dem Tone, wie man mit Kindern spricht. "Ich will Sie nur erst mit dem mann recht bekanntmachen" – und nun holte sie ein grosses Papier aus dem Schreibeschranke, wovon sie mir eine unendliche Menge Reichtümer ablas, nebst allem, was er mir zum Leibgedinge aussetzte. Bei seinem Leben versprach er mir jährlich tausend Pfund zu den kleinen Ausgaben und nach seinem tod ein Leibgedinge von zweitausend Pfund jährlichen Einkünften, die ich aber nirgends als in Engelland verzehren könnte: bei seinem Leben sollte es meiner Wahl überlassen sein, ob ich beständig in Engelland oder abwechselnd ein Jahr in Deutschland und ein Jahr in Engelland leben wollte. Soviel habe ich mir nur daraus gemerkt. – Als Vignali fertig war, fragte sie mich mit recht spitzigem Tone: "Sagen Sie nun noch wie heute früh?" "Ja", sprach ich mit festem Akzente so fest wie mein Entschluss und schlug mit beiden Händen auf die Brust, "wie heute früh spreche ich noch jetzt und werde ewig so sprechen." – "gehen Sie!" sagte die stolze Frau und stiess mich verächtlich von sich. "Sie sind ein Kind. gehen Sie! ich muss zum Besuche fahren." – Sie ging, ohne Abschied zu nehmen, in ihr Kabinett und liess mich allein stehen.
Ich bin in Todesangst, was man nun alles wider mich anzetteln wird. Ob sie vielleicht gar unsre Liebe weiss? Aber wie wäre das möglich? Sie müsste allwissend sein. Damit wir uns nicht verraten, wollen wir einander nicht anders als bei Vignali sehen und desto öfter schreiben. Der Überbringer meiner heutigen Briefe soll Dein Bedienter werden: Vignali lässt ihm eine Liverei machen. Da mich die Hildebrand so schändlich verraten hat, trau ich auch ihrem Sohn nicht: wer weiss, warum Vignali ihn zu Deinem Bedienten gewählt hat? Aber es ist unmöglich: sie weiss nichts und soll auch nichts erfahren. Dass ja jeder Deiner Briefe fest, fest zugesiegelt und auf starkes Papier geschrieben ist! Lieber gib ihm gar nicht die Form eines briefes! Wenn die verschmitzte Frau alles auskundschaftet, soll ihr doch unsre Liebe ein Geheimnis bleiben.
Du denkst doch nicht etwa, dass mir meine abschlägige Antwort auf des Lords Anerbieten etwas gekostet hat? – Nicht einen Zuck am herz! Nicht eine bittre Empfindung! – Nein, Heinrich! so klein bin ich nicht! konnte ich meinen ehrlichen Ruf um Deinetwillen aufs Spiel setzen; war mir meine Ehre gegen Deine Liebe eine Feder, so sind mir zweitausend Pfund Leibgedinge gewiss nur eine Seifenblase dagegen. Weg, weg mit ihnen! Du bist mir Reichtums genug; was brauch ich mehr?
Eben lässt mir Vignali sagen, dass Dein Zimmer in Bereitschaft ist: Der Überbringer hat Befehl, Dich zu begleiten und anzuweisen. Mache Dich gleich auf den Weg.
Ich bin diesen Abend nicht zur Gesellschaft gebeten worden und doch Du! Was das nur bedeuten mag? – O die unselige Vignali! ich zittre vor ihrer List wie vor einer Schlange.
U.
Unmittelbar nach der Durchlesung des briefes wurde eine Kutsche bestellt: weil es schon finster war, liess Herrmann sein leichtes Kufferchen, das seine sämtlichen Effekten in sich fasste, hineinschieben, nahm im haus Abschied und fuhr davon. Seine neue wohnung war schön, zierlich, voll Geschmack, der Heinrich, der noch vor einigen Tagen die Schürze trug, zum vornehmen Herrn geworden: alles fand er hier wieder wie auf dem schloss des Grafen Ohlau: er kehrte zu dem vornehmen, glänzenden Leben wieder und sah in sein bisheriges wie in ein Grab, wie ins Nichts zurück. Freilich Ulrikens Brief! das war ein verzweifeltes Gegengewicht gegen seine Freude. Er wollte ihn noch einmal lesen, aber er musste ihn verstecken; denn Vignali trat herein, um ihn aus übertriebner Höflichkeit zu bewillkommnen. Sie nahm ihn mit sich auf ihr Zimmer, wo sie ihm seine Überlegung über Ulrikens Brief aus dem kopf rein herausschwatzte. Lairesse stellte sich sehr zeitig ein und trug auch das ihrige zu seiner Aufheiterung bei: sie versuchte ihre ganze unendliche Tändelsucht an ihm. Ihr Lieblingszeitvertreib bestand darinne, dass sie die tollsten, ungeheuresten Figuren in buntem Papiere ausschnitt und ihre Gesellschafter damit ausputzte: deswegen legte ihr Vignali jedesmal, wenn sie zum Besuche bei ihr war, buntes Papier und eine Schere in Bereitschaft, welches auch diesen Abend geschehn war. Sie schnitt Riesen, Zwerge, Polischinelle, Hanswürste, Pantalons und andre Karikaturen. Vignali fand an dieser Beschäftigung allmählich auch Geschmack: auch Herrmann bekam eine Schere, und so sassen sie alle drei an einem kleinen Tischchen, mit der äussersten Geschäftigkeit und Ernstaftigkeit, und jedes suchte das andre durch die grössre Abenteuerlichkeit seines Produkts zu übertreffen. Lairesse sang mitunter ein französisches Liedchen zu der Arbeit, behing den armen Herrmann vom Kopf bis zu den Füssen mit den abscheulichsten Fratzengesichern und lachte ihn aus, schwenkte ihn tanzend ein paarmal um, dass die Papiermänner in dem Zimmer herumflogen, trällerte, ass ein Stückchen Biskuit, neckte Vignali, neckte Herrmann, setzte sich wieder an die Papierarbeit und suchte jedem ihrer Mitarbeiter durch Stösse oder mutwillige Scherenschnitte, wenn sie jetzt den letzten vollendenden Meisterschnitt tun wollten, das Werk zu verderben. Die Tischgesellschaft bestund für diesmal nur aus diesen drei Personen, war ebenso kindisch lustig, und Herrmann, dem alle diese Auftritte neu waren, ging zufrieden und vergnügt aus ihr auf sein Zimmer, um sich desto trauriger die Nacht hindurch mit Ulrikens Briefe herumzuschlagen.
Siebenter teil
Erstes Kapitel
Herrmann stunde