die Seite und stellte ihr vor, dass ich das nimmermehr bezahlen könnte. – "Närrin!" sprach sie, "wer uns alle ernährt, wird auch diesen Plunder bezahlen." – Als der Einkauf vorbei war, sollte ich mit zu ihr gehen und eins von ihren Kleidern versuchen, weil das meinige zur Abendgesellschaft zu schlecht wäre. Ich weigerte mich und bat sie zu bedenken, dass mir die Frau von Dirzau diese Gesellschaft schlechterdings untersagt hätte. – "Hat sie dir der Herr von Troppau auch untersagt?" – "Nein", antwortete ich, "aber auch nicht befohlen!" -"So befehle ich, dass du keine von diesen Abendgesellschaften versäumen sollst." – Ich wusste nichts mehr vorzuwenden als meine Untergebne, von welcher ich mich unmöglich so lange trennen könnte: denn ich hatte durchaus einen Widerwillen in mir gegen diese Gesellschaften. – "Lass du nur", sprach sie lachend, "das gute Mädchen bei ihrer Tante recht dumm werden, damit wir desto mehr Ehre davon haben, wenn wir sie klug machen. Allons!" – Mit diesem Allons fasste sie mich unter den Arm und wanderte mit mir die Treppe hinunter. Ich musste mich von ihr selbst anputzen lassen, sosehr ich mich auch sträubte: es deuchte mir, als wenn ich mein Totenkleid anzöge, so eine Ängstlichkeit fühlte ich, dass ich in ein Haus voll solcher Schikanen, Parteien und Kabalen geraten war.
Herrmann. Und ich möchte, dass du nie einen Fuss hineingesetzt hättest. – Ach Ulrike! wenn deine Tugend nicht Löwenstärke hat – aber ich habe ja versprochen, nicht misstrauisch zu sein! Erzähle weiter!
Ulrike. Bei mir war wahrhaftig damals das Misstrauen auch sehr stark. Mit der übelsten Laune von der Welt sah ich die Gesellschaft allmählich ankommen. Lairesse war die erste, die erschien. Solch eine tolle Lustigkeit, so eine übernatürliche Unbesonnenheit und so viel Leichtsinn kannst du dir nicht vorstellen: mich nennte man zu haus unbesonnen: aber ich bin ein Cato dagegen. Sie sagte mir so eine grosse Menge Sottisen beim ersten Anblicke ins Gesicht, so viele Abgeschmackteiten, dass meine Backen gar nicht aufhören konnten zu erröten. Ich hasste sie anfangs deswegen, aber in der Folge hat sie mich doch sehr eingenommen. Man muss ihr ihre Lebhaftigkeit, die oft in Ungezogenheit ausartet, zugute halten: sie ist sehr dienstfertig, wenn sie es in ihrem unendlichen Leichtsinne nicht vergisst, und liebt mich wie eine Schwester. Ich habe ihr zwar nie so gewogen werden können als der Vignali: sie scheint mir auch ein wenig falsch zu sein: deswegen hat sich seit einem paar Wochen mein Zutrauen gegen sie sehr gemindert: aber ich mag mich vielleicht irren. – Nach ihr stellte sich der Herr von Troppau ein: er tat, als wenn er mich unvermutet hier fände, fasste mich bei der Hand und rief voller Vergnügen: "Ach, da ist ja unsre kleine Prinzessin! Das ist ein gescheiter Einfall, Vignali, dass Sie das gute Mädchen mit zu unsrer Gesellschaft ziehen: bei meiner Schwester wird sie ohnehin Langeweile genug haben. Ich beklage, dass ich vorderhand keine Veränderung treffen kann." – "Wir wollen schon eine Veränderung treffen", fing Vignali an, "auf Ostern nehm ich Ihre Tochter zu mir: das arme Kind wird lichtscheu werden bei ihrer itzigen Erziehung." – "Mir ist das sehr gelegen!" antwortete Herr von Troppau. "Das überlass ich Ihnen, Vignali: sehen Sie, wie Sie das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen: ich mische mich nicht drein." – Mit der nämlichen Folgsamkeit willigte er in alles, was Vignali für gut fand. Endlich langte auch Mamsell Rosier an, ein recht gutes, herzlichgutes Kind, zärtlich, empfindsam, weich wie geschmolzne Butter, voll deutscher Treuherzigkeit und verliebt! In jeden Menschen, der nur zwei Worte mit ihr spricht, verliebt sie sich; und lässt sich dabei zum besten haben – o dass mir zuweilen die Seele für sie weh tut. Sie ist der wahre Souffre-douleurs der Gesellschaft: wenn niemand etwas zu reden weiss, zieht man über das arme Mädchen her; und dabei ist sie so einfältig, dass sie sich noch obendrein etwas darauf zugute tut, wenn sie die Gesellschaft auf ihre Kosten belustigt hat. Man kann ihr nicht Schuld geben, dass sie dumm ist, aber wegen dieses Mangels an Empfindlichkeit ist sie mir unleidlich: sie hat auch weder die einnehmende Lebhaftigkeit der Lairesse noch Vignalis einnehmenden Ernst: so zutuend sie ist, so zieht sie doch nicht an: man möchte sie von sich stossen, so lästig wird sie zuweilen. Sie liebt mich sosehr als die andern alle: unendlich liebt sie mich, und es schmerzt mich, dass ich sie nicht gleich stark lieben kann: aber es geht nicht, und wenn ich mir noch soviel Gewalt antue.
Herrmann. Also lieben sie dich alle wie Schwestern? unendlich? feurig? zärtlich? – Wenn du dir nur nicht einbildest, dass dich die Mädchen unendlich lieben, weil du sie so liebst! Nach dem Porträte zu urteilen, das du von ihnen machst –
Ulrike. Noch immer Misstrauen? – Heinrich, ich binde dir den Mund zu.
Herrmann. Vergib mir, Ulrike! Mein Herz ist mir während deiner Erzählung so schwer geworden, dass mir wider meinen Willen bisweilen eine trübe Anmerkung entwischt. Fahre nur fort, ich will mich schon zurückhalten.
Ulrike.