie? – Alle dahin! alle von einem Fuchse in einer Nacht gewürgt!
Ich kann nicht mehr schreiben, so zittert mir die Hand. Ich fühle einen Fieberschauer. Heinrich, mache nur bald wieder Mut, eh ich krank werde!
U.
Herrmann wurde durch den Schluss des Briefes und die Wendung, die Ulrike dem seinigen gab, nicht wenig ausser Fassung gebracht: doch ermannte er sich bald und antwortete ihr sogleich. Ulrike, härme Dich nicht! Vignali kann mich vielleicht zu ihrem Freunde, zu ihrem Bewunderer machen: aber nie, nie wird sie Dich verdrängen, nie mir die Untreue nur eines Gedankens abnötigen. Ausser Dir ist keine auf der Erde, die mir Liebe einflössen kann, am wenigsten eine Vignali, die sich mir auf der Spazierfahrt noch verdächtiger gemacht hat.
Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben: aber er sei vergessen, weil Du es willst, in unserm Gedächtnisse vernichtet, wie ihn die Flammen vernichteten; und auch meine Kopie will ich verbrennen.7 Dass ich nicht so von Dir dachte, wie Du glaubst, und nie so denken werde, bezeugt mir mein Gewissen. – Was Du für mich tust, das fühl ich dankbarlich: was ich für Dich werde tun können, weiss Gott. – Aber mutig! kann ein Mädchen des Unglücks spotten, so kann ich's fürwahr auch, spottete schon lange dessen, was mich trifft, und nur von Dir wollte ich durch meinen Rat die Leiden abwenden, die unsre Liebe über Dich zusammenzieht. Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglücks abwehren darf, so soll Standhaftigkeit ihnen trotzen, und weder Vignalis noch die ausgesuchtesten Qualen werden jemals die
H.
Er kam wegen des Briefes sehr spät in die Gesellschaft bei Vignali und fand schon den Herrn von Troppau, dem sie ihn als ihren Freund vorstellte, ohne seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwähnen: auch den ganzen übrigen Abend wurde nicht mit einer Silbe an sie gedacht. Vignali glänzte bei Tische mit allen Seiten ihrer Grösse: sie wagte es sogar, leichten gefälligen