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zu sein: liebt man da nicht, wenn man das tut? – Sage mir eine von deinen hocherfahrnen Erfahrungen, die alles das zur Lüge macht! möchte ich dich doch tausendmal lieber dumm und einfältig als misstrauisch sehen. Der Himmel weiss es, wie sehr ich dich liebe: aber so wahr ein Himmel ist! ich müsste aufhören, dich zu lieben, wenn du so misstrauisch bliebst. –

Sie war so lebhaft aufgebracht, dass sie einigemal die stube hastig auf und nieder ging: Herrmann suchte sie zu besänftigen, ging ihr nach, warf einen Arm um sie und drückte sie zärtlich an sich.

"Liebste Ulrike", sprach er, "zürne nicht! Ich will allen meinen Verdacht, alles mein Misstrauen unterdrücken, wenn es dich beleidigt! lieber unvorsichtig mit dir ins Unglück rennen als dich durch Vorsichtigkeit kränken! – Komm! setze dich! erzähle mir weiter! – Du nahmst von Vignali Abschied; und nach diesem Morgenbesuche gingst du? Wohin, liebe Ulrike?"

Ulrike. Zum Mittagsessen bei der Frau von Dirzau: es war gerade zwölfe, und Vignali sagte mir: "Die Frau von Dirzau setzt eine Ehre darein, mit den Tagelöhnern zu gleicher Zeit zu essen: gehen Sie also gleich hinüber!" – Wirklich war es auch hohe Zeit; denn die Suppe stand schon auf dem Tische, als ich anlangte. Die Frau von Dirzau sagte in eigner person ein langes, langes Tischgebet her, wozu die fräulein auch einen kleinen Zuschuss tat, und gegenwärtig geht das Beten nach der Reihe herum. Sie, mein fräulein und ich, wir machten, wie seitdem täglich, den ganzen Tisch aus und sassen lange sehr züchtig und still da: die Frau von Dirzau legte vor. Als sie den ersten Löffel Suppe essen wollte, fing sie mit einem höhnisch verzognen mund an: "Sie haben der Madam Vignali die Cour gemacht?" – "Ja: der Herr von Troppau hat mir befohlen, sie zu besuchen." – "Daran haben Sie wohlgetan: es ist eine sehr kluge Frau." – Nun stunde unser Gespräch still. Da sie die Suppe aufgezehrt hatte, welches sie äusserst bedächtig tat, hub sie wieder an: "Wie gefällt Ihnen die Vignali?" – "Ausserordentlich wohl! Sie hat mich empfangen wie eine Schwester." – "Das ist ja sehr schön: es ist eine Frau voller Lebensart." – Abermals eine Generalpause! Das Rindfleisch erschien: sie machte ein Kreuz mit dem Messer und schnitt ein. Als das Rindfleisch herumgegeben war, fragte sie: "Trauen Sie der Vignali?" – "Ja, ich glaube, dass sie mein Vertrauen verdient." – "Glauben Sie das? So habe ich die Ehre, Ihnen zu sagen, mein liebes Kind, dass Sie falsch glauben. Es ist eine abscheuliche Frau, ein wahrhaftig gottloses Weib, das weder Gott noch Menschen scheut, um ihre Absichten durchzusetzen." – "Das sollte ich doch kaum denken", unterbrach ich sie. – "Es ist möglich", sagte sie äusserst spöttelnd, "dass Sie die Kunst besitzen, die Leute in einer Stunde besser kennenzulernen als ich in sechs Jahren: am Ende wollen wir sehen, wer sich geirrt hat, ich oder Sie. Sie hat meinen Bruder in ihrer Gewalt und spielt mit ihm wie die Katze mit dem Zwirnknaul: nehmen Sie sich in acht! Sie sind sehr jung, und ihr Äusserliches lässt mich erwarten, dass Sie noch nicht verdorben sind: aber Vignali kann nicht wohl unverdorbne Menschen um sich leiden: sie müssen ihr gleich werden oder zugrunde gehen. Mein Bruder ist gewöhnlich das Werkzeug, solche schuldlose Geschöpfe, die ein wenig Ehrbarkeit und Tugend mehr haben als dies schändliche Weib, unglücklich zu machen: hüten Sie sich, dass Sie nicht das Opfer werden, das mein Bruder diesem grausamen Götzen bringen muss. Wenn Sie klug sind, wissen Sie nunmehr genug. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft sich mehr an mich als meinen Bruder und die Vignali halten werden: es ist zwar seine Tochter, die Ihnen anvertraut werden soll, allein ich erziehe sie und will sie zu einem ehrbaren, frommen Leben und nicht zu so einer wüsten Tollheit erzogen wissen. Fliehen Sie alle diese lustigen Gesellschaften! Man wird Sie vermutlich dazuziehen wollen: aber wie ich Ihnen sage, halten Sie sich einzig an mich und gehorchen Sie sonst niemandem! Sie können leicht erachten, dass ich ein gutes Zutrauen zu Ihnen habe, weil ich so offenherzig mit Ihnen spreche. Alle meine Domestiken verstehen französisch, und doch scheue ich mich nicht, alles dies und jedes andre Geheimnis in ihrer Gegenwart zu sagen: nicht ein Wort kommt über ihre Zunge: so eine Treue, Einigkeit und Liebe herrscht in meinem haus!" – Sie sprach noch lange in diesem Tone mit mir: wir stunden auf, und sie war noch immer bei der Vignali. Nach Tische nahm sie mich in ihr Kabinett, liess ihren Bruder bitten, zu ihr heraufzukommen und bei meiner Annehmung selbst zugegen zu sein: er kam auch wirklich, aber sehr verwundert, was er dabei sollte. – "Soll denn der Mamsell vielleicht eine Bestallung ausgefertigt werden?" fragte er spöttisch. "Ich habe meine Meinung heute früh gesagt: das kann ihr wieder gesagt werden: man weist ihr das Zimmer an; und so ist die ganze Historie fertig. Ich bekümmere mich um solche Dinge nicht.