Herz pochte, ich wollte hinaus in seine arme, ich arbeitete, um mich herauszuwinden: da warfst Du Dich mir plötzlich um den Hals und zogst mich so gewaltig zurück, dass ich fast erstickte: ich hustete und wachte drüber auf, aber so froh, so entzückt, als wenn mich jemand aus den Klauen eines Löwen gerissen hätte. Der Stutz auf meinem Schreibeschranke schlug gerade drei: ich stunde auf, nahm meine Pelzsaloppe um, zündete mein Licht bei der Nachtlampe an und schrieb Dir dies Briefchen. Aber ich muss hier schliessen: meine Finger können vor Kälte kaum die Feder regieren, ich zittre, trotz der dicken Pelzsaloppe, wie im Fieber vor Frost. Wohl Dir, wenn Du ruhiger schläfst als ich! Ich muss Dir geschwind noch einen sonderbaren Besuch erzählen, den ich heute in aller Frühe gehabt habe. Meine Unruhe liess mich nicht im Bette: gegen sechs Uhr stunde ich auf und machte mir selbst Feuer im Windofen und setzte mich im Pelze nicht weit davon nieder. Ich schlummre ein, sinke mit dem Kopf auf einen danebenstehenden Stuhl und schlafe so halb sitzend, halb liegend, bis es Tag wird. Da ich aufwache, sitzt eine Mannsperson am Tische: ich erschrecke und erkenne den Lord Leadwort. Hab ich Dir schon etwas von diesem Originale gesagt? Es ist ein Engländer, der diesen ganzen Winter hier zugebracht hat und einigemal in der Abendgesellschaft bei Vignali gewesen ist, wo ich seine Bekanntschaft gemacht habe. Er sass in einem braunen Reitrocke, Pantoffeln, einer baumwollnen Stutzperücke, einem runden hut, einen knotichten, mit Eisen beschlagnen Stock in der Hand, tiefsinnig und steif nach der Tür hinsehend, da, ohne sich zu rühren. Ich stand lange und wusste nicht, ob ich ihn für einen Rasenden oder Betrunknen halten sollte. Er redete nicht. – "Mein Gott!" fing ich endlich an, "Mylord, wo kommen Sie so früh her?"
Er. Ich bin schon lange da.
Ich. Ich muss bekennen, dass ich ein wenig erstaunt bin, Sie so früh bei mir zu sehen.
Er. Ich will den Tee bei Ihnen trinken.
Ich. Aber in diesem Anzuge, Mylord! Ich muss Ihnen frei heraus sagen, dass mich die Freiheit ein wenig verdriesst, die Sie sich genommen haben. Wenn Sie jemand so bei mir antrifft – was man alsdann argwohnen wird, können Sie leicht selbst erraten.
Er. Man wird glauben, ich habe bei Ihnen geschlafen.
Ich. Mylord! Ich hätte einen andern Mann in Ihnen vermutet.
Er. Ist es denn nicht die Wahrheit? Ich bin schon seit ein Uhr hier: ich habe aber nicht sonderlich geschlafen. –
Ich war so erbittert, dass ich ihm voller Zorn ins Gesicht sagte: "Mylord, das ist eine Unwahrheit. Wollen Sie vielleicht meinen guten Ruf zugrunde richten und eine so schändliche Erdichtung von mir ausstreuen? – Was hab ich Ihnen getan?" "Nichts!" unterbrach er mich kaltblütig. "Es ist die lautere Wahrheit. Ich habe seit ein Uhr hier geschlafen: Sie sind um drei Uhr aufgestanden und haben geschrieben: dann legten Sie sich wieder nieder, stunden gegen sechs Uhr auf, machten Feuer, schliefen auf dem stuhl ein und wachten jetzt auf. Wie kann ich das alles wissen, wenn ich nicht hier geschlafen habe?"
Ich. Aber ich habe Sie nicht gesehen.
Er. Ich habe mich beständig stillgehalten, um Sie nicht zu erschrecken.
Ich. Sie werden mir verzeihen, Mylord, ich finde, dass Sie eine grosse Unbedachtsamkeit begangen haben. Sie könnten mich unschuldigerweise in einen schlimmen Ruf bringen. Aber sagen Sie mir in aller Welt, wie sind Sie auf den Einfall gekommen?
Er. Ich hab Ihnen etwas zu sagen. Um es nicht zu verschlafen, sondern gleich bei der Hand zu sein, wenn Sie aufstünden, hab ich bei Ihnen geschlafen.
Ich. Aber wie sind Sie hereingekommen?
Er. Durch die Tür. – Weil mir das, was ich Ihnen sagen will, beständig zu sehr in Gedanken lag, konnte ich nicht einschlafen: ich trat ans Fenster: der Mondschein gefiel mir: ich warf meinen Reitrock über, ging hieher, fand die Tür offen, ging in Ihr Zimmer, legte mich auf den Sofa und schlief. Was ist denn Übels dabei?
Ich. Sehr viel! wenn's die Frau von Dirzau erfährt?
Er. So will ich ihr selbst sagen, dass ich bei Ihnen geschlafen habe.
Ich. Tausendmal lieber wär mir's, wenn Sie am hellen Tage und wachend zu mir gekommen wären.
Er. Das bin ich! Ich bin wachend zu Ihnen gekommen, ganz wachend! –
Ich war zu ärgerlich, um über seine tollen Antworten zu lachen: ich wollte den Tee bestellen und bat um die Erlaubnis, ihn verlassen zu dürfen. – "Der Tee ist bestellt: ich hab es selbst getan", sprach er. Wirklich langte er auch ein paar Augenblicke darauf an.
Wir tranken: es erschienen verschiedene Arten von Backwerk, das er gleichfalls vor meinem Erwachen bestellt hatte: niemand sprach. Endlich fing er ganz trocken an: "Mademoiselle, ich will Ihnen in zwei Worten sagen, was ich bei Ihnen will: ich liebe Sie."
Ich. Sehr viel Ehre für mich, Mylord!
"Das ist eine Lüge!" fuhr er hitzig auf. "Mir macht es Ehre