1780_Wezel_105_143.txt

Komplimenten Glück, dass sie in so nahe Verbindung mit mir geraten sollte, bat um meine Freundschaft als um die grösste Wohltat, die ihr widerfahren könnte, schilderte mir den Herrn von Troppau als den freigebigsten, edeldenkendsten, angenehmsten Mann: die Frau von Dirzau hingegen kam desto schlimmer weg. – "Sie hat ehemals gelebt wie wir alle", sagte sie von ihr, "sie hat geliebt und sich lieben lassen: die Vergnügungen hat sie bis zur Tollheit geliebt und die Narrheit begangen, einen grossen teil ihres Vermögens dabei zuzusetzen. Um ihren Aufwand unter einem ehrbaren Vorwande einzuschränken, warf sie sich vor zwei Jahren in die Devotion und lebt und liebt seitdem im stillen: sie ist mannigmal von einer so skandalösen Frömmigkeit, dass man nicht bei ihr aushalten kann. Sein Sie auf Ihrer Hut! sie ist erstaunend höhnisch, spöttelt über alles mit der Miene eines kanonisierten Heiligen: sie ist das Archiv aller Stadtneuigkeiten und besoldet ein halbes Dutzend alter Huren, die herumschleichen und Nachrichten für sie sammeln müssen. Wahrscheinlich werden Sie in diesem Bureau des affaires scandaleuses auch einen Platz bekommen; und Sie tun klug, wenn Sie sich ihn beizeiten selbst nehmen: das ist das einzige Mittel, ihr zu gefallen; und ich rate Ihnen nicht, ihr zu missfallen: Sie wären verloren, da Sie bei ihr wohnen und speisen werden, wenigstens für jetzt: ich werde den Herrn von Troppau schon antreiben, dass er seine Tochter bald von ihr wegnimmt: die arme Kleine wird zum Schafe bei der Frau." – Das waren ungefähr die Nachrichten, die sie mir nebst einigen andern von gleichem Schlage erteilte. Beim Weggehn führte sie mich in ein kleines Kabinett, zog eine Rolle Geld aus dem Schreibschranke und übergab sie mir. – "Sie brauchen vermutlich Geld", sprach sie, "um sich Kleider anzuschaffen: nehmen Sie!" – Ich weigerte mich, erstaunt über eine solche Gütigkeit. – "Ich leih es Ihnen", fing sie an, als sie meine Verlegenheit merkte. – "Aber ich werde Sie nicht wiederbezahlen können", sprach ich. – "Das wird sich schon geben: wenn es alle ist, wenden Sie sich an mich!" – Unter Küssen, Umarmungen, Versicherungen der Freundschaft und Liebe trennten wir uns. – Heinrich, sage! Kann man eine bessre, liebenswürdigere, edlere Frau finden?

Herrmann. Bis hieher fürwahr nicht! Wenn nichts dahintersteckt?

Ulrike. Über den Misstrauischen! Wer hat dich nur dazu gemacht? – Ach ja! deine Erfahrung, sagtest du ja vorhin! – So ist diese vortreffliche Frau bis auf die Stunde gegen mich geblieben, meine einzige vertrauteste Freundin, meine Zuflucht bei allen Bedürfnissen: unsre Herzen sind einander offen, und unsre Anliegen und Wünsche gehen aus einem in das andre über: sie erzählt mir ihre kleinsten begebenheiten, und wenn's auch nur eine verlorne Stecknadel wäre: wir singen, tändeln, schwatzen miteinanderkurz, wir lieben uns, wie zwo Freundinnen sich lieben müssen: keine kann ohne die andre einen Tag zubringen, und wenn wir uns einen halben Tag nicht gesehen haben, leiden wir wie bei einer ewigen Trennung; und sehen wir uns dann wieder, o da ist die Freude so voll! so herzlich! mit Tränen fliessen wir bei der ersten Umarmung zusammen: unsre hände schliessen sich ineinander, erwärmen sich unter dem feurigsten Drucke und möchten sich gern noch inniger vereinigen, wenn sie nur könnten. Oft sitz ich neben ihr auf dem Sofa, rede lange kein Wort, kann auch nicht reden, so voll ist mir mein Herz: es steigt mir vor süsser Wehmut bis in die Gurgel herauf: ein angenehmer Schauer läuft mir durch den ganzen rücken hinab: ich kann mich nicht halten, ich werfe mich der vortrefflichen Frau an die Brust und schluchze und weine grosse Tropfen und möchte mich gern in ihre Seele hieindrücken können. O Heinrich! nur diese edle Freundin hat mir deine Trennung erträglich gemacht; ich liebte dich in ihr. Wenn eine weibliche Freundschaft auf der Erde wahr und ohne Affektation gewesen ist, so muss es die unsrige sein: ich zittre vor Vergnügen, wenn ich mir sie nur denke.

Herrmann. Aber bist du gewiss versichert, dass Vignali dich ebensosehr liebt als du sie?

Ulrike. Wie du nur so einfältig fragen kannst? – Einfältig, recht einfältig ist das gefragt.

Herrmann. Erzürne dich nicht, liebe Ulrike!

Ulrike. Fast möchte ich! – Tue nicht noch eine so wunderliche Frage! oder du bringst mich gewiss afu. – Ob sie mich liebt? Sehe, höre, fühl ich's denn nicht? Sie erfüllt ja meine kleinsten Verlangen, kommt meinen Wünschen zuvor, lauert recht auf gelegenheit, mir Gefälligkeiten zu erzeigen, gibt mir Geld, soviel ich nur brauche, ohne zu bedenken, dass ich's ihr niemals wiedergeben kann, will auch schlechterdings nichts wiederhaben: liebt man da nicht, wenn man alles das tut? – Du solltest nur unsern Abschied sehen, wenn wir uns auf eine ganze Nacht verlassen müssenwie wir immer voneinander wollen und nicht können, immer umarmen und küssen und gute Nacht sagen, und immer wieder stehnbleiben, noch etwas zu sagen haben, dann wieder umarmen, wieder küssen, und so zehnmal, zwanzigmal Abschied nehmen und zwanzigmal stehnbleiben, bis wir an der untersten Haustür sind; und noch reissen wir uns mit Mühe los, um eine ganze Nacht voneinander