nach einer langen, ernsten, nachdenkenden Nacht sehr früh auf, um an Ulriken folgenden Brief zu schreiben.
den 29. Jan.
Dein letzter Brief, liebste Ulrike, hat mich in die ernstafteste Überlegung versenkt, die mich selbst mitten im Vergnügen gestern abend beschäftigte. Die Liebe empört sich zwar in meinem herz laut wider ihn: bei dem tiefsten Nachdenken presste sie mir eine rührungsvolle Zähre in die Augen und suchte meine Vernunft durch Wehmut zu täuschen: aber, liebste Ulrike, so gewiss die feurigste Liebe in meinem herz für Dich brennt, so gewiss sagt mir mein Verstand, dass wir nicht bloss lieben, sondern auch überlegen müssen. Unterdrücke einmal alle Empfindlichkeit, alle Neigung für mich! verschliesse die Ohren für Deine Zärtlichkeit und lass sie nur mir und der Vernunft offen!
Glaubest Du wirklich, dass die Liebe glücklich genug macht, um äusserliches Wohlsein zu verachten? dass die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem herz Stärke und Trost genug mitteilt, um Mangel, achtung, auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen? dass nicht endlich überhäuftes Leiden sich durch den eisernen Mut bis zum herz durchfrisst, schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt? Glaubst Du das nicht bloss auf die Überredungen Deiner leidenschaft, sondern aus reifer lebendiger Überzeugung?
Was hast Du von mir und durch mich zu erwarten? – Elend oder kärgliches Glück! Meine person ist mein einziges Gut; und hieltest Du sie in der Verblendung des Affekts für ein unschätzbares Kleinod, so würde ich zum Bösewicht, wenn ich Dich nicht daran erinnerte, dass sie nichts ist. Weder zum Pfluge, noch zum Handwerke, noch zum Fabrikanten tauglich, ohne Stand, ohne Gewerbe, ohne Vermögen, um eins anzufangen, ohne Wissenschaft, ohne gönner! – ein blosser nackter Erdenkloss, dem das Glück einen seidenen Rock oder einen Kittel anziehen kann! auf die Erde dahingeworfen, dass das Schicksal mit ihm spielen, ihn entweder emporschnellen oder in den Kot wälzen soll! Und wenn in diesen dürftigen Erdenklumpen die natur alle grosse Talente gelegt hätte, die nur einen Sterblichen erheben, alle Leidenschaften, die ihn aus dem Staube emporreissen können, was sind sie ohne Glück? – Würmer, die am herz nagen und das bisschen Glückseligkeit, das Jugend und Gesundheit darbieten, wie eine frische Blüte wegfressen! verderbliche Würmer, die sich in den saftvollen Baum des Lebens hineingraben, seine Rinde durchlöchern, den nützlichen Nahrungssaft abzapfen, in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit brüten, dass oft der kraftlose Baum erstirbt, eh er noch die ersten Blüten trieb, oder mit dürren Zweigen, kleinen gilblichten Blättern, ohne Frucht, Schönheit und Anmut dasteht und sich zu tod kränkelt! Möchte ich also der vollkommenste Sterbliche sein, der jemals aus der Hand des Schöpfers ging: alle diese Vollkommenheiten sind immer nur Krücken auf dem Wege des Lebens, aber das Glück ist der Führer, das lehren mich alle meine bisherigen Schicksale.
Nimm Deine ganze Besonnenheit, Dein ganzes Nachdenken zusammen und überlege! Sind Dir gewisse zweitausend Pfund Einkünfte lieber oder ein Würfel, mit dem Du vielleicht den zwanzigsten teil dieser Summe oder nichts gewinnen kannst? Denn wie ich Dir gesagt habe, ich bin fürwahr nichts als ein Würfel, den das Schicksal wirft; und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Glück auf dem Spiel: nein, wenig Glück oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten Gewinnste, die Du durch mich erlangen kannst. Wählst Du zu Deinem Schaden statt der Gewissheit Wahrscheinlichkeit, statt einer lebenslangen unverbesserlichen Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer, Reue, Armut, dann ist wenigstens mein Gewissen ruhig, ob es gleich mein Herz nie sein könnte: ich habe mich Dir mit meinem ganzen Nichts vor Augen gestellt. Wäre mein Körper für ländliche arbeiten gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zärtlichkeit aufgewachsen oder wüsste ich eine Kunst, ein Handwerk, das mir jeden Tag das Brot des folgenden verspräche, dann sagte ich Dir: Ulrike, wenn Dein Herz so fest an meinem hängt, dass es Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermögen, wohl! entsage aller Bequemlichkeit, allem Range, allem Überflusse! lass Deine zarten Finger von Arbeit, Kälte und Sonnenhitze auflaufen, Deine weissen arme von der Luft schwärzen oder röten und Deine weichen hände mit Schwielen überziehn! Du sollst in der Umarmung eines Fürsten nicht glücklicher sein als bei mir: Liebe soll unser schwarzes Brot würzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark machen: Liebe soll den Tag anfangen und beschliessen, und auf meinen Händen will ich Dich dem grab entgegentragen. – Aber Ulrike! ein Würfel des Glücks sein und auf einen misslichen Wurf seine Ruhe, selbst seine Liebe setzen! – die heisseste Hölle verdiente ich, wenn ich Dich vor einem solchen Wagstücke nicht warnte. Ein Brief von Schwingern, den ich in Dresden empfing und Dir hier beilege, ist für mich eine Lampe, bei welcher ich meine Vernunft anzünde, sobald die Liebe sie auslöscht: ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen: lies ihn aufmerksam und dann erwäge!
Was ich tun werde, wenn Du der Vernunft folgest? – denn einen Menschen wie mich einem Lord vorziehn, was ist das anders als Schwachheit, und ich kann es dreist Unvernunft nennen, ob ich gleich wider mich selbst spreche. – Was ich also tun werde? – Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern: Dein Ring, den Du mir unter dem Baume gabst, soll, in Flor gehüllt, auf