1780_Wezel_105_148.txt

wie verhielt er sich gegen dich? denn nunmehr kann doch ein Kind raten, warum deine ehrliche Frau Hildebrand mit dir unter die Linden spazieren ging, woher sie sogleich ein Kleid für dich schaffte, warum dir Vignali so freundschaftlich mit Gelde beistund: alles floss aus einer Quelle; und so grosse und ausgezeichnete Gütigkeiten tut kein Herr von Troppau umsonst: es lauscht gewiss ein Betrug dahinter.

Ulrike. Ein Betrug? – Heinrich! wachst du? – Wenn du nicht im Schlafe sprichst, hat dich gewiss der schwarzperückichte Magister angesteckt, von dem du mir einmal in Dresden schriebst. Was gilt's? das Wetterhagelsviehwie meine Tante Sapperment sich zierlich ausdrücktehat dich mit seiner frommen Misantropie angesteckt.

Herrmann. Leider! nicht bloss angesteckt! getan hat er mir, was ich jetzt bei jedermann fürchte! du sollst es hören und urteilen, ob mir nur der Wind mein Misstrauen angewehet hat. – Jetzt beruhige mich über meine Frage!

Ulrike. Das kann ich leicht. – Höre drauf, du Misantrop! der Herr von Troppau hat sich gegen mich wie der edelste, vortrefflichste, freundlichste, liebreichste, freigebigste, gütigste Mann betragen: ich verehre und liebe ihn: ich habe in meinem Leben keinen bessern Mann gesehen.

Herrmann. Und weiter war er nichts gegen dich?

Ulrike. Ist denn das nicht genug und alles Dankes wert?

Herrmann. Ulrike! Ulrike! du heuchelst. Wenn ich taube Bediente hätte sprechen lassen wie Vignali, ich wette, ich wollte dir mehr sagen. – Auf dein Gewissen, Ulrike! heuchelst du nicht?

Ulrike. Neugieriger, vorwitziger Mensch! Warum zwingst du mich nun durch deine Zudringlichkeit, dir einen Dorn mehr ins Herz zu stecken? Du wirst ja ohnehin genug vom Misstrauen gestochen. Wenn ich auf mein Gewissen antworten soll, muss ich dir frei bekennen, was ich dir, du blinder Mensch, zu deinem Vorteile verhehlen wolltedass der Herr von Troppau einmal mehr sein wollte, als ich dir vorhin von ihm sagte: aber ich schwöre dir bei unsrer Liebe und meiner ewigen Wohlfahrt! kein Umstand soll dir verschwiegen werden, was in diesem einzigen, verdächtigen Falle vorging. Ich war einmal des Nachmittags bei Vignali, und weil wir keine Komplimente miteinander machen, fuhr sie zum Besuch und liess mich allein und versprach in einer halben Stunde wiederzukommen: ich nehme ein Buches waren des Abt Bernis Werke –, beim ersten Aufschlagen fallen mir seine Betrachtungen über die Leidenschaften in die Augen. Ich setze mich auf den Sofa, und kaum schlage ich zum erstenmal um, so ist schon die Liebe da: wer wird nicht gern etwas von der Liebe lesen? – Ich lese den ganzen Brief6 an die Gräfin C** durch. Als ich bei den letzten vier Zeilen bin, siehe, da kommt mein Herr von Troppau. Er sieht sich nach Madam Vignali um, hört von mir, dass sie zum Besuch ist, fragt, woich sage es –, er setzt sich, nimmt das aufgeschlagne Buch vom Sofa, liest. – "Ah!" fängt er lächelnd an, "qu' est ce qu' amour? – was ist die Liebe? Können Sie darauf antworten?" – "Warum nicht?" sagte ich, "wenn Sie mir das Buch erlauben wollen!" – "Oh, aus dem buch ist's keine Kunst: Sie sollen aus dem herz antworten." – "Mein Herz kann keine Verse machen." – "Eh bien! Ich will Ihnen meine Verse vorlesen: Ihr Herz mag in Prosa darauf antworten." – Er las die Verse her:

Was ist die Liebe?

Es ist ein Kind, beherrschet mich,

Beherrscht den König und den Diener,

Schön, Iris, schön wie du, es denkt wie ich,

Nur ist's vielleicht ein wenig kühner.

"Ist Ihr Herz auch der Meinung?" fing er an und umfasste mich. Ich sagte in aller Unschuld: "Ja." – "Also finden Sie doch den nämlichen Fehler an mir, den alle Damen an mir tadeln, dass ich zu bescheiden, nicht kühn genug bin?" fragte er. Es verdross mich, dass er meinem unschuldigen Ja eine so geflissentlich falsche Auslegung gab: ich antwortete ihm also, halb wider Willen, in dem Tone der Frau von Dirzau: "Keineswegs!" – "Das Keineswegs haben Sie wohl von meiner Schwester gelernt? Es war ihr leibhafter Ton: aber es ist auch so falsch, wie alles, was meine Schwester sagt. Ihr Herz möchte wohl, dass ich ein weniger dreister wäre?" – "Mein Herz schweigt ganz still dabei", sagte ich. – "Ich will es einmal fragen", sprach er lachend und machte eine Bewegung, die mich zum Aufstehen nötigte. Er holte mich zurück und fing ein zweideutiges Gewäsch über die Liebe und die Herzen der Damen an, das ich mich so sehr zu wiederholen schäme, als ich mich damals schämte, es zu hören. Seine hände nahmen dabei wieder so vielen teil am gespräche, dass ich mit grosser Empfindlichkeit aufstund und ihm nachdrücklich sagte: "Gnädiger Herr, ich bin wohl verliebt, aber nicht verhurt!" – dabei machte ich eine Verbeugung und ging. Auf der Treppe begegnete mir Vignali und nötigte mich, wieder mit ihr zurückzugehn. Der Herr von Troppau sprach italienisch mit ihr, und beide lachten