fragte der alte Adam auch nicht weiter?
Der Mann. Was sollt ich fragen? – Ich sagte ihm, meine Frau wäre im Gefängnisse, nach Tische käme sie los, alsdann könnt er sie sprechen.
Die Frau. Und das sagtest du ihm? – Wahrhaftig, es wäre kein Wunder, wenn man sich zu tod bei dir ärgerte. Mir solche Schande zu machen!
Der Mann. Was ist denn das nun für Schande mehr! – Wenn ein Beutelschneider auf dem Diebstahl ertappt wird, so steckt man ihn ein: wenn dir's keine Schande gewesen ist, meine Taschen zu bestehlen, so kann dich's auch nicht beschimpfen, dass man dich in Arrest gebracht hat. – Aber komm! ehe das Essen kalt wird! es sind sehr fette speisen dabei.
Die Arrestantin folgte ihm halb mit Betrübnis, dass ihre Einsperrung durch ihren eignen Mann bekannt gemacht war, halb mit freudigem Verlangen nach dem versprochenen herrlichen Gastgebote und den noch herrlicheren Geschenken, die nach Tische sich wieder einfinden sollten.
Sie trat in die stube: wie versteinert stand sie da, als sie ihre Leichtgläubigkeit abermals auf das Schändlichste betrogen fand, biss sich in die Lippen und vermochte vor Scham kein Auge aufzuheben. In der Bestürzung liess sie sich vom mann an den Tisch führen und auf einen Stuhl setzen: welch neue Bosheit! Der Heimtückische hatte die Wassersuppe so reichlich mit Zwiebeln – einem für sie unleidlichen Gewächse – angefüllt, dass ihr der entgegenkommende Geruch den Atem versetzte.
Was war zu tun? – Essen konnte sie weder vor Ärger, der in ihr bis zu den Lippen heraufschwoll, noch wegen der widrigen Zubereitung des Gerichts. Adam hingegen, so übel es ihm selbst schmeckte, ass ihr zum Trotz mit einer Begierde, als wenn es der köstlichste Leckerbissen wäre.
"Sage mir einmal!" fing er nach einem langen Stillschweigen an, "wenn hast du denn Heinrichen auf das Schloss geschickt?"
Die Frau kratzte mit den Fingern auf dem Tischtuche, senkte den tränenvollen blick unbeweglich auf den Teller, schluchzte und schwieg.
"Nillchen, sei kein Trotzkopf!" fuhr er nach einer kleinen Pause fort. "Sage mir's aufrichtig, wenn hast du den Jungen zur Gräfin geschickt?"
Die Frau. Ich hab ihn nicht geschickt.
Der Mann. Wo ist er? – Verschweig mir's nicht, wenn du ihn versteckt hast! er ist weg. Wenn er mit deinem Wissen und durch deinen Vorschub, bloss um mir zu trotzen, aus dem haus gekommen ist, so soll – ich will nicht schwören –, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich zeitlebens wieder in einem Bette mit dir schlafe.
Bei so vielem Ernste war ein zeitiger Rückzug das klügste: sie fühlte ihre schlimme Lage und die notwendigkeit, ihm durch Nachgeben auszuweichen, so lebhaft, dass sie ihm sogleich ins Wort fiel und mit einem teuren Eide versicherte, sie wisse nichts von dem Knaben.
Der Mann. So komm, wir wollen ihn suchen! Diese Aufforderung geschah freilich zum teil aus heimtückischer Absicht, weil er nicht glaubte, dass sie ihr Gewissen bei ihrem Schwur rein und unbefleckt erhalten habe: er wollte ihr die Kränkung antun, sie an einem Tage, wo sich keine Seele im ganzen Städtchen putzte, in ihrem Galakleide durch alle Gassen und, bei der grossen Sonnenhitze, durch Staub, über Stock und Stein zu führen. Sie wollte zwar zur Umkleidung Anstalt machen, allein er fasste mit einem Griffe so plötzlich Hut, Stock und ihren Arm, dass keine Zeit zur Einrede übrigblieb: der Marsch ging fort. Mit der Neubegierde der kleinen Städte, wo die Leute hinter den niedrigen Fenstern wie die Diebe hinter dem Busche auf die Vorübergehenden lauren, waren gleich alle Häuser die ganze Gasse durch mit Menschenköpfen besetzt, an welchen sich die Nasen rümpften oder die Lippen spöttisch grinsten, oder die Augen sich weit aufsperrten, als unser edles Paar vorbeispazierte. Etwas komisch war der Anblick, an dem arme eines so unsauber gekleideten Gesellen die Dame in dem auserlesensten Schmucke dahinwandeln zu sehen: doch das war noch lange nicht der unangenehmste Akt des Possenspiels. Ungegessen, ohne Schutz und Schirm wider die Sonne, in dem durchhitzten Sande, auf offnem feld, bei der brennendsten Mittagsglut, unter beständiger Ängstlichkeit, dass vielleicht dem Anzuge ein Unglück widerfahre, mit ziemlich starken Schritten dahinzutraben, das was allerdings eine ausgesuchte Strafe, und man musste mehr als grausam sein, um einen weiblichen Eigensinn so bestrafen zu können. Der Spaziergang wurde zwei Stunden lang fortgesetzt: das arme Weib schmachtete, der Schweiss rann in starken Strömen herab und tigerte die apfelgrüne Kontusche mit Flekken: aber Trotz und Verzweiflung gaben ihr Mut: sie spannte alle Kräfte an, um ihren Schmerz nicht merken zu lassen oder um Vermindrung ihrer Qual zu bitten. Endlich, da fast alle Nerven ihrer Standhaftigkeit erschlafften, nötigte sie ihr strenger Gesetzgeber, in einem kleinen Tannenwäldchen auszuruhen. Traurig sass sie da und scheuerte mit dem Schnupftuche an den unauslöschbaren Flecken ihrer Kleidung und brach in bittres Weinen aus, als sie alle Wahrscheinlichkeit den gänzlichen Untergang der geliebten Kontusche erwarten hiess.
"Weiter! wir müssen aufbrechen!" rief der grausame Mann und hub sich von der Erde auf.
"Ich kann nicht mehr", rief die Frau mit schwacher stimme -"mir schwindelt!" –
"Fort! fort!" erschallte abermals, und zwar etwas gebietrischer, wobei er ihr zugleich die Hand reichte