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Willst du vielleicht zum glücklichen Anfange ein paar Vaterunser mit ihr beten, so ist dir's unverwehrt: ich kann aber nicht die Ehre haben, dabei zu sein: ich muss zu Tische fahren. Adieu!" – Die Frau von Dirzau wurde feuerrot vor Empfindlichkeit: sie verbiss den Ärger, sagte mir die Bedingungen, die mir ihr Bruder machte, und befahl der fräulein, mich auf ihr Zimmer zu führen: ehe wir gingen, hielt sie eine förmliche Anrede an uns beide, worinne sie uns zur Ausübung unsrer gegenseitigen Pflichten ermahnte, beschloss wirklich mit einem Vaterunser und hiess uns in Gottes Namen gehen.

Kaum war ich eine Viertelstunde auf meinem Zimmer, siehe, da kam Madam Vignali. Sie wollte mein fräulein umarmen, allein dem guten kind war ein solcher Abscheu gegen die Frau von ihrer Tante eingeflösst worden, dass es alle Liebkosungen von sich abwehrte und mit Zittern augenblicklich aus dem Zimmer zur Frau von Dirzau flüchtete. Ich wollte sie zurückholen, allein Vignali hielt mich ab. "Tant mieux! tant mieux!" schrie sie lachend. "Das Kind soll mich schon einmal lieben, wenn wir sie in die Zucht bekommen. Eh bien? was hat Ihnen denn die gottselige Dame gepredigt? Ich bin doch wohl der Text gewesen?" – Ich sagte ihr das wenige Gute, was die Frau von Dirzau von ihr gesagt hatte, und verschwieg alles übrige. – "Eine kluge Frau! eine Frau voller Lebensart!" sprach sie und zählte dabei an den Fingern. "sehen Sie! das sind erst zwei Finger; und wenn man das Böse überrechnet, was ihre Dame in einer Stunde von einem Menschen sagt, so zählt man jedesmal alle zehn Finger zehnmal herum: Sie stehen also noch sehr stark im Reste: was sagte sie weiter?" – Ich antwortete: "Nichts!" – "liebes Kind!" sprach sie sehr ernstaft, "für eine Bekanntschaft von vier oder fünf Stunden ist Ihre Heuchelei verzeihlich. Solchen Schnickschnack, wie die Frau von Dirzau spricht, vergisst ein gescheiter Mensch sehr leicht: ich will Sie wieder daran erinnern" – und nun erzählte sie mir Wort für Wort, alles, was wir über Tische gesprochen hatten. Ich stutzte, gestund, dass alles die Wahrheit wäre, und verwunderte mich, woher sie unser Gespräch so umständlich wüsste. – "Woher?" fing sie mit trocknem Tone an. "Haben Sie nicht hinter dem Stuhl Ihrer gnädigen Frau einen lange, krummen, hölzernen Lümmel bemerkt, der sich, solange das Essen dauerte, nicht von der Stelle bewegte, sich jede Sache zweimal sagen liess und doch zum drittenmal falsch verstand, der einen Löffel brachte, wenn man Brot foderte, und ein Glas Wein, wenn man einen Löffel verlangte? Dieser taube Pavian besucht mich jedesmal nach Tische durch die Hintertür und erstattet Bericht vom Tischgespräche: er hört so fein wie eine Spitzmaus, wenn er mit mir spricht, und bei seiner gnädigen Frau liegt ihm beständig ein starker, starker Fluss vor den Ohren. Ich bezahle ihm monatlich einen Louisdor für seine Taubheit; und für noch einen kauf ich dem Kerle alle übrige vier Sinne ab, wenn's nötig ist. Stutzen Sie nicht darüber: ich vergelte nur Gleiches mit Gleichem. Die Frau von Dirzau hat alle meine und ihres Bruders Leute im Solde: allein da sie wegen ihres eingeschränkten Vermögens nur kleine Besoldungen machen kann, so überbiete ich sie, und meine treuen Schurken entdecken ihr nichts, als was sie hören soll. 'So viel Treue und Einigkeit herrscht in meinem haus!' sagte sie heute zu Ihnen. Ah! la bonne bête! Die sämtliche Treue ihres Hauses will ich für einen Gulden in jedem Falle mit Haut und Haar wegkriegen, und die Einigkeit ist für acht Groschen feil. Alle ihre beiden Bediente sind ausgemachte Galgenvögel, und die meinigen Galgenstricke: ich hätte sie zum Besten der Welt längst alle hängen lassen, wenn ich dürfte. Aber auf das Hauptkapitel zu kommen! Riet Ihnen nicht Ihre kluge Dame, dass Sie sich an sie halten sollten?" – Ich konnte es nicht leugnen. – "Kind!" sagte sie mir mit Stärke und drohte mit dem Finger dazu, "wo du dich unterstehst, dem Rate zu folgen, so sei versichert, dass deine glücklichen Tage vorbei sind! Unser Haus wird dein Grab, dafür steh ich dir." – Ich erschrak bis zum Zittern über diese Drohung: aber sie richtete mich gleich wieder auf, indem sie mit gemildertem, beinahe lustigem Tone sagte: "Närrchen, was erschrickst du denn? Wer wird so kindisch sein? Geniesse deines Lebens, solange du kannst! Wenn die Herrlichkeit aus ist, dann halte dich zur Frau von Dirzau! Jetzt tust du besser, du hältst dich zu mir: ich verstehe mich aufs Glück des Lebens." – Ohne mich zur Antwort kommen zu lassen, brach sie ab und sah zur Tür hinaus. – "Ach! da sind ja meine Leutchen schon!" rief sie und bat mich um Erlaubnis, ihren Schneider hereinkommen zu lassen. Er nahm mir das Mass: ihr Mädchen brachte seidne Zeuge: wir lasen aus: sie lenkte meine Wahl und ordnete meine Befehle an den Schneider. Frau Hildebrand erschien mit Kopfputze, ein Bedienter mit andern Galanterien: genug, in einem Nachmittage wurde meine Garderobe instand gesetzt. Vignali suchte unter allem das Teuerste aus: ich nahm sie deswegen auf