mit seinen Pantoffeln vertauschte. Der Herr von Troppau, sosehr er auch davon abwehrte, musste ihm das Zimmer der Frau von Dirzau zeigen: er ging unangemeldet zu ihr hinein: wie sie ihn aufgenommen hat, weiss der Himmel. Ich bin seitdem in einem sonderbaren Zustande: es ist mir immer, als wenn ich mich über Dich und Deinen Besuch bei Vignali freuen sollte, und gleichwohl mischt sich auch so viel Verdriesslichkeit und Besorgnis darunter. – Lieber Heinrich! traue mir nur! mache mich nur nicht schwächer, als ich bin! Und wenn's Liebhaber und Anbeter auf mich herabregnete, solltest Du sie alle erfahren; und dass mich einer von Dir abwendig machte, das ist so unmöglich, als dass um Mitternacht Mittag wird.
Ich habe diesen Brief nur eilfertig hingeworfen. Gutes Glück bei Vignali! Ich bin Deine
Ulrike.
Der Brief war noch nicht völlig gelesen, als schon der Lohnkutscher vorfuhr, der Herrmann zu seiner neuen Gönnerin bringen sollte: er stieg hinein, von seinem gewesenen Kameraden begafft, der nebst dem Diener mit neidischem lachen in der Gewölbetür zusah. Der neugeschmückte Adonis nahm seine ganze Herzhaftigkeit, Lebhaftigkeit und Galanterie zusammen, um vor Madam Vignali mit der bescheidnen Dreistigkeit eines Weltmannes zu erscheinen: der Empfang war überaus gütig, der Besuch dauerte fast bis ein Uhr, das Gespräch war lebhaft und ununterbrochen: Vignali zeigte sich in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit und Beredsamkeit; und um Herrmanns Vorstellung von beiden noch zu vergrössern, affektierte sie eine Migräne, die ihr die natürlichste gelegenheit gab, zuweilen aus dem raschen, überwältigenden Tone in den sanften, schmachtenden überzugehn. Die Frau war gewiss eine der edelsten Figuren, im grossen heroischen Stile von der natur gebildet: ihre Miene, ihr Ton verschafften ihr über jeden, der mit ihr sprach, eine Autorität, der man sich ohne Weigerung unterwarf, als wenn die natur einmal das Verhältnis so bestimmt habe, dass sie allein befehlen und alle andre Menschen gehorchen sollten. Herrmann wurde schon bei diesem ersten Besuche ihr wirklicher Sklave: es war, als wenn sie ihm die Unterwürfigkeit mit dem ersten Blicke in die Seele hauchte. Er bekam die Erlaubnis, nachmittags sein Zimmer, worinne noch eine Kleinigkeit zu machen war, zu beziehen und auf den Abend in der Gesellschaft bei ihr zu erscheinen. Er war glücklich, vom Wirbel bis zur Fusszehe entzückt über das neue, glänzende Leben, wovon er nur ein Vorspiel gesehen hatte, und gestund sich unterwegs, dass Ulrike reizend und liebenswürdig, aber Vignali schön und hinreissend sei. Wie berauscht taumelte er aus der Kutsche: aber wie traurig wurde er inne, dass ihn sein Besuch mitten zwischen die vornehme und bürgerliche Esszeit eingeklemmt hatte! Denn zu haus war bereits um zwölfe gespeist worden, und hätte nicht die Kaufmannsfrau die Neubegierde gehabt, seinen neuen Staat zu besichtigen, und ihn deswegen in die stube gerufen, so wäre bei aller Glückseligkeit sein Magen leer geblieben: um ihn mit grössrer Musse ausfragen zu können, liess sie ihm einen Rest ihrer Mittagsmahlzeit aufwärmen; und nun wurde gefragt! bis auf den Boden der Seele ausgefragt! Seine Figur war angenehm, ziemlich lang, gut gebaut: sein neuer Putz erhöhte ihren Reiz: die Frau hatte bei der Abwesenheit ihres Mannes entsetzliche Langeweile: sie bat den schöngeputzten Herrmann zum Kaffee. Freilich liess sie wohl auch nichts mangeln, um ihre Schönheiten – sie war wirklich schön – und ihre Unterhaltungsgabe in das vorteilhafteste Licht zu stellen: allein sosehr sie zu jeder andern Zeit für sich selbst gefiel, so gering war ihre wirkung jetzt nach einem Besuche bei Madam Vignali – wie alles so gemein, so alltäglich, so platt in ihren Reden und Manieren gegen das edle, grosse, einnehmende Betragen, gegen die feine, gewählte, lächelnde Sprache einer Vignali! Herrmann hätte sich mit tausendmal grösserm Vergnügen in seinem kalten Kämmerchen Vignali gedacht, als diese matte Schönheit den ganzen Nachmittag gesehen. Zu seiner unendlichen Freude erlöst ihn die Ankunft eines briefes von Ulriken aus dem Zwange. Sie schrieb:
den 28. Jan.
Hab ich's doch gedacht: mein Heinrich ist alles, was er sein will; und wenn's ihm morgen einfällt, den Fürsten zu spielen, so ist er's gleich so ganz, als wenn er zeitlebens nichts anders gewesen wäre. – Wahrhaftig, Du bist etwas mehr als ein Mensch. Vignali ist von Dir bezaubert: sie spricht von nichts als von Deinem Lobe: sie findet in Dir den vollkommensten Weltmann, dem man's bei dem ersten Hereintritt ansieht, dass er in der grossen Welt gebildet ist. Ich musste mich bei mir über den Lobspruch herzinniglich freuen, dass Du sogar eine so feine Frau hast hintergehn können. Die Frau war mir in dem Augenblicke noch einmal so schön, so lieb und wert: ich habe ihr hände und Lippen beinahe entzweigeküsst vor Herzenswonne, wie sie so ewig von Dir redete, als wenn sie gar nicht wieder von Deinem Lobe wegkommen könnte. Die brave, vortreffliche Frau! es gibt gar keine bessere auf der Erde. weggefahren warst: aber um mich nicht zu sehr zu verraten, wollte ich nicht nach Dir fragen. Der Lord Leadwort erschien: die Suppe wurde aufgetragen: es war noch kein Heinrich da. Wir setzten uns: noch immer war kein Heinrich da – 'und wird wohl auch keiner kommen!' dachte ich betrübt. 'Ob die Vignali toll ist? Als wenn sie nicht wüsste, dass ich gern