mit meinem Heinrich eine Seele ausmachen möchte!' – Zwar – nun besann ich mich erst – was weiss sie denn? Nichts! Also sei ihr der Fehler vergeben! – Aber was half mir's, dass ich ihr den Fehler vergeben musste? Ich wurde so verdriesslich und tölpisch wie ein ungezogenes Mädchen. Ich ass ein paar Löffel Suppe: sie schmeckte mir wie Galle, und ich liess in meinem Verdrusse den Löffel hineinfallen, dass sie herumsprützte: ich stopfte hastig Brot über Brot in den Mund, trank wasser, trank Wein: es wurde mir so weh ums herz, dass mir die Augen übergingen. Vignali sah mir nachdenkend zu und lächelte: warum nur die Frau lächeln mochte? Es war ein so tückisches Lächeln, das ich noch niemals an ihr gesehen habe.
Der Lord fing an, sein gewöhnliches tolles Zeug zu machen, nahm jedes Wort in einem andern Sinne und vergass auch sein ewiges Warum nicht. Man kann fürwahr den Mann nicht anhören, ohne zu lachen. Er trieb einmal die Vignali mit seinem "aber warum?" so in die Enge, dass sie ihm nicht mehr antworten konnte: gleich darauf schlug sie ihn mit seinen eignen Waffen und fragte ihn von jedem Warum wieder das Warum bis ins unendliche fort, dass er sich mit nichts zu helfen wusste als durch eine Gesundheit, die er der Vignali als der grössten Warumfragerin zubrachte. Am meisten beschäftigte er sich mit mir: bei dieser gelegenheit habe ich erfahren, dass er in Logogryphen, Rätseln, Auslegungen der Namen und dergleichen Wissenschaften sehr stark ist. Er führt beständig ein Punktierbuch bei sich: "Neulich", erzählte mir Vignali, "tut eine Dame die Frage an ihren Nachbar: 'Ob ich wohl heute Briefe von meinem mann bekommen werde?' – Gleich erscheint der Lord, den sie vorher gar nicht gesehen noch gesprochen hat, übergibt ihr seine Schreibetafel und einen Bleistift: 'Punktieren Sie!' sagte er. Die Dame weiss nicht damit umzugehen, er erklärt ihr also das Geheimnis der Kunst, kniet vor ihr mit dem rechten Knie nieder, legt auf das linke seine Punktiertabellen, zählt, sagt ihr die Buchstaben, und sie muss sie aufzeichnen. Die ganze Gesellschaft, die wenigstens aus zwanzig Personen bestanden hat, versammelt sich um ihn; aber er punktiert ungestört fort." Mir hat er heute bei Tische mein ganzes künftiges Leben auspunktiert und brachte heraus, dass ich ihn heiraten würde: aber ich versicherte ihn, dass seine Tabelle entsetzlich falsch sein müsste. – "Aber warum?" fragte er. – "Weil ich Sie nicht heiraten werde", antwortete ich; und er schwieg.
Nach Tische ging eine ernstaftere Szene vor. Ich war mit Vignali allein. "Meine Liebe", fing sie auf einmal abgebrochen an, "Sie sind eine Baronesse von Breisach." Sie sagte das mit dem eignen Tone, den sie allemal braucht, wenn sie entdeckt, dass sie etwas weiss, was sie nicht wissen soll. – "Sie sind eine Baronesse von Breisach." – Ich war so überrascht, als wenn der Tod plötzlich vor mir stünde. – "Erschrekken Sie nicht!" fuhr sie fort. "Sie sind eine Baronesse von Breisach, sind Ihrer Tante in Dresden entlaufen und haben den Namen Ihren Vetters angenommen." – Ich hatte mich unterdessen ein wenig gesammelt und fragte sie mit gezwungenem lachen: "Wer hat Ihnen das Märchen überredet?" – "Sie kennen eine Frau Hildebrand?" sagte sie etwas spöttisch. "Die Frau Hildebrand hat eine Muhme in Dresden, die Sie von Leipzig bis Dessau gebracht hat; und diese Muhme in Dresden ist sehr wohl bekannt bei der Oberstin, der Sie entlaufen sind; und diese Muhme in Dresden hat ihrer Muhme in Berlin Ihre geschichte anvertraut, und diese Muhme in Berlin hat mir, der Madam Vignali, Eröffnung davon getan: wie doch ein Märchen unter so vielen Händen zur Wahrheit werden kann! Ich hab es gewusst, ehe Sie noch ins Haus kamen, und Ihnen heute erst entdecken wollen, dass ich das Märchen weiss." – Ich war gefangen: das Herz wollte mir brechen: ich warf mich ihr mit Tränen zu Füssen und bat sie bei allem, was heilig ist, mich nicht zu verraten: vor Begierde und Angst stürmte ich so in sie hinein und riss so stark an ihrem Kleide, dass alle Nähte an ihm krachten und platzten: in dem Augenblicke machte sie eine so schadenfrohe, stolze, tückische Miene, die mir durch die Seele fuhr, wie ich noch nie eine in ihrem gesicht gesehen habe. – "stehen Sie auf!" sprach sie beleidigend stolz zu mir, "so bittet man einen Kaiser, aber keine Freundin." – Gleich ging ihr Gesicht wieder zur süssesten Freundlichkeit über: sie versicherte mich bei ihrer Ehre, dass niemand durch sie mein Geheimnis erfahren sollte, solang ich's nicht entdeckt wissen wollte. – "hören Sie nun auch", fuhr sie fort, "warum ich mich gerade jetzt mit Ihnen in dies Gespräch einlasse! Der Lord Leadwort hat Ihnen heute einen Antrag getan, den Sie ausgeschlagen haben: er lässt Ihnen jetzt einen andern durch mich tun: er will Sie heiraten. Was sagen Sie zu diesem Antrage." –
"Was ich heute früh gesagt habe!" antwortete ich entschlossen.
"Sie sind ein Kind", sagte sie, auch gerade in