aber warum sollt ich's hier nicht ebenfalls sein? was könnt ich von diesen friedlichen, freundlichen Leuten fürchten! – Durch einen unglücklichen Vorfall, den du mir noch nicht deutlich gesagt hast, bist du misstrauisch geworden: du machst dir trübe Einbildungen und malst dir fürchterliche Gespenster vor die Augen. Vignali wird dir die Gespenster schon verjagen.
Herrmann. Mein Unglück wär's, wenn sie mir sie verscheuchte. – Ulrike, hast du das Herz, aus Liebe für mich dies Haus zu verlassen?
Ulrike. Verlassen? Dies Haus? Warum?
Herrmann. Aus Liebe für mich, sag ich!
Ulrike. Um wessentwillen verliess ich Dresden? – Weisst du nun, wieviel ich aus Liebe für dich tun kann? – Ja, aus einem Palaste kann ich aus Liebe für dich gehen, wenn es sein muss: aber wohin?
Herrmann. In die Welt: je weiter von hier, je lieber.
Ulrike. Menschenfeind! was hat dir denn die unschuldige Stadt getan?
Herrmann. Nichts! aber sie wird! Ich habe mit der Verführung meines Kameraden, der zwei Jahre jünger ist als ich, mit seinem Hohne, seinen Schmähungen, seinen verachtendsten Spöttereien – ich habe mit den Lockungen einer Dirne, die oft den Diener unter mancherlei Vorwand auf seiner stube besuchte, mit den Höhnereien beider gekämpft: aber ich trug sie, weil mir Zürnen nichts half. Die Verführung war plump, zurückscheuchend, empörend für alles mein Denken und Empfinden: es kostete mir nicht einen Atemzug Standhaftigkeit, um ihr zu widerstehn: es war eine Reizung, die mir widerstund: aber, Ulrike, wenn wir ihrer gewohnt würden und sie uns endlich in einem anständigern Gewande weniger widerstünde, was dann? – Ulrike, wir wollen fliehn, weil es Zeit ist.
Ulrike. Wollen wir uns vom Winde nähren?
Herrmann. Hier sind vier hände! Was die hände nicht können, wird vielleicht der Kopf tun.
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, übereile dich nicht! – Glaube mir! das sind alles finstre Grillen, die du dir machst. Warum sollten denn in dieser Stadt nicht so gut tugendhafte, ehrliche Leute sein als anderswo? Muss man denn notwendig verführt werden? Ich wohne ja schon drei Monate hier und bin's noch nicht: wir sind zwar jung, aber doch keine Kinder, die man mit Mandelkernen lockt und überredet. Das hast du dir noch von Schwingern angewöhnt, der auch jede Sache zu ernstaft betrachtet und über alles moralisiert. Vignali wird dich schon heiter und aufgeräumter machen. Hab ich dir nicht schon genug aufgeopfert? meinen Stand, meinen Ruf, die Gunst meiner ganzen Familie! Soll ich nun gar wegen einer übeln Laune und einiger finstern Grillen, die dir eben aufsteigen, allem Wohlsein, aller Ruhe, allem Vergnügen entsagen und mit dir ins Elend auswandern? Bedenke doch nur, welche Laufbahn sich für dich eröffnet! du findest durch unser Haus gönner, Freunde, Beförderer, bekömmst einen Platz und mit dem Unterhalt vielleicht auch Ehre; und Heinrich! – soll ich dich noch erinnern, was alsdann für eine Glückseligkeit auf uns beide wartet? Unser Wunsch ist ja dann erreicht: wollen wir uns von dem Glücke, das uns bei der Hand dahin führt, mutwillig losreissen? – Du Grillenkopf! was stehst du denn da und murrst? So wirf doch deine ernstafte, finstre Laune in die Spree! in den tiefsten Grund hinein!
Herrmann. Gute Nacht, Ulrike. Ich gehe morgen zu Vignali. – Er ging. Der hastige, abgebrochne Abschied setzte Ulriken in Erstaunen: sie eilte ihm nach, aber er war schon die Treppe hinunter.
Viertes Kapitel
Den grössten teil des folgenden Morgens brachte Herrmann mit seiner Adonisierung zu, und um elf Uhr war er schon völlig mit seinem neuen staat angetan, als der Sohn der Frau Hildebrand, ein Knabe von zwölf Jahren, ihm einen Brief von Ulriken überbrachte.
den 28. Jan.
Heinrich!
Du hast mir abermals eine recht schlaflose Nacht gemacht. Deine Besorgnis muss mich angesteckt haben: die ganze Nacht wand und drehte ich mich um die Vorstellung herum, dass ich verführt werden könnte: es kam mir nunmehr selbst vor, als wenn es sehr leicht anginge. Die Grösse der Gefahr und meine Furcht wuchsen mit jedem Pulsschlage: ich hätte in der Angst tausend Meilen mit Dir laufen mögen, um nur aus dem verführerischen haus zu kommen. Da fiel mir endlich ein Gedanke ein – Heinrich! ein recht gottloser Gedanke! Aber, dachte ich, du hast deinem Heinrich so viel aufgeopfert: wenn du ihm nun durch die Aufopferung deiner Tugend auf immer glücklich und gross machen könntest? Du würdest dein Leben Kaum war mir der abscheuliche Gedanke durch den Kopf gefahren, so erschrak ich, als ob mich der Schlag träfe: ich glühte und schwitzte vor Entsetzen und wurde so grimmig auf mich selbst, dass ich mir eine recht derbe Ohrfeige gab. Es kam mir wohl hundertmal wieder in den Kopf: ich habe mich mit dem abscheulichen Gedanken gequält und abgeängstigt wie mit einem Gespenste: ich schloss die Augen fest zu und wollte einschlafen, um nur nicht mehr zu denken; aber es ging nicht. Ich schlummerte endlich ein wenig ein: gleich kam mir vor, dass der Herr von Troppau vor meinem Bette stünde, so schön und reizend, als ich noch keine Mannsperson gesehen habe: er hielt mit sanftem Lächeln seine arme offen, mir entgegen: mein