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als Gouvernantin verhelfen könnte, da sie nach der Aussage ihrer Muhme in allen grossen Häusern bekannt sein sollte. Sie versprach nichts als ihren guten Willen. Sie bot mir so lange wohnung bei sich an, bis sich etwas für mich fände, und ermahnte mich beständig, nicht ekel in den Bedingungen zu sein: wenn ich das nicht sein wollte, wäre nichts leichter für so ein hübsches Frauenzimmer wie ich, als in Berlin unterzukommen. ungefähr eine Woche verging nach unserer Ankunft, als sie mir einen Spaziergang unter die Linden vorschlug: aber lieber Himmel! ich hatte keine Kleider. Frau Hildebrand schaffte Rat. Sie brachte mir ein vollständiges, reinliches, seidnes Kleid, koeffierte mich mit eigner Hand und wanderte mit mir fort. Niedergeschlagenheit des Herzens und die Schwächlichkeit vom Fieber machten mich furchtsam: ich konnte kein Auge aufheben, und wenn ich's wagte, kam mir's vor, als wenn jedermann nach mir sähe und von mir spräche: gleichwohl bekümmerte sich niemand um mich, wie mich meine Begleiterin versicherte, ausser einigen Mannspersonen, die mir starr in die Augen sahen oder wohl gar stehenblieben und nach mir wiesen. Ich war so beklommen, dass ich die Frau bat, mit mir umzukehren, weil mir das Anstarren fremder Personen unerträglich wäre. "Das müssen Sie sich zur Ehre rechnen", sprach sie, "wer wird denn so blöde sein? Gucken Sie nur den Leuten recht dreist in die Augen, mein Schäfchen! Sie werden bald Ihr Unterkommen finden, dafür ist mir nicht leid: ich merke das schon. Nur hübsch dreist, mein Lämmchen!" – Auf dem Spaziergange waren nichts als Mannspersonen, und auch in keiner grossen Anzahl; denn es war schon im Herbste und nicht sonderlich angenehm: meine Begleiterin hatte viele Bekannte unter ihnen, die sie von Zeit zu Zeit auf die Seite nahmen und sich von ihr etwas ins Ohr zischeln liessen, indessen dass ich allein dort stunde und mich von den Vorübergehenden begaffen lassen musste; besonders einer, sehr mittelmässig gekleidet, in einem grauen Überrocke, gestiefelt und gespornt, nahm mich in so genauen Augenschein, als wenn er meine person auf seine ganze Lebenszeit merken wollte. Er sprach ein paar Worte leise mit der Hildebrand, und gleich darauf riet sie mir, wieder nach haus zu gehen: wir taten's, und unterwegs entdeckte sie mir, dass dieser Herr, der mich so genau angesehn habe, Herr von Troppau heisse, eine Gouvernantin für ein siebenjähriges fräulein brauche und mich morgen vormittag bei sich sehen wolle. Mir war die Einladung höchst ungelegen: aber was konnte ich tun? – Ich musste mich dazu entschliessen und ging mit der Hildebrand am folgenden Vormittag zu ihm hin. Er empfing mich mit ungemeiner Politesse und führte mich sogar bei der Hand ins Zimmer, dass ich stutzte und nicht anders glaubte, als dass er meinen Stand wüsste. Wir setzten uns, der Bediente brachte Schokolade und ein paar Teller Näschereien; unser Gespräch wollte sich nicht sonderlich erwärmen. Sein überaus ernstes Ansehn und Betragen, seine abgebrochne Art zu reden, sein starrer, steifer blick schreckten mich anfangs nicht wenig: allein da ich glaubte, dass er mich nicht zu sich verlangt habe, um mich anzusehn, fing ich allmählich an, ein wenig lebhafter zu plaudern. Er lächelte zuweilen und fragte endlich ganz abgebrochen, ob die Hildebrand mit mir von seiner Absicht auf mich gesprochen habe: ich bejahte es. – "Ich werde schon weiter mit Ihnen darüber sprechen", sagte er und schickte zu seiner Schwester, der Frau von Dirzau, die mit ihm in einem haus wohnt, um sich erkundigen zu lassen, ob er mich ihr vorstellen dürfte: der Bediente kam mit einem Ja zurück, und er führte mich zu ihr. – "Ich bin Witwer", sagte er unterwegs, indem wir die Treppe in den zweiten Stock hinaufstiegen, "und meine Schwester hat meine Tochter bei sich, die Ihnen zur Erziehung bestimmt ist." – Die Dame empfing mich, wie ihr Bruder, sehr freundlich, blieb ebenso ernstaft und besah mich so genau, dass keine Falte im Kleide, kein Härchen auf dem kopf von ihrem Blicke verschont blieb; und wenn sie mich eine Zeitlang begafft hatte, dann wandte sie sich zu ihrem Bruder und sagte ihm leise ihr Urteil, doch immer laut genug, dass ich's hören konnte: es fiel meistens missbilligend aus, wie ich auch schon aus dem verzognen mund und der gerümpften Nase hätte schliessen können. Ihre fragen an mich betrafen mein Alter, meine Herkunft und andere Dinge dieser Art, die ich grösstenteils mit Lügen aus dem Stegreife beantworten musste. Der Bruder war bei allem, was sie über mich sprachen, entgegengesetzter Meinung: was die Schwester tadelte, lobte er, und da sie beinahe alles tadelte, lobte er auch beinahe alles an mir: zuweilen schien es sogar, als wenn er sich über sie aufhielt. Sie bat mich zum Mittagsessen: der Herr von Troppau ging auf die verbindlichste Weise mit mir die Treppe herunter und befahl einem Bedienten, mich zu Madam Vignali zu bringen, drückte mir die Hand bei dem Abschiede und stieg wieder die Treppe hinauf zu seiner Schwester. Madam Vignali nahm meinen Besuch, auf welchen sie schon vorbereitet war, bei dem Putztische an, und in drei Minuten war ich schon in die Frau verliebt. Sie empfing mich mit offnen Armen und zwei der freundschaftlichsten Küsse, wünschte sich sogleich nach den ersten