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Wenn du mich so oft unterbrichst, kommt meine Erzählung heute nicht zu Ende. Also stockstill, bis mein Märchen aus ist! – Wer kam denn zuletzt in die Gesellschaft? – Ja, die rotbäckige Mamsell Rosier. Der Herr von Troppau schlug mir auch einen französischen Namen vor: allein ich wehrte mich so stark dawider, dass er sich begnügte, meinen deutschen Namen französisch auszusprechen: ich wurde zur Mademoiselle Erman. Sie freuten sich alle ungemein auf eine Kurzweil, die sie diesen Abend auszuführen gedachten. Weil ich gar nichts davon wusste und also nicht mitlachen konnte, erzählte mir Vignali, dass gestern bei ihr ein junger Franzose, aus Paris frisch angekommen, gespeist habe. "Der Mensch", sagte sie, "plauderte so unendlich, dass kein einziges unter uns ein Ja oder Nein zwischen seine Tiraden einschieben konnte: von dem ersten 'très-humble serviteur' bis zum letzten hielt er eine aneinanderhängende Rede von skandalösen Histörchen, Spötteleien, Unverschämteiten, Aufschneidereien und jämmerlichen Kleinigkeiten, und wir armen Leute waren so überrascht, dass wir uns ärgerten und ihm geduldig zuhörten: wir konnten uns nicht helfen: wenn jemand auch es wagte, dazwischenzureden, so brachte jener Unverschämte die übrigen zum lachen, und sein Nebenbuhler hatte keine Zuhörer. Aber heute wollen wir uns rächen: er soll darniedergeschwatzt werden und nicht einmal ein Bon soir zustande bringen. Er ist darum eine halbe Stunde später gebeten, damit die Alliierten alle beisammen sind, ehe er kommt." – Auch war die Gesellschaft, die ausser den genannten noch aus einem paar artigen, vernünftigen Franzosen bestand, lange versammelt, ehe der Held des Possenspiels erschien. Lairesse wälzte sich singend auf dem Sofa vor übermässigem Vergnügen, und Rosier klatschte unaufhörlich hüpfend in die hände und lispelte: "Das wird hübsch sein! das wird hübsch sein!" – Endlich erschallte vom Bedienten, der ihm aufpasste, ein erfreuliches "le voilà" durch die Tür: sogleich marschierte Vignali gegen ihn los, der übrige Haufe drang gleichfalls zu, und alle schwatzten so stürmisch auf den einzigen Menschen hinein, dass der Plauderer verwundert und stumm mitten dastand, sich bald dahin, bald dortin drehte, den Mund öffnete wie ein fisch, der nach Luft schnappt, reden wollte und nicht konnte. Man trieb die Rache so weit, dass ich wirklich den ganzen Abend keinen verständlichen laut von ihm gehört habe; und dabei machte man ihm beständig die bittersten Vorwürfe, dass er nicht spräche, so wenig zur Unterhaltung der Gesellschaft beitrüge, da er doch gestern so viel dazu getan hätte: er öffnete den Mund, allein man fiel ihm sogleich ins Wort. Man sah es dem armen Knaben recht an, wie ihm Herz und Lunge weh tat, wie ihn die Hemmung seiner Zunge ängstigte: er drehte, sich bei Tisch auf seinem stuhl, räusperte sich, strich sich das Gesicht oder arbeitete an der Halsbinde: für mich war die Lust unschätzbar. Den schlimmsten Streich spielte ihm noch Lairesse: weil er nicht wenig ausser Fassung gesetzt war, nahm er unmittelbar nach dem Essen Hut und Degen, um sich à la françoise wegzubegeben: allein das vorwitzige Mädchen erwischte ihn an der Tür bei dem arme, drehte ihn um, machte eine tiefe langsame Verbeugung und sagte mit komischer Gravität: "Mein Herr, man hat Sie persifliert." – Der Franzose machte eine ebenso tiefe Verbeugung und sprach mit dem nämlichen Tone: "Mademoiselle, ich hab es wohl bemerkt!" – weg war er!

Du kannst dir leicht vorstellen, dass mir eine solche Unterhaltung ungleich besser behagte als das stille, schleichende Gespräch der Frau von Dirzau, wo bei jedem Gerichte eine Frage und eine Antwort zum Vorschein kam: da ich obendrein in diesen Gesellschaften wohl manchen ausschweifend lustigen Auftritt, aber nie eine eigentliche Unanständigkeit, noch viel weniger etwas Böses erblickte, so versäumte ich keine, wenn man mich dazuzog. Vignali legte mir durch ihre vielfachen Gütigkeiten immer neue Verbindlichkeiten auf und gewann durch die Annehmlichkeiten ihrer person und ihr freundschaftliches Betragen mein Herz so ganz, dass ich ihr alles aufopferte. Das Vertrauen der Frau von Dirzau hatte ich gleich den ersten Tag verloren, weil ich bei Vignali zum Abendessen gewesen war: ihr Gespräch wurde deswegen noch zurückhaltender und kälter, dass es zuweilen die ganze Mahlzeit über nur aus einer Frage und einer Antwort bestund: überfiel mich zuweilen der Plaudergeist, so hörte sie nicht darauf, sondern unterbrach mich gleich durch einen Befehl an den Bedienten oder fing wohl gar mitten in meinem Reden ein Gespräch mit ihm an, dass mich die Mühe verdross, mich allein anzuhören: seitdem bin ich völlig stumm bei Tische, wenn sie mich nicht fragt. dafür fragt sie mich aber auch kein Wort anders als äusserst höhnisch: anfangs ertrug ich's und ärgerte mich bloss in mir selbst, aber Vignali und selbst der Herr von Troppau, wenn ich mich beklagte, ermunterten mich, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Ton wollte mir lange nicht gelingen, aber nunmehr hab ich ihn so sehr in meiner Gewalt, dass ich der Frau von Dirzau gewiss nichts nachgebe. Seitdem sie merkt, dass ich ihr ihre Kunst so sehr abgelernt habe, spricht sie mannigmal in drei, vier Tagen keine Silbe mit mir. Auch gut, denke ich: so muss ich mich nicht wider meine natur zwingen, höhnisch zu sein. Für die Langeweile des Mittags halte ich mich des Abends wieder schadlos.

Herrmann. Aber der Herr von Troppau?