herzlich – vermutlich über mich, weil sie in einer Sprache redeten, die ich nicht verstehe, und auch ein paarmal einen blick nach dem Sofa wurfen: das setzte mich in so üble Laune, dass ich vor Ärgerlichkeit kein Wort mehr sprach. Da er uns verlassen hatte, fing Vignali an: "Der Herr von Troppau hat mit Ihnen geschäkert?" – "Ja", antwortete ich, "aber nicht, wie ich's liebe!" – "Sie sind wohl gar empfindlich darüber? Sie sind ja sonst nicht so eigensinnig, so erzürnbar und auch keine Feindin von der Liebe." – "Das nicht!" unterbrach ich sie, "ich habe auch dem Herrn von Troppau sehr deutlich gesagt, was ich von der Liebe unterscheide." – "Närrin!" rief sie und schlug mich auf die Schulter, "wer wird denn so einen einfältigen Unterschied machen? Lieben wir nicht alle? Wollen Sie allein sich mit dem Zusehen begnügen? Können Sie andre Leute essen sehen, ohne dass Sie hungert?" – "Wenn ich nichts zu essen habe!" sprach ich. "O sehr gut!" – Mit dieser Antwort hatte ich mich selbst gefangen: sie schikanierte mich ganz entsetzlich darüber und fragte endlich, ob mir der Herr von Troppau zu schlecht wäre. Ich war so verdriesslich über das Gespräch, dass ich ihr etwas zu übereilt antwortete: "Er ist mir zu allem nicht zu schlecht, was er bisher für mich gewesen ist: aber ich dünke mich zu gut, um seine Hure zu sein." – Darüber wurde Vignali feuerrot. – "Untertänige Dienerin!" sprach sie etwas spöttisch, "also bin ich auch seine Hure? denn das sag ich Ihnen frei, ich liebe den Mann: ich habe unsre Liebe niemals verhehlt, weil ich keine Heuchlerin bin. Für eine Gouvernante sind Sie noch sehr kindisch. Ich will dem Herrn von Troppau sagen, dass er Sie in Ruhe lässt, bis Sie bei reiferem verstand sind. Sie sind noch zu neu, um sich dabei zu benehmen, wie es sich gehört." – Ich konnte mich nicht entalten, über die Lektion ein wenig zu schmollen: allein der Vignali merkte man's nicht eine Minute an, dass sie auf mich zürnte: sie brach ab und war wieder so freundlich wie vorher. Seitdem hat mich der Herr von Troppau nicht mit einer Hand wieder berührt, meiner und Vignalis Freundschaft hat es auch nicht geschadet, und ich bin so ruhig, so munter und vergnügt zeiter in dem haus –
Herrmann. Das du mit dieser Minute verlassen solltest, wenn du Gewissen hast! Du bist in einem schrecklichen haus, in dem Wohnplatze der Verführung, unter Betrügern und Kupplerinnen, unter gleissenden Betrügern –
Ulrike. Heinrich, ich sage dir's noch einmal, du machst mich böse.
Herrmann. Ich wollte, dass du's würdest: so zankten wir uns, trennten uns, hassten uns, und es kostete uns doch keine Mühe, keinen Schmerz; denn mit unsrer Liebe ist es doch aus, rein aus. – O Ulrike! ich habe, seitdem ich in dieser Stadt bin, Dinge gehört, wovon weder mein noch dein Verstand träumte – schreckliche Dinge, bei welchem sich meine ganze Seele empört: dein Glück ist es, wenn du sie nicht weisst: aber du wirst sie erfahren! Du wirst sie erfahren!
Ulrike. Du setzest mich in Todesangst: sage mir nur, was du hast, was du fürchtest!
Herrmann. Nunmehr weiss ich unsre geschichte, unsre traurige geschichte. Die Unschuld liebte mich, ich liebte sie: die Unschuld kam an den Ort der Verführung, ward verführt und ich – zur Leiche; denn das sagen mir alle meine Gedanken und mein ganzes Gefühl, wenn du liebtest wie sie alle, die du deine Freundinnen nennst – du wärst mir verhasst: ich müsste laufen, so weit mich See und Land trügen, um deinem Andenken zu entgehn. Unsre Liebe, das sagt mir mein Herz laut, ist ein andres Ding als die Liebe der Vignalis, der Lairessen, und wie sie weiter heissen. Wenn du ihnen gleich würdest?
Ulrike. So gross ist dein Zutrauen zu mir, meiner Tugend, meinem Gewissen, meiner Ehre? Tat ich nicht einen Schwur?
Herrmann. Liebe Ulrike, was sind tausend Schwüre in der Anfechtung? wenn man gedrängt, getrieben, gestossen wird? Ich hielt meinen Verstand für einen Götterverstand; und doch schwatzte mir ihn ein Bösewicht danieder: glaubst du, dass deine Tugend stärker ist als mein Verstand! Und wenn sie es wäre, hat sie nicht auch mit grösserer Stärke zu kämpfen als ich? Kein Geld wird dich überwinden: aber eine glattzüngige, beredte, einschmeichelnde Vignali! ein wollüstiger, überraschender, schlauer Herr von Troppau! Traust du dir, solchen Gegnern immer, immer zu widerstehen?
Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, schweig! Du scheuchst eine Schlange auf–
Herrmann. Aber ist es nicht besser, sie jetzt aufzuscheuchen, damit sie dich nicht beisst, wenn du unachtsam auf sie trittst oder sorglos daliegst und schlummerst? – Ulrike, das schwör ich dir, eine Untreue, eine einzige Untreue reisst unsre Herzen auf ewig auseinander.
Ulrike. So verdunkle doch unser Vergnügen nicht mit so schwarzen Vorstellungen! Freilich lauerte auf meines Onkels schloss keine Verführung auf mich: auch ohne Beschützer war ich sicher: